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Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen: Ultraschall kann Entzündung enttarnen

News   •   Jan 15, 2020 09:01 CET

Es ist 6:30 Uhr morgens. Julian Hauser* wacht vom Klingeln des Weckers auf und reibt sich verschlafen die Augen. Wie häufig in der letzten Zeit, hat er wieder nicht durchschlafen können. Seit ein paar Tagen hat er starke Bauchschmerzen und Durchfall, der ihn auch nachts auf die Toilette zwingt. Zum Glück ist heute der Termin beim Gastroenterologen, denkt er beim Duschen. Bei Julian (29) wurde vor fünf Jahren die chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED) Colitis ulcerosa (CU) diagnostiziert. CU verläuft häufig in Schüben. Symptomlose Abschnitte können Monate bis Jahre anhalten und sich mit Phasen akuter Schübe abwechseln. Geheilt werden kann die Erkrankung leider nicht. Als Julians Erkrankung festgestellt wurde, stand auch eine Endoskopie auf dem Programm. Bei dieser wichtigen endoskopischen Untersuchung des Darms, auch Darmspiegelung genannt, wird ein ca. 1 cm breites und rund 1,5 Meter langes Endoskop in den Darm eingeführt. Eine Kamera überträgt die Bilder aus dem Inneren auf einen Monitor in der Praxis. Julian hat diese Untersuchung als äußerst unangenehm empfunden. Doch heute wird es keine Endoskopie geben. Julians Gastroenterologe wird unter anderem eine Ultraschalluntersuchung (Sonographie) des Darms zur Beurteilung der Krankheitsaktivität vornehmen.

Nicht-invasiv und ohne Strahlenbelastung
Mit dieser nicht-invasiven Methode kann der Facharzt die Aktivität der Erkrankung (CED) auf patientenfreundliche Weise feststellen. Etwas Gel auf den Bauch, den Schallkopf ansetzen und schon kann es losgehen. Bei der Untersuchung wird deutlich, dass die Darmwand bei Julian deutlich verdickt ist: Ein Zeichen für eine erhöhte Entzündungsaktivität. Auch weitere Testwerte, die Julian regelmäßig bequem per App ermittelt und auf die sein Gastroenterologe zugreifen kann, passen ins Bild – alles deutet auf einen Schub der Erkrankung hin. Schon während der Untersuchung hat der Arzt Julian erklärt, was auf dem Monitor zu sehen ist – ein großer Vorteil des Ultraschalls, der dem 29-jährigen hilft, seine chronische Erkrankung besser zu verstehen. Julian schaut auf dem Monitor mit, wie der Arzt seinen Unterbauch „schallt“ und kann gleich nachfragen, wenn er etwas nicht versteht. Dass die sogenannte intestinale Sonographie im Vergleich zu anderen Methoden auch noch besonders kostengünstig ist, stellt einen weiteren Pluspunkt dar. Nach der Untersuchung bespricht Julians Gastroenterologe mit ihm eine Anpassung der Therapie, um auf den Schub zu reagieren. Für Julian verständlich, denn schließlich konnte er ja selbst sehen, was mit seinem Darm los ist. In zwei Wochen hat er einen weiteren Termin beim Gastroenterologen. Dann möchte der Arzt sehen, ob Julians Symptome besser geworden sind und ob die Darmwanddicke durch die neue Therapie abgenommen hat. Julians Arzt kann jedoch nicht ausschließen, dass demnächst wieder einmal eine Endoskopie ansteht. CU ist eine sehr komplexe Erkrankung und es ist wichtig, dass immer mehrere Aspekte und Untersuchungen in die Beurteilung der Krankheitsaktivität einfließen.

Studie bestätigt Aussagekraft des intestinalen Ultraschalls
Dass Julians Gastroenterologe neben der Endoskopie auch in bestimmten Fällen die intestinale Sonographie bei CED einsetzt, beruht auf handfesten Studiendaten. In der jüngst veröffentlichten TRUST&UC-Studie wurde der Nutzen dieses Verfahrens bei 253 Patienten mit CU in 42 deutschen Behandlungszentren untersucht.1 Etwa 9 von 10 Patienten hatten zu Beginn der Studie eine erhöhte Darmwanddicke im Dickdarm. Die teilnehmenden Studienärzte untersuchten, wie sich eine Therapie, die die Patienten nach Wahl ihres jeweiligen Arztes erhielten, auf die Darmwanddicke auswirkte und ob man die Veränderungen der Wanddicke mittels Sonographie nachverfolgen konnte. Ergebnis: Schon nach einer 2-wöchigen Behandlung konnte via intestinalem Ultraschall eine deutliche, in Fachsprache statistisch signifikante, Verminderung der Darmwanddicke nachgewiesen werden. Die Verbesserung der Ultraschallparameter spiegelte sich zudem in den Symptomen der Patienten wie der Anzahl der Durchfälle und der generellen gesundheitlichen Verfassung wider. Die Darmwanddicke blieb im Verlauf der 12-wöchigen Studie deutlich reduziert im Vergleich zum Beginn der Studie.

Die Leiter der Studie schlossen aus diesen Daten, dass sich die intestinale Sonographie gut zur Beurteilung der Krankheitsaktivität bei CU eignet, insbesondere wenn zusätzlich noch bestimmte Laborwerte mit in die Bewertung einfließen. Eine weitere Studie, die TRUST BEYOND-Studie, untersucht derzeit bei 400 Patienten mit CED, die auf moderne biologische oder zielgerichtete Medikamente eingestellt wurden, ob die via Ultraschall ermittelte Veränderung der Darmwanddicke auch den langfristigen Therapieerfolg bei CED vorhersagen kann. Die TRUST-Studien könnten somit einen Meilenstein auf dem Weg hin zum Einsatz des intestinalen Ultraschalls in der Routinediagnostik und -verlaufskontrolle bei CED sein.

*Anmerkung: Julian und der Gastroenterologe sind fiktiv. Die Krankheitsgeschichte entspricht realen Bedingungen.

Quelle:
Maaser C, Petersen F, Helwig U, et al. Gut Epub ahead of print: 12/2019. doi:10.1136/ gutjnl-2019-319451