Skip to main content

"Hamstern von Desinfektionsmitteln muss ein Ende finden”

Pressemitteilung   •   Mär 05, 2020 11:14 CET

Der 24-jährige Joel Rombey / Foto: Privat

Bonn, 05. März 2020 - Die Aktion Mensch weist darauf hin, dass viele Menschen aufgrund chronischer Erkrankungen, Alter oder Behinderungen auf Desinfektionsmittel oder Schutzmasken angewiesen sind. „Wir nehmen die Sorgen und Ängste der Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus ernst – Hamsterkäufe sind aber die falsche Reaktion. Wir appellieren daran, auch an die Menschen zu denken, die Desinfektionsmittel dringend brauchen, um gesund zu bleiben“, sagt Christina Marx, Leiterin der Aufklärung bei der Aktion Mensch.

Joel Rombey ist so ein Mensch. Der 24-Jährige erlitt im Alter von 17 Jahren durch einen Kopfsprung in flaches Gewässer einen schweren Unfall. Seitdem ist er vom Hals abwärts querschnittsgelähmt und Tetraplegiker. Seine Atemfunktion ist stark eingeschränkt. Ein Infekt wäre für ihn lebensbedrohlich. Er braucht Desinfektionsmittel, um sich zu schützen. „Sinnlos gehortete Desinfektionsmittel könnten an anderer Stelle Leben retten. Ich hoffe, dass das Hamstern oder noch schlimmer das Profitschlagen aus Desinfektionsmittelnbald ein Ende findet”, so sein dringender Appell.

____________________________________________________________________________

Interview mit Joel Rombey

„Sinnlos gehortete Desinfektionsmittel könnten an anderer Stelle Leben retten.“

Der 24-jährige Joel Rombey ist Tetraplegiker. Er kommt aus Aachen und studiert Psychologie. Er hat große Sorge, dass ihm wegen des Corona-Virus bald keine Desinfektionsmittel mehr zur Verfügung stehen

Welche Erkrankung hast du?

Am 1. Mai 2013 erlitt ich im Alter von 17 Jahren einen schweren Unfall durch einen Kopfsprung in flaches Gewässer. Ich bin seitdem ab dem Hals querschnittsgelähmt und Tetraplegiker. Das bedeutet, dass von den Lähmungen neben dem Rumpf auch alle vier Gliedmaßen betroffen sind. Meine Hände und Finger kann ich nicht bewegen. Sensibilität verspüre ich nur ab Hals aufwärts. Zudem ist die Atemfunktion stark betroffen, da Rumpf- und Bauchmuskelfunktionen fehlen. Meine Atmung wird fast ausschließlich durch das Zwerchfell reguliert, wodurch das Abhusten stark beeinträchtigt ist.

Wie würde sich eine Ansteckung mit dem Corona-Virus auf deine Gesundheit auswirken?

Da der Corona-Virus eine Atemwegserkrankung ist, würde dieser sozusagen direkt eine Schwachstelle von mir angreifen. Meine Lungenkapazität und Ausatmungskraft sind so stark beeinträchtigt, dass ich massive Probleme hätte den Schleim abzuhusten. Durch meine verminderter Atemfähigkeit zähle ich zur gefährdeten Gruppe.

Hast du Angst davor?

Ich habe definitiv großen Respekt vor dem Corona-Virus. Nach meinem Unfall musste ich über Wochen künstlich beatmet werden, da meine Lunge aufgrund von mehreren Lungenentzündungen kollabierte. Ich musste also das Atmen Schritt für Schritt wieder erlernen. Ich kenne also das beklemmende und lebensbedrohliche Gefühl der Atemnot. Diese Angst, die man dann verspürt, wenn man plötzlich keine Luft mehr bekommt, wurde mir vor kurzem wieder ins Gedächtnis gerufen. Ich hatte kurz vor Ausbruch des Corona-Virus in China das erste Mal seit meiner Akutphase nach dem Unfall wieder eine Lungenentzündung. Ich war nicht mehr in der Lage selbstständig abzuhusten und konnte dies nur mit viel Mühe durch Unterstützung meiner Assistenz und einem technischen Hilfsmittel (Cough-Assistent) schaffen. Die Hilflosigkeit, sich nicht selbstständig von der Atemnot befreien zu können, löst definitiv ein starkes Angstgefühl aus. Aus diesem Grund bin ich schon sehr besorgt. Ich habe großes Mitgefühl mit Betroffenen, die ständig auf künstliche Beatmung angewiesen sind und eine noch schwächere Atmung haben als ich.

Welche Probleme ergeben sich speziell dadurch, dass andere Menschen Desinfektionsmittel hamstern und dir dadurch vielleicht keines zur Verfügung steht? Welche Auswirkungen hat es, wenn du es nicht mehr bekommen würdest?

Als Tetraplegiker ist man anfällig für alle möglichen Infektionen. Insbesondere die Blase und Niere sind davon sehr häufig betroffen. Für mich sind Desinfektionsmittel nicht nur ein Schutz vor dem Corona Virus, sondern vor ganz vielen andere Viren und Bakterien. Ich lebe 24 Stunden am Tag mit Assistenten zusammen und werde darüber hinaus von Physio- und Ergotherapeuten behandelt. Wenn man pflegebedürftig ist und sich nicht mehr selbstständig versorgen kann, bekommt Hygiene eine ganz besondere Wichtigkeit. Man wird nämlich plötzlich nicht mehr nur noch mit seinen eigenen, sondern vermehrt auch mit Viren und Keimen von Assistenten, Therapeuten und Ärzten konfrontiert. Hierfür sind Pflegemittel wie Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel die einzige Möglichkeit sich zu schützen. Ein Ausbleiben dieses Schutzes würde bei meiner Anfälligkeit die Infekte rapide erhöhen und mich somit einem hohen Gesundheitsrisiko aussetzen.

Man darf hierbei aber auch nicht den Schutz für die Pflegekräfte/Assistenten außer Acht lassen. Auch wenn Assistenten vielleicht nicht so anfällig für Infekte sind wie ich, muss der Schutz natürlich auch gewährleistet sein. Beispielsweise wenn ich erkältet bin und die Nase putzen muss, dann kann ich das nicht selbstständig tun und benötige Hilfe vom Assistenten. Selbstverständlich muss der Assistent sich danach die Hände desinfizieren können, um eine Ansteckung zu vermeiden.

Ergänzungen:

Eine erhöhte Ansteckungsgefahr geht mit einer erhöhten Erkrankungsrate einher. Dies hätte zur Folge, dass bei einem Ausfall von drei Vollzeitkräften meine Versorgung nicht mehr sichergestellt werden könnte. Bei einem Corona Ausbruch in meinem Assistenzteam, würden mir ehrlich gesagt jegliche Lösungen fehlen. Assistenznehmer können aufgrund ihrer Abhängigkeit sich nicht so einfach abschotten und sind auf Unterstützung angewiesen. Außerdem können Assistentennehmer zwar Großveranstaltungen meiden, aber wenn die Assistenten dies in der Freizeit nicht tun, können diese trotzdem den Corona Virus anschleppen. Also wir Betroffenen können trotz Eigenleistung uns der Gefahr nur schwer entziehen, wobei die Folgen für uns sehr schwerwiegend sein können. Diese ganzen Gründe sind auch nochmal ein Beweis dafür, dass Desinfektionsmittel als einzige Schutzfunktion für uns unverzichtbar sind.

Ich hoffe, die Einblicke konnten aufzeigen, weswegen Desinfektionsmittel so wichtig für uns sind und dass dies vielleicht auch als Appell dienen kann, damit Leute die wirklich angewiesen auf Desinfektionsmittel sind, diese auch wieder erhalten können. Ich hoffe, dass Hamstern von Pflegemitteln oder noch schlimmer das Profitschlagen aus Pflegemitteln bald ein Ende findet.

Über die Aktion Mensch e. V.

Die Aktion Mensch e.V. ist die größte private Förderorganisation im sozialen Bereich in Deutschland. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hat sie mehr als vier Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben. Ziel der Aktion Mensch ist, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung, Kindern und Jugendlichen zu verbessern und das selbstverständliche Miteinander in der Gesellschaft zu fördern. Mit den Einnahmen aus ihrer Lotterie unterstützt die Aktion Mensch jeden Monat bis zu 1.000 Projekte. Möglich machen dies rund vier Millionen Lotterieteilnehmer. Zu den Mitgliedern gehören: ZDF, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, Paritätischer Gesamtverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Seit Anfang 2014 ist Rudi Cerne ehrenamtlicher Botschafter der Aktion Mensch www.aktion-mensch.de

Angehängte Dateien

PDF-Dokument

Kommentare (0)

Kommentar hinzufügen

Kommentar

Durch das Absenden Ihres Kommentars akzeptieren Sie, dass Ihre persönlichen Daten Mynewsdesks Datenschutzerklärung entsprechend verarbeitet werden.