Alerta Bokförlaget

Mein Freund aus Metaponto (2)

Blog-Eintrag   •   Feb 07, 2013 12:17 CET

Ich sitze zu Hause bei Erika in ihrem dunklen Wohnzimmer in Wien-Döbling und sehe sie an. Ihre Augen sind trocken und sie weint nicht mehr, aber ihre Körperhaltung spricht eine deutliche Sprache, ihre Schultern sind eingezogen und sie sieht klein und verlassen aus.

„Ich habe es noch nicht verstanden“, sagt sie. „Es ist als würde ich mich in einem bösen Traum befinden. Ich hatte das Gulasch gewärmt, weil es schon bald sechs Uhr war und er hätte schon seit langem zu Hause sein sollen. Als das Telefon klingelte, lief ich hin und erwartete, die Stimme von Nico zu hören, die mir sagen würde, dass er verspätet sei, aber anstatt dessen war es die Polizei, die mich ersuchte zur Polizeistube zu kommen. Ich fragte noch ob etwas Ernstes passiert sei, aber der Polizist wollte nichts näheres sagen.

 „Kommen Sie bitte hierher, dann werden Sie alles erfahren!“

 Wir sehen einander an und denken offensichtlich beide an die noch unausgesprochene Frage. Wann hat sein Sterben begonnen? Wann hat er angefangen nachzugeben? Alle diese Erlebnisse, die sein Leben vergifteten. Es gibt ja langsam wirkende Gifte, die – wenn sie auch am Ende töten - nicht nachvollzogen werden können. Der Tod selbst ist so ein Gift. Ich fühle wie mein Magen sich zusammenzieht. Hätte die Katastrophe verhindert werden können? Hätte ich meinen Freunden diesmal besser beistehen können? 

Voriges Mal als das was nicht geschehen darf, doch geschah, stand ich meiner Freundin Erika auch nicht bei. In meiner Verzweiflung kann ich kaum die zwei Ereignisse von einander trennen, obwohl sie zeitlich so weit von einander entfernt sind. In meinem Gedächtnis entsteht ein anderes Bild; ein anderer Raum, ein anderes Sofa in meiner kleinen Zweizimmerwohnung in dem zwei-hundertjährigen Wohnhaus in der Mariahilferstraße vor vielen, vielen Jahren. Ihre Haare waren damals noch nicht ergraut, ihre Gesichtszüge noch glatt und ihr Körper noch schlank, denn sie war damals nur knapp über zwanzig. Ihr junger schöner griechischer Freund hatte seit einigen Tagen nichts von sich hören lassen und sie fragte, ob ich wüsste wo er sei. 

Ich wollte ihr keine klare Antwort geben, aber am Tage danach war in der Zeitung zu lesen, dass ein Gasunglück in einer Wohnung im zweiten Wiener Gemeindebezirk zwei jungen Menschen das Leben gekostet hatte. Ihr Freund hatte eine griechische Freundin, die plötzlich in Wien aufgetaucht war und kurzzeitig bei ihm in der Wohnung hauste. Zu der Zeit hatten die meisten alten Altbauwohnungen in Wien Durchlauferhitzer in den Küchen und diese waren nicht immer zuverlässig. Oft verursachten sie Explosionen und Gasaustritte. Die toten Körper wurden in der Wohnung aufgefunden; ihr Körper beim Gasherd, offensichtlich hatte sie Spiegeleier gemacht. Sein Körper befand sich in der Sitzbadewanne, die hinter einem dünnen Plastikvorhang in der Küche einen Platz hatte. Die zwei jungen Menschen wurden vergast. 

Uns war damals der Tod unserer Freunde unverständlich. Wir haben zu der Zeit nicht begriffen, dass der Tod auch uns berühren konnte, wir gehörten ja noch zu den Unsterblichen, unser Leben war ja ewig, es waren ja nur die alten und kranken Menschen die sterblich waren.


Ausschnitt aus „Mein Freund aus Metaponto"

Lilian O. Montmar

Buchrezensionen siehe http://home.swipnet.se/Alerta

Siehe auch: http://urplay.se/Produkter/174398-En-bok-en-forfattare-Maria-Magdalena-Mathsdotter