Pax et Bonum - Verlag und Mediengruppe

Pax et Bonum Kultur Teil 2:HAGEN STOLL – »ICH BIN EIN FREIGEIST!«

Blog-Eintrag   •   Sep 08, 2014 07:01 CEST

Hagen Stoll entspricht optisch exakt dem Klischee jenes Zeitgenossen, dem man zu vorgerückter Stunde lieber nicht auf der Straße begegnen möchte. Doch sobald der 39-jährige Berliner im breitesten Slang seiner Heimatstadt die ersten Sätze in die Welt entlässt, ist dieses Klischee verpufft und man wünscht sich innig, dass der massige, ganzkörpertätowierte Hüne mit einem die Stammkneipe teilt. Stoll ist das, was man eine ehrliche Haut nennt. Zur gleichen Zeit ist er ein angesagter Musiker mit Top-Ten-Zugriff in den Charts und seit letztem Jahr ein bekannter Autor.

Mit seinem Schulfreund Sven Gillert gründete Hagen Stoll, zuvor in der Hardcore-Deutschrap-Szene als Joe Rilla ein Begriff, 2010 das Singer/Songwriter-Duo Haudegen, mit authentischen Texten und erstaunlichem Erfolg. Im vergangenen Jahr enterte Stoll die Buch-Verkaufshitparade mit der Autobiografie „So fühlt sich Leben an”, in der die bewegte Vergangenheit des in sich ruhenden Fleischbergs beschrieben wird. »Und jetzt ist es Zeit für mein erstes Soloalbum namens „Talismann”, denn es muss ja immer weiter gehen bei mir«, lacht Stoll laut und offen. »Schlafen kann ich, wenn ich tot bin, hat schon der Regisseur Rainer Werner Fassbinder ganz richtig erkannt. Nun, noch bin ich hellwach.«

FRAGE: Sie wissen, dass man das Wort Talisman nicht wie auf dem Cover Ihres Albums mit zwei „N” schreibt ...

STOLL (lacht): Keine Sorge, ich habe keine Rechtschreibschwäche, sondern mir bei diesem Ausdruck etwas gedacht. Eigentlich wollte ich die Platte Glücksbringer nennen - weil ich meinen Hörern draußen, egal wie mies es ihnen vielleicht gerade geht, gute Gefühle vermitteln möchte. Doch eines Tages hatte ich während der Aufnahme-Sessions im Studio eine Blitzidee: Talismann sollte die Scheibe heißen, mit doppeltem „N”, da ich nun mal dem männlichen Geschlecht angehöre. Wie auch immer, ich wollte einen optimistischen Titel. Denn ich gebe gerne von meinem Glück ab, da ich so viel davon bekommen habe. Meine Karriere läuft rund, ich habe zwei tolle Kinder, viele richtig enge Freunde, ständig was zu tun. Was kann man mehr vom Leben verlangen?

FRAGE: Ist Ihr erstes Solo-Werk ein musikalischer Neuanfang oder lediglich ein Zwischenstopp zur nächsten Haudegen-CD?

STOLL: Sven Gillert ist nicht nur mein Kreativ-Partner, sondern mein ältester Freund, ich kenne ihn seit bestimmt 30 Jahren. (lacht) Wir können unter diesen Umständen gar nicht anders als weitermachen! Jedenfalls kommen wir nächstes Jahr mit einem weiteren gemeinsamen Album raus. Doch da Sven vor Kurzem eine Lounge-Bar eröffnet hat, um die er sich intensiv kümmert, ich aber überhaupt kein Gastronomie-Typ bin, stattdessen jede Menge Kreativ-Output besitze, zog ich eben das eigene Ding durch. Es war eine herrliche Erfahrung für mich.

FRAGE: Ganz im Gegenteil zu den eher ruhigen Haudegen-Stücken spielen auf Talismannerdiger Blues und kerniger Rock die entscheidende Rolle. Ist Ihnen dieser Sound letztlich näher als das Balladeske?

STOLL: Ich sage mal so: Diese Musik passt besser zu mir, wenn ich auf Solopfaden unterwegs bin. Das liegt auch daran, dass die Solo-Texte noch intimer ausfallen als die für Haudegen. Wer die 15 Talismann-Lieder hört, der weiß komplett, wie Hagen Stoll 2014 tickt. Auf dem Blues-Trip bin ich übrigens, seit ich zwei Mal mit einer Harley Davidson und Biker-Kumpels quer durch die USA gereist bin. Unter solchen Umständen ist Blues die beste Musik der Welt.

FRAGE: Ihre Verse auf Talismann paaren für mich ausgelassenen Fatalismus mit grübelnder Nachdenklichkeit und rauer Ehrlichkeit. Stimmen Sie mir zu?

STOLL: Ich wollte frei von der Leber weg erzählen, wie man bei uns in Berlin sagt. (lacht) Alles muss raus, wenn man will. Ich bin ein Freigeist, halte mich an keine Normen. Mit dieser Devise bin ich bislang gut gefahren. Und obwohl ich meistens ein fröhlicher Typ bin, steckt in mir auch eine melancholische Seite, wie in jedem Menschen. Die muss auch immer mal wieder ausgelebt werden.

FRAGE: Wie wichtig war es Ihnen im vergangenen Jahr, Ihre Autobiografie zu veröffentlichen?

STOLL (lacht): Ich habe mir durch dieses Buch eine Therapie erspart, mich sozusagen selbst therapiert, indem ich mich absolut allen Facetten meiner Vergangenheit gestellt habe. Und mein Charakter besitzt nicht nur Schokoladenseiten. Im Gegenteil, ich habe jede Menge Mist gemacht. Doch da musste ich beim Schreiben durch, gnadenlos. Heute bin ich ein - weitgehend - freier und befreiter Mensch.

FRAGE: Wie würde eine Reflexion Ihrer bisherigen Karriere aussehen?

STOLL: Eigentlich habe ich ein relativ normales Leben hinter mir - nur mit dem Unterschied zu vielen Menschen, dass es stets auf der Basis der Kreativität basiert hat, ob als Sprayer, Rapper, Autor oder Liedermacher. Bis heute bin ich ein großes Kind geblieben, das sich keine Grenzen setzt. Außerdem nehme ich mich selbst nicht sonderlich ernst. Das hilft immens, um ein zufriedenes Dasein fristen zu können. Glaubt mir das einfach mal …

Text © by MFG


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