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Pax et Bonum Kultur Teil 3: LEONARD COHEN - HAPPY BIRTHDAY, GREAT OLD MAN!

Blog-Eintrag   •   Sep 17, 2014 13:22 CEST

Wer ist dieser mysteriöse Mann namens Leonard Cohen, der am 21. September seinen 80. Geburtstag feiern darf? Der Kanadier hat ein facettenreiches Leben wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen vorzuweisen. Cohen ist zunächst mal ein unvergleichlicher Troubadour, für diese Rolle kennt man ihn bevorzugt in der Öffentlichkeit. Ansonsten ist er eine Persönlichkeit mit unzähligen Gesichtern: Poet, Frauenheld, Musiker, Mönch, Ex-Junkie, Asket, Lebemann, von Depressionen Geplagter. Ein Mann mit gebrochener Vergangenheit, der genau für diesen Umstand so faszinierend wirkt.

Bereits 1963 hat Cohen sich in einer Pressemitteilung zum Erscheinen seines Romans „The Favorite Game” (z. dt. „Das Lieblingsspiel”) treffend selbst definiert: »Ich nehme Geld von Regierungen, Frauen, Gedichtverkäufen und, falls nötig, von Arbeitgebern. Ich habe keine Hobbys.« Bei aller Lakonik zeigt sich an diesem Zitat perfekt, wie der schmale Mann aus Montreal sich einschätzt - als Fatalisten, als Dandy, als scharfzüngigen Sezierer des menschlichen Daseins und mangels anderer Leidenschaften als lebendes Gesamtkunstwerk, das sich den materiellen Genüssen des Lebens durchaus nicht entzieht.

Exakt diese Einschätzung trifft auf Leonard Cohen zu. Doch das ist nicht alles. Wie der Bamberger Autor und Philosoph Thomas Kraft in seiner gerade erschienenen, äußerst empfehlenswerten Hommage „Cohen” (Maro-Verlag) erklärt, wäre der bekennende Dandy »… gerne ein Heiliger gewesen, aber gleichzeitig hat er vor allem sein Vergnügen im Kopf gehabt, alles ausgelebt.«Und weiter: »Cohen pflegte seine Vorlieben, trug Markenartikel, liebte Kaviar, Pralinen, teure Rotweine und rauchte wie ein Schlot. Mit seiner gepflegten Erscheinung, seinem subtilen Humor und seiner zurückhaltenden Art kam er gut bei Frauen an, auch wenn er für manche wie ein Collegeprofessor mit Aktentasche aussah.«

Leonard Cohen ist darüber hinaus ein Misanthrop, ein Grübler, ein zu Schwermut Neigender. Gerade zu Beginn seiner Karriere als Musiker Ende der 1960er warf man seinen Liedern in den Medien gerne vor, sie seien dermaßen deprimierend, dass man sie nur bei schlechtem Wetter hören könne. Wer sich das Leben nehmen wolle, möge eines seiner Alben als Untermalung auflegen, das helfe der Entscheidungsfindung unbedingt nach. Sätze aus Interviews jener Zeit wie:»Ich glaube nicht, dass wir in dieser Welt wirklich getröstet werden können. Es liegt nicht in ihrer Natur« unterminierten Cohens Status als einen des Lebens Müden.

Dabei übersahen viele von Cohens Kritikern (und tun das gelegentlich bis heute), dass der Barde die Fähigkeit besitzt, aus vermeintlichen Schwächen, indem er sich mit diesen eindringlich auseinandersetzt, neue Stärken ans Tageslicht zu bringen. Leonard Cohen mag zeit seines Lebens verwundbar gewesen sein. Ein Drückeberger war er nie. Und was er mit Ratio nicht lösen kann, dem begegnet der Kanadier mit unerbittlichem, gerade deshalb so erfrischend trockenem Humor.

Geboren wurde der spätere Lebemann in einem Vorort von Montreal in eine jüdische Mittelstandsfamilie hinein. Wobei der harmonische Schein nach außen trog, denn Cohens Vater, studierter Ingenieur, war als Geschäftsmann in der Textilbranche im Gegensatz zum Rest seiner Familie nicht sonderlich erfolgreich, wurde von der Sippe eher halbherzig finanziell mitgezogen, misstrauisch als Außenseiter beäugt. Die Mutter neigte zu Wehmut. Der junge Leonard flüchtete sich bereits als Teenager in die Welt der Kunst, erlernte mit 13 das Gitarrenspiel, veröffentlichte 21-jährig seinen ersten, viel diskutierten Gedichtband.

Wenigstens zu Beginn seiner künstlerischen Karriere hat der scheue Zeitgenosse sich als Poeten und Literaten gesehen. Doch als er mit seinem gerade durch den Mangel an Prätentiosität spektakulären Debütalbum „Songs Of Leonard Cohen” 1967 den Durchbruch als Liedermacher mit Stücken wie „Suzanne”, „So Long, Marianne” oder „Sisters Of Mercy”, die längst Klassiker sind, schaffte, war der Musiker Cohen dem Dichter Cohen an Popularität um einiges voraus. An diesem Stellenwert hat sich bis heute nichts geändert. Auch die beiden Nachfolgewerke „Songs From A Room” von 1969 und „Songs Of Love And Hate” von 1971 sind Stil prägende Werke des in karge Noten gegossenen Fatalismus, der klanggewordenen Melancholie - ein Gegenentwurf zum damals angesagten Flower Power-Pop etwa der späten Beatles und The Who oder bald darauf des Heavy Rock von Led Zeppelin und Deep Purple, der in jener Ära die musikalische Mode mit all seiner ungestümen Aufbruchsstimmung verkörperte. Cohen wurde als Ausgleich der Inbegriff des vertonten Existenzialismus.

Dieser Ruf des „Pathos-Gurus”, wie ihn DIE WELT einst definierte, wurde 1977 mit dem Werk „Death Of A Ladies’ Man” vorübergehend zerstört, denn hinter den Reglern des Studio-Mischpults saß der berühmt-berüchtigte Phil Spector, der Cohens gewohnt sperriges Liedgut mit einer Unmenge von Sound-Kapriolen versah, welche diesem seiner Seele beraubten. Kein Wunder, dass es zwischen den beiden Dickköpfen zum großen Krach kam. Es dauerte etliche Jahre, ehe der Kanadier wieder Fuß fassen konnte in der sich rasch verändernden Musik-Szenerie. Dazu bedurfte es der jungen Sängerin Jennifer Warnes, die 1987 mit beachtlichem Erfolg ein Cohen-Tribute-Werk veröffentlichte, das weltweit in den Top Ten der Hitparaden landete. Ein Jahr später war der Altmeister zurück im Rampenlicht der Öffentlichkeit, mit der so kraftvoll wie modern wie - beinahe - fröhlich wirkenden „I’m Your Man”-Produktion.

Vier Jahre danach fiel Cohen zurück in das misanthropische Treiben der frühen Jahre, „The Future” war eine bittere Abrechnung mit dem Pseudo-Optimismus einer Gesellschaft, die er immer weniger verstand. So verwunderte es nicht wirklich, dass die Lyrik-Legende sich für ein halbes Jahrzehnt in ein buddhistisches Zen-Kloster zurückzog, um sich in erster Linie der Kunst des Schweigens zu unterwerfen. Allerdings kehrte er auch diesem nicht-weltlichen Dasein den Rücken aus sehr weltlichen Gründen: 2004 entdeckte er, dass seine langjährige Managerin und Ex-Geliebte Kelley Lynch ihn um sämtliche Geldanlagen von immerhin rund acht Millionen Dollar geprellt hatte. Cohen gewann einen Prozess gegen Lynch, doch die erklärte sich für obdach- und mittellos, bis heute konnte sie lediglich 150.000 Dollar zurückerstatten.

Als Reaktion auf die eigene Mittellosigkeit ging Leonard Cohen 2009 - mit 75 - auf viermonatige Welt-Tournee, die zum rauschenden Erfolg wurde. Auch die Konzertreise im vergangenen Jahr war künstlerisch wie kommerziell eine Glanzleistung. Und das, obwohl sich der Poet eigentlich körperlich nicht dazu in der Lage fühlte, solche Strapazen auf sich zu nehmen. Obwohl er sich ganz allgemein eh nie als großen Musiker empfunden hatte.

Zunächst war die Musik für den kanadischen Juden Mittel zum Zweck, um genügend Geld zu verdienen, damit er sich längere Auszeiten für das Verfassen von Büchern verdienen konnte. Allerdings war die Nachfrage groß, was neue Lieder des Barden anging. Und deshalb kümmerte sich die Folk-Ikone schließlich in erster Linie um die Musik. Und darum, ein anregendes Leben zu führen. Anregend im Sinne von ambivalent.

»Die Gegenüberstellung von Spiritualität und Sexualität in meinem Werk rechtfertigt sich aus sich selbst heraus«, hat Cohen in einem Interview aus dem Jahr 1991 erklärt, »für mich war es diese Gegenüberstellung, aus der die besondere Schönheit, die lyrische Qualität meiner Arbeit entstand.« Leonard Cohens Werk ist zumindest für den sensiblen Kunst-Gourmet aus diesem Grund derart berührend - da ist ein ewig Suchender, ein in sich Zerrissener, der dennoch weitab davon ist, resigniert zu sein. Cohens Arbeit mag keine Antworten für das Dasein des Außenstehenden bereithalten. Dennoch ist seine Kunst durch ihren Stoizismus tröstlich in einer Moderne, die sich der schillernden, banalen, hohlen und permanenten Selbstbestätigung verschrieben hat. Leonard Cohen hingegen bleibt eine Konstante. Eine Konstante der menschlichen Verlorenheit, gepaart mit dem innigen Wunsch, einen eigenständigen Charakter darzustellen. Einen einzigartigen Charakter.

Oberflächlich verwundert es, wie viele Häutungen der Kanadier in seinem 80-jährigen Dasein durchlebt hat, die auf den ersten Blick kein einheitliches Bild ergeben. Bei näherer Betrachtung ist Leonard Cohen ein nahezu vollendetes Mosaik. Er hatte zahlreiche leidenschaftliche Affären mit den begehrtesten weiblichen Schönheiten ihrer Zeit. Er war bis vor nicht allzu langer Zeit Kettenraucher, den unterschiedlichsten Drogen und großen Mengen an Rotwein nicht abgeneigt. Gleichzeitig hielt er sich mehrere Jahre in einem kalifornischen Zen-Kloster auf, wo er unter dem Namen „Jikan” (= Der Stille) zum Mönch ernannt wurde. Ein Hedonist demnach, der zur Destruktivität neigt. Ein In-Sich-Ruhender, der sich der Welt entziehen kann, indem er sich eine radikal eigene, innere konstruiert, die lediglich von ihm selbst bewohnt wird. Leonard Cohen ist eine Ausnahme-Erscheinung. Und gerade deshalb wünscht man ihm noch viele weitere Jahrestage, die er begehen darf. Ohne ihn wäre die aktuelle Welt noch konformistischer, noch langweiliger, als sie es eh schon ist. Happy Birthday, great old man!

Zum aktuellen Leonard-Cohen-Album

LEONARD COHEN-„Popular Problems”

Pünktlich zum Achtzigsten bringt Leonard Cohens Plattenfirma das 13. Studio-Werk des Ausnahme-Troubadours auf den Markt, „Popular Problems”. Was soll man groß darüber schreiben? Es ist ein neues Meisterstück für jeden L-C.-Anhänger, die Ignoranten werden bemängeln, dass der Kanadier noch nie singen konnte und es weiterhin nicht kann. Cohen-Lieder leben von spartanischer Instrumentierung, wodurch sie die Eindringlichkeit des Vortrags des alten Herrn erst recht befeuern und die Songs zu eindringlichen Kleinoden mutieren lassen. Gepaart ist diese wehmütige Klangwelt mit der unnachahmlichen Raspel-Stimme ihres Protagonisten, dessen Lunge tonnenweise Nikotin ertragen musste und dessen Gurgel hektoliterweise Hochprozentiges. Tom Waits’ Sangesorgan winkt allerorten, in all ihrem Stoizismus und ihrer brutalen Härte. Die neun Lieder von „Popular Problems” gehen musikalisch als zeitlose Gospels durch, während sie inhaltlich wie all die langen Karriere-Dekaden über bei Cohen der Ironie frönen, dem Hedonismus, der Sinnlichkeit, der Verlorenheit, der radikal persönlichen Vorstellung von Glück, das in unserem endlichen Dasein stets brüchig und vergänglich ist. Und dennoch, das beweist uns Leonard Cohen mit seinem neuen Werk einmal mehr ohne Wenn und Aber - gerade weil Glück vergänglich ist, muss man die kurzen, intensiven Momente davon unbedingt und jederzeit hemmungslos genießen. Keine Frage: Einer dieser Glücksmomente ist der Genuss von „Popular Problems”. Ohne Wenn und Aber.

Text © by MFG

Cover zum aktuellen Leonard-Cohen-Album - das Copryright ist Sony Music.

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