Karl-Heinz Land

Denkfabrik in "Edison": Die Zukunft provozieren

Blog-Eintrag   •   Feb 20, 2019 15:15 CET

Technischer Fortschritt half, die Probleme der Menschheit zu lösen. 2060 schildert der nun 98-jährige Digitalisierungspionier Karl-Heinz Land vor Studenten, wie seine Visionen Wirklichkeit wurde...

Seid gegrüßt, Erstsemester! Ohne den digitalen und technologische Fortschritt stünde ich heute nicht hier, bald 100 Jahre alt und immer noch topfit. Wie hat sich unsere Welt, wie hat sich unser Leben in den zurückliegenden Jahrzehnten verändert. Unsere Städte sind dank der vielen autonom fahrenden Elektromobile so leise geworden. Und dank „Urban Gardening“ grün statt grau. Inzwischen leben mehr als 65 Prozent aller Menschen in diesen Oasen, die wir Städte nennen.

Weltweit – vor allem in Asien und Afrika – gibt es mehr als 40 Megastädte mit bis zu 50 Millionen Einwohnern. Die Ökobilanz dieser Städte ist aber über 70 Prozent besser als zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Das liegt auch daran, dass sich die Kreislaufwirtschaft durchgesetzt hat. Wir haben Recyclingquoten von über 90 Prozent quer über alle Materialien. Heute ist es selbstverständlich, dass nur das produziert wird, was sich auch komplett in wiederverwertbare Einzelteile zerlegen lässt.

Heute ist kaum noch jemand krank; selbst defekte Zellen oder Gene können repariert werden. Sollte ein Organ zerstört sein, drucken wir mit einem 3D- Drucker ein neues aus oder lassen es aus eigenen Stammzellen züchten. Mittlerweile können wir auch den Alterungsprozess durch Eingriffe in die DNA verlangsamen. Jetzt arbeiten Wissenschaftler daran, das Alter wieder zurückstellen zu können.

Ob ich mir solch einen gentechnischen Jungbrunnen für mich wünsche, kann ich Ihnen nicht sagen. Als Mensch, der noch vor der großen Transformation aufgewachsen und alt geworden ist, war ich schon froh, dass ich irgendwann nicht mehr bei jeder Krankheit zum Arzt marschieren musste. Es war ein großer Schritt, die Realtime-Überwachung meiner Vitaldaten zuzulassen. Mittlerweile denke ich nicht mehr darüber nach, dass der Spiegel meinen Gesichtsausdruck, meine Haltung oder die Farbe meiner Haut kontrolliert, dass Urin und Stuhl automatisch analysiert werden und mein Blut durch Nanoroboter smart geworden ist. Die Ernährungs- und Bewegungstipps, die ich jeden Morgen bekomme, möchte ich nicht mehr missen. Wie so vieles andere nicht.

Erde 5.0 in der "Denkfabrik" von Edison

Zukunftsvision: Der Auszug aus "Erde 5.0 – Die Zukunft provozieren" in Edison Ausgabe 4/2018, S. 34/35, mit Illustrationen von Sebastian Schwamm, steht hier zum Download bereit.

Früher, als ich noch Unternehmensberater war, arbeitete ich bis zu sechzig Stunden in der Woche. Sie arbeiten heute vermutlich allenfalls zwanzig Stunden in der Woche, wenn überhaupt. Es hat lange gedauert, bis die Politik verstand, worum es bei der fünften industriellen Revolution wirklich geht: Um die Befreiung des Menschen von der Arbeit. Es befriedigt mich sehr, dass sich das bedingungslose Grundeinkommen am Ende durchsetzte. Unser Gemeinwesen funktioniert prima, obwohl die Hälfte der Menschen nicht mehr „arbeitet“. Der technologische Fortschritt, die Digitalisierung und die Automatisierung haben die Produktivität derart ansteigen lassen, dass das Grundeinkommen problemlos finanziert werden konnte.

Bildung und Ausbildung haben so einen neuen Stellenwert in unserem Leben bekommen. Heute entscheiden Sie mehr oder weniger selbst über ihren „Lernstoff“ und womit sie sich beschäftigen. In einer Gesellschaft, in der wir uns selbst entwickeln und beschäftigen müssen. Deshalb lehren wir mehr Methodenwissen als Inhalte.

Gesammeltes Wissen

Stellen Sie sich vor, zu meiner Schulzeit mussten wir noch Gedichte auswendig lernen. Heute können Sie diese per „Brainline“ rezitieren und haben den Kopf dafür frei, die Schönheit und Bedeutung der Worte auf sich wirken zu lassen. Wir stellen Fragen – die Maschine liefern Antworten. Wenn wir es wollen, können wir gedankenschnell das gesammelte Wissen der Menschheit anzapfen.

Ich habe gestern keine Minute gebraucht, um mich mit der neuen Generation der Desertec-Solarfarmen in der Sahara vertraut zu machen. Die Solarkraftwerke versorgen ganz Europa preisgünstig mit Energie. Sie machen es auch möglich, Meerwasser in großen Mengen zu entsalzen. Afrika ist darüber zum größten Exporteur nachhaltiger Energie geworden. Desertec half nicht nur, den Klimawandel zu bremsen. Die Kraftwerke lieferten auch die saubere Energie für die globale Digitalisierung und schufen so eine zuverlässige „Infrastruktur des Wohlstands“ in Afrika. Jetzt haben fast alle Menschen Zugang zu Wertschöpfung, Information und Kapital. Übrigens: Der Anzug, den ich trage, wurde im Kongo entworfen. Ich habe ihn heute im Budget-Printshop drucken lassen. Die Digitalisierung ermöglichte es dem Kontinent, gleich mehrere Stufen der Entwicklung zu überspringen.


Bei diesem Beitrag aus "Edison" handelt es sich um ein gekürztes Kapitel aus "Erde 5.0 – Die Zukunft provozieren".

Die Segnungen der Technologie sind für Sie eine Selbstverständlichkeit, für mich und meine Generation waren sie eine Herausforderung. Wir hätten die Transformation wegen zu großer Ressentiments fast verpasst. Aber auch hier hat sich gezeigt, dass Technologie die Probleme der Technologie löst. Unsere „Personal KI“ wacht über unsere Daten und sorgt dafür, dass sie nur nach unseren Wünschen eingesetzt werden. Sie lernt blitzschnell und schützt die Integrität und Souveränität der Bürger gegenüber Unternehmen, aber auch gegen Zugriffe staatlicher Organisationen. Wer hätte gedacht, dass Datenrechte in Sekundenschnelle neu ausgehandelt werden können?

Ja, wir haben lange aushandeln müssen, wie das Miteinander von Mensch und Maschine funktioniert. Jetzt ist es an Ihnen! Setzen Sie Ihre Intelligenz und Ihre Fantasie dafür ein, das Leben auf diesem Planeten weiter zu verbessern. Die Intelligenz der Maschinen ist verblüffend, aber letztlich nur Mittel für einen Zweck: Dem Menschen zu dienen. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift "Edison", Handelsblatt Media Group, Ausgabe 4/2018. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.