Alerta Bokförlaget

Mein Freund aus Metaponto (14)

Blog-Eintrag   •   Jun 02, 2013 19:52 CEST

Meine Freundin Erika wohnte noch in ihrem Elternhaus und im heißen Sommer 1961 lernte ich auch ihre Eltern, Anton und Hanna, kennen. Sie lebten in einem kleinen Haus mit Garten auf der Thaliastrasse im Wiener Gemeindebezirk Ottakring. Wir schätzten es sehr mit ihnen im Schatten unter den großen Apfelbäumen zu sitzen, unseren Durst mit eiskalten Getränken zu löschen und unsere Neugierde mit den Jugenderzählungen von Erikas Vater zu stillen. Er stammte aus dem Sudetenland und gehörte der deutschen Bevölkerungsgruppe in der Tschechoslowakei an. Sein Vater, Erikas Großvater, war Elektroingenieur gewesen und arbeitete zur damaligen Zeit in der berühmten Porzellanfabrik Marktesgrün in der Nähe von Karlsbad. Als Anton im Jahre 1935 zum Militärdienst einberufen wurde, desertierte er nach Österreich, denn er war sicher, dass er als Deutscher Schwierigkeiten in der tschechischen Armee bekommen würde. Die deutsche Minderheit hatte bei den Tschechen einen schlechten Ruf nach einem Propagandakrieg zwischen den Tschechen und der sudentendeutschen Partei. Drei Jahre später, im Mai 1938, stellte Hitler tatsächlich Territorialansprüche und annektierte das Sudetenland, während die europäischen Länder nach dem Anschluss Österreichs noch handlungsgelähmt waren und kaum reagierten.Anton ließ sich in Wien nieder und noch bevor der Krieg ausbrach, traf er seine künftige Frau, Hanna. Genau wie auch die Eltern von Nico, heirateten sie während des Krieges. 

Anton, der ein überzeugter Pazifist war, erwischte es ordentlich, er kam vom Regen in die Traufe und wurde im Jahre 1940 vom deutschen Militär als Soldat nach England geschickt und musste an dem „Blitz von London“ teilnehmen. Er litt sehr unter der Zerstörung, welche die Bomben unter der Zivilbevölkerung verursachten, besonders die Granaten die in den Wohngebieten versteckt wurden, um die Zivilbevölkerung zu verletzen. Wegen Schlechtwetters wurde die „Operation Seelöwe“ von Hitler auf unbestimmte Zeit aufgeschoben und Anton wurde an die Ostfront gesandt um den Deutschen „einen erweiterten Lebensraum“ zu beschaffen. Trotz der Tatsache, dass Stalin seine militärischen Kräfte durch brutale Methoden geschwächt hatte, und die Deutschen anfangs besser gerüstet waren, war die Rote Armee überlegen, denn die deutschen Strategen in Berlin hatten es eilig, und ignorierten die lokalen Verhältnisse in der Sowjetunion. Hitlers Befehle und Contraorder, seine Eile, Leningrad und Moskau zu erobern, erlaubte keine Widerrede, keine Pausen wurden den kämpfenden Truppen zugestanden, und die Soldaten waren erschöpft. 

Am 5. Dezember 1942 erreichte Antons erfrorene und halb verhungerte Mannschaft Krasnaja Poljana, eine Ortschaft dreißig Kilometer von Moskau entfernt. Sie konnten den Verteidigern der Hauptstadt nicht länger standhalten, und der wohlgeplante Verteidigungsansturm traf die Truppe mit großer Kraft. Die deutschen Soldaten waren gegen die strenge Kälte nicht gerüstet, weil man damit gerechnet hatte, dass der Feldzug nach Moskau schon im Herbst 1942 abgeschlossen sein würde. Anton und seine Kameraden hatten im Dezember noch immer die Sommeruniformen an.

Er erzählte uns von den Läusen, die dicht zusammen wie Trauben auf den Krägen der Waffenröcke hausten, sprach von den immer vorhandenen Flöhen, von Kälte und Erfrierungen, von den nassen und zerfetzten Fußlappen in Stiefeln ohne Sohlen, von Hunger, Durst und Medikamentenmangel, von Männern mit blutbesudelten Händen, deren Augen sich an toten Menschenkörpern übersättigt hatten und deren Körper von Schlägen und Hieben wund waren, von laienhaften Amputationen und Schmerzen ohne Ende, mit anderen Worten erzählte er von seinen Erlebnissen im zweiten Weltkrieg aber gleichzeitig von allen Kriegen, die wir Menschen gegen einander austragen.

 Eigenartigerweise ergötzen wir uns, seine Zuhörer, an den grusligen Gefahren als wären wir bei einem Kinobesuch, wir lebten indirekt mit dem was andere Menschen vor uns schon durchgemacht hatten und unser Wissensdurst war gewaltig, wir wollten immer weitere Details haben, aber als Anton dies bemerkte, erschrak er, denn in seiner Gutgläubigkeit hoffte er doch, dass die Zeit der Kriege nun endgültig vorbei und die Menschheit nunmehr allzu klug sei, um Kriege zu dulden. Antons Erzählungen endeten immer in einem Schluchzen, seine Gesichtszüge verdrehten sich in einem Weinkrampf, wenn er davon erzählte wie er und seine Unglücksbrüder helfen mussten, das Schlachtfeld aufzuräumen. Weil Klamotten sehr gefragt waren, musste alle Kleidungstücke eingesammelt werden. Die Finger der Toten wurden abgeschnitten, damit die Eheringe der Gefallenen ihren Ehefrauen zusammen mit einem Amtbrief zugeschickt werden konnten, der die einzigartige Tapferkeit des jeweiligen Soldaten lobte, sowie den mutigen Einsatz, den der Tote für das Tausendjährige Reich geleistet hatte. Anton verbrachte später einige Jahre in amerikanischer Gefangenschaft. 

Als Anton an diesem Punkt in seiner Erzählung anlangte, wurde er plötzlich still, es hatte den Anschein als ob seine Zeit und die Erlebnisse in der Gefangenschaft nicht zur Geschichte gehörten, sondern ganz uninteressant waren in Vergleich zu seinen Kriegserfahrungen. Er fügte auch leise hinzu, dass die Sudetendeutschen aus der Tschechoslowakei nach dem Krieg 1945 ausgewiesen wurden und dass seine drei Schwestern und sein Bruder nach Kanada emigrierten. Es war uns, als wünschte er ihnen gefolgt zu sein. 

Auszug aus Kapitel 2 der Biographie „Mein Freund aus Metaponto" (Siehe www.adlibis.com)

(Alle meine zehn Dokumentarromane sind auf der Homepage: http://home.swipnet.se/Alerta ersichtlich und bei  www.adlibris.com 

erhältlich.

Siehe auch http://urplay.se/Produkter/174398-En-bok-en-forfattare-Maria-Magdalena-Mathsdotter

Das Program "En bok - en  författare"  ist auf schwedisch und handelt von einer jungen Samefrau und ihrem Mut, den König aufzusuchen und um Hilfe für bessere Schulen für die Samekinder zu erbitten.

"Maria Magdalena Mathsdotter - Kungen, samekvinnan och den franske pastorn")

Lilian O. Montmar, Schriftstellerin