Alerta Bokförlaget

Mein Freund aus Metaponto (7)

Blog-Eintrag   •   Mär 12, 2013 14:28 CET

In Seesen erlebten bereits viele Gastarbeiter erstmals ihr Dolce Vita. Vom freien Lebensstil hatten sie ja bisher keine Ahnung gehabt. Die Sitten in Deutschland waren ziemlich liberal, etwas das meilenweit von den südlichen Erziehungsgewohnheiten entfernt war. Die Jugend ermunterte sich gegenseitig einander zu lieben, anstatt Krieg zu führen nach dem Motto: „make love, not war“. Die Hippiebewegung mit der liberalen Betrachtungsweise von Drogen und Sexualität war am Ende der sechziger Jahre höchste Mode. Viele Jugendliche gingen lieber dieser Devise nach, anstatt zu arbeiten und zu verdienen.

Viele von ihren Freunden wohnten in Gemeinschaftshäusern und beschafften sich kein privates Eigentum, ja, man verspottete sogar die Arbeiter und diejenigen, die sich ein Eigenheim schaffen und unabhängig sein wollten. Man kritisierte die Nachkriegsmentalität der älteren Generation, die sich materiellen Reichtum und Statusgegenstände erarbeitete und sich bemühte, sich selbst als geistig schaffenden Menschen wieder aufzurichten. Für die jungen armen Landarbeiter vom katholischen Süditalien war diese Lebenseinstellung unverständlich. Sollte denn alles was sie früher als Fortschritt bezeichnet haben, keinen eigentlichen Wert haben, ihre Hoffnung auf ein besseres Leben kein besseres Leben sein? Sie sind ja gerade deswegen gekommen, um sich materiell ein besseres Dasein zu schaffen.

 Die gleichaltrigen Menschen, mit denen sie befreundet waren in der Fabrik und in der Freizeit, hatten andere Ideen und das führte dazu, dass die Neuankömmlinge eigene Wege gingen um ihre Ideale zu verwirklichen, sie folgten den Fußstapfen der älteren Generation. Auf diese Weise isolierten sie sich von ihren Gleichaltrigen.

Nico hatte das Glück eine eigene Mietwohnung zu finden und nach einiger Zeit hatte er sich ein gemütliches Wohnen geschaffen. Möbel hatte er billig gekauft, er war sogar stolzer Besitzer eines richtigen Schmuckstückes geworden. Einen deutschen Kleiderschrank im Jugendstil aus Edelholz mit einem schönen dreiteiligen Spiegel, hatte er im Pfandbüro ergattert. 

Es geschieht an einem Sonntagmorgen, an einem solchen Morgen, wo man nichts besonders vorhat, sondern planlos ohne Eile zu Hause herumtrödelt. Lediglich in seinem neuen Selbstbewusstsein gekleidet, schlendert er durch das Schlafzimmer und bleibt selbstgefällig beim dreiteiligen Spiegel stehen. Er fühlt sich nicht im geringsten eitel, mit kritischem Schneiderblick betrachtet er seinen nackten Körper, in seiner Männlichkeit gestärkt, richtet er sich noch ein wenig auf, streckt den Rücken noch mehr. Besonders hochgewachsen ist er nicht, er stellt sich ins Profil und denkt, dass er sich trotzdem ganz schön vorkommt, schlanke Taille, schlanke Hüfte, um die Wahrheit zu sagen, schaut er ganz fesch aus. Er streckt die Arme aus, kreuzt sie über die behaarte Brust, spannt die Armmuskeln an, ja, gar nicht so übel, für seinen Geschmack zugegebenermaßen ganz passabel. 

Im Augenwinkel nimmt er plötzlich eine Gestalt im gegenüberliegenden Haus wahr. Er ist nicht mehr allein, er wird beobachtet. Durch die dünne Gardine am Fenster im Nebenhaus starrt ihn eine Frau an. Sie lehnt am Fensterrahmen, den Vorhang hat sie ein wenig zur Seite geschoben und sie starrt, glotzt, stiert ihn mit weit offenen Augen an. Herrgott! Nicos erster Gedanke ist es wegzurennen, seine Nacktheit zu bedecken, sein Adamskostüm loszuwerden, aber warum denn eigentlich? Die Blicke der Frau schmeicheln seine nicht vorhandenen Eitelkeit, ist es nicht die Pflicht der Menschen sich gegenseitig zu beglücken? Gleichzeitig wie er zum Fenster schielt, wendet er ihr auch die andere Seite zu, gewiss, sie steht noch da. Soll er sich zum Fenster wagen? Das wäre aber gar zu auffallend. Sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit bewusst, ja, von ihr angeheitert, schreitet er mit wollüstiger Langsamkeit ins Badezimmer und rasiert sich.

 Umständlich führt er das Messer über dem Kinn und die Kehle, dann steigt er in die Badewanne und genießt das heiße Bad, lässt das Badewasser tief in die Haut drängen, genießt den maskulinen Duft der Olivenseife, lässt den tröpfelnde Wasserstrahl seinen Körper abspülen. Welche Freude, welcher Luxus. Er denkt an das trübe, kalte Schmutzwasser im Waschbecken vor dem Haus in Metaponto, an das Wasser, das immer vom Brunnen herangeschleppt werden musste und, weil zu faul um Neues heranzuholen, er mit seinen Brüdern teilen musste. 

Er trocknet sich umständlich ab und denkt dabei an die Frau am Fenster, ob sie noch dasteht? Mit dem Handtuch gedeckt geht er ans Fenster. Sie steht noch immer da. Jetzt kehrt er zum Spiegel zurück, es ist ihm als hätte er die Hauptrolle in einem Theaterstück. Umständlich kämmt er sich die Haare, formt die Fingernägel, er weiß nicht was er noch alles anstellen soll, um noch vor dem Spiegel stehen bleiben zu können. Dabei wirft er immer wieder einen Blick durchs Fenster, doch, sie ist noch da. Als ihm allmählich kalt wird, sieht er langsam ein, womit er sich beschäftigt. Pfui! Widerlich! Liederlich! Woran hat er nur die ganze Zeit gedacht? Er zieht sich rasch an. Frühstücken und dann?

 Lilian O. Montmar, 

Verfasser der Biographien"Mein Freund aus Metaponto" und "Liebe Freundschaft und Rock n'Roll"

Die Bücher sind in jeder Buchhaltung und auch bei www.Adlibris.com erhältlich

Alle meine zehn Dokumentarromane sind auf der  Homepage: http://home.swipnet.se/Alerta ersichtlich

Siehe auch http://urplay.se/Produkter/174398-En-bok-en-forfattare-Maria-Magdalena-Mathsdotter

Das Program ist auf schwedisch und handelt von einer jungen Samefrau und ihrem Mut, den König aufzusuchen und um Hilfe für bessere Schulen für die Samekinder zu erbitten.

"Maria Magdalena Mathsdotter - Kungen, samekvinnan och den franske pastorn"