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Die neue Infrastruktur des Wohlstands

Blog-Eintrag   •   Nov 07, 2017 15:00 CET

(C) Fotolia/j-mel

Das Internet der Dinge trägt den falschen Namen. Es ist in Wahrheit ein Internet der Services. Als solches wird es unser Leben und die Wertschöpfung der Wirtschaft grundlegend verändern. Für den Standort Deutschland ist diese „Weltmaschine“ von entscheidender Bedeutung.

Von Karl-Heinz Land

Seit einigen Jahren schwirren schwindelerregende Zahlen durch die Medien, Vorträge und Diskussionen der Manager. 30 bis 50 Milliarden Geräte, so prognostizierte schon vor Jahren das Marktforschungsinstitut Gartner, würden bis 2020 im Internet der Dinge miteinander kommunizieren. Das zusätzliche Wertschöpfungspotenzial liege bei 1,9 Billionen Dollar, von denen 80 Prozent auf Software und Services entfallen. McKinsey hingegen stellt bereits ganz andere Summen in den Raum: Die intelligente Vernetzung von Geräten und Maschinen über das Internet könne bereits bis im Jahr 2025 einen wirtschaftlichen Mehrwert von bis zu elf Billionen Dollar im Jahr 2025 schaffen, womit elf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung über das „IoT“ erschaffen würden. Insbesondere die Industrie (3,7 Billionen Dollar), Städte (1,7 Billionen Euro) sowie das Gesundheitswesen (1,6 Billionen Dollar) profitieren demnach von der Entwicklung.

Ob solche Prognosen nun eintreten,unterboten oder übertroffen werden, ändert nichts an dem grundlegenden Fortschritt, den das Internet der Dinge mit sich bringt: Es bildet die neue Infrastruktur des Wohlstands. Während früher Hafenstädte oder Orte an den Knotenpunkten der großen Handelsrouten prosperierten, geht es heute um den Anschluss an das weltumspannende System kommunizierender Geräte. Die Hardware ist dabei aber gar nicht entscheidend, sondern nur Mittel zum Zweck. Der Mehrwert ergibt sich aus dem Fluss der Daten, der wie auf einem endlosen Möbiusband unter den Teilnehmern dieses Netzes zirkuliert. Hier, im stetigen Tausch von Daten gegen Nutzen, liegt die Quelle der neuen Wertschöpfung. Sie kommt nicht den Anbietern der Technologie, sondern zu 90 Prozent den Anwendern und Nutzern des Internets der Dinge zu Gute: den Unternehmen und den Verbrauchern.

Die „Dinge“ sind nicht wesentlich

Es ist wichtig, diese Dualität zu verstehen. In Deutschland wird das Internet der Dinge noch zu sehr unter dem Primat von Industrie 4.0 diskutiert. Daran trägt auch die Bundesregierung eine Mitschuld. Sie propagiert die Industrie 4.0 und suggeriert den Unternehmen eine Sicherheit, die es in Wahrheit nicht gibt. Sie verabreicht insbesondere dem Mittelstand Valium, so, als wäre die Umsetzung von Industrie 4.0 eine „carte blanche“ für die digitalisierte Welt. Nun will ich die Effekte auch nicht kleinreden. Natürlich wird die Produktion durch das Industrie 4.0 intelligenter und effizienter. Aber als Ergebnis stehen halt auch nur smartere Fabriken in der Landschaft und werfen wiederum Produkte aus. In seinem Vorwort zur jüngsten Ausgabe der Zeitschrift „zeitschmelze“, die von der Initiative Deutschland Digital (IDD) herausgegeben wird, schrieb der für digitale Infrastrukturzuständige Bundesminister Alexander Dobrindt (CSU): „Was folgt, ist die Vernetzung der Dinge. Damit erreicht die Digitalisierung unsere Stärken. Als führende Industrienation, Weltmarktführer bei Maschinen und Autos und Maßstab bei Infrastruktur und Bau sind wir das Land der Dinge.“ Welch grandioses Missverständnis.

Mittlerweile geht es um ein viel größeres Spiel, um die Wirtschaft 4.0, in der alle Markteilnehmer über das IoT direkt miteinander verbunden sind. Folglich verlieren alle „Mittelsmänner“, zum Beispiel Großhändler, ihre Funktion. In dieser Netzwerkwirtschaft geht es nicht mehr um Produkte, sondern um Angebotssysteme, deren Hauptbestandteil Software und Services sind. Jedes Produkt hat einen digitalen Zwilling, der die Tür zu einem Kosmos an Mehrwerten bietet, die von verschiedenen Anbietern stammen. In diesem Prozess verschmelzen der Business-to-Consumer- und der Business-to-Business-Markt untrennbar miteinander.

Darin liegt keine Bedrohung, sondern eine Chance. Das Internet der Dinge öffnet der deutschen Wirtschaft Tür und Tor, um doch noch zu den Gewinnern des Internetzeitalters zu gehören. Es läuft ein Match mit drei Dritteln. Derzeit steht es 1:0 für die USA. Daran besteht kein Zweifel. Das Silicon Valley mit seiner Netzwerk- und Plattformphilosophie hat den Kampf um das Konsumenten-Internet gewonnen. Aber es gibt noch zwei weitere Drittel: Jetzt geht es um das Industrial Internet, das die Arbeit der Industrie optimiert und Mehrwerte unter Geschäftspartnern generiert. Big Data und Analytics ermöglichen zum Beispiel Dienstleistungen wie „Predictive Maintenance“, um die Laufzeiten von Maschinen und Anlagen zu erhöhen. Maschinen zu warten, bevor sie ausfallen, ist längst keine unrealistische Vorstellung mehr. Für dieses zweite Drittel ist die deutsche Wirtschaft gut aufgestellt. Der dickste Wertschöpfungsbrocken wird im Schlussdrittel ausgespielt. Dann geht es um die Hoheit im „Industrial User Internet“, in dem die hochgezüchteten Systeme der Wirtschaft zunehmend für den Endverbraucher geöffnet werden.

Die Begriffe vom Industrial Internet und Industrial User Internet hat übrigens General Electric geprägt. Eine kluge Marketingmaßnahme, keine Frage, aber auch eben sehr schlüssig. Es ist nun Aufgabe der deutschen Wirtschaft, das 0:1 in ein 2:1 zu verwandeln. Dafür muss sie aber endlich umdenken, weg von der Produktverliebtheit, hin zu Software und Services. Nur so kann sie dem Internet der Dinge, in dem sich die wirtschaftliche Entwicklung der nächsten Jahre im Wesentlichen abspielen wird, ihren Stempel aufdrücken.

Ohne Daten keinen Service

Es steht viel auf dem Spiel. Die Stadt der Zukunft wird über das Internet der Dinge organisiert. Autonomes Fahren und intelligente Mobilitätssysteme sind ohne das IoT gar nicht denkbar, das Smart Home oder eine Vielzahl von innovativen Gesundheitsservices auch nicht. Diese Liste ließe sich endlos fortschreiben, weil das Internet der Dinge überall sein wird. Viele Menschen tragen es bereits am Körper, zum Beispiel als Fitness-Tracker. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu neuen Geschäftsmodellen der Krankenkassen, der Fitnessbranche und des Gesundheitswesens. Für einen Standort wie Deutschland, das einen besonders strickten Datenschutz pflegt, stellen solche Perspektive natürlich eine Herausforderung dar. Aber wenn sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel die Unternehmen aufruft, mehr aus ihren Daten zu machen, dann spricht das doch für deutlichen Spielraum. Der lässt sich ausnutzen, wenn die Unternehmen fünf Spielregeln beachten:

  • Permission: Eine Genehmigung ist unbedingt erforderlich. Wenn die Kunden „Nein“ sagt: keine Daten. Das heißt für die Kunden im Umkehrschluss übrigens auch: keinen Service.
  • Transparenz: Unternehmen müssen den Kunden sagen, wofür sie ihre Daten brauchen, wofür sie benutzt werden. Aber auch, wofür nicht.
  • Verhältnismäßigkeit: Die Anbieter dürfen die Kunden nicht nach all ihren Daten fragen bis hin zur PIN-Nummer der Kreditkarte, und dann nicht mehr als ein lauwarmes Glas Milch anbieten.
  • Datensicherheit: Wenn die Kunden ihre Daten zur Verfügung stellen, dann legen die Unternehmen sie quasi nach Fort Knox. Nur so entsteht Vertrauen.
  • Umkehrbarkeit: Wenn ein Kunde morgen sagt „Ich möchte diesen Service nicht mehr“ und den Schalter wieder umlegt, dann muss das Unternehmen das bedingungslos akzeptieren.

Ohnehin wird sich das Thema Datenschutz in Zukunft deutlich relativieren, und zwar getrieben von der Konsumentenseite. Das mögen Verbraucherschützer zwar nicht gerne hören, aber es wird so sein. Der Kunde mutiert mehr und mehr zum „Instant Consumer“, der alles, sofort, personalisiert und überall will. Er weiß: Seine Daten sind der Preis dafür. Die Convenience, die er sich wünscht, ist ohne Daten nicht machbar.

Niederrschwellig zur KI

Gefördert wird dieser Trend dadurch, dass der Zugang zum Internet der Dinge immer niederschwelliger und verführerischer wird. Man muss heute nur noch sagen, was man will, und schon läuft die Servicemaschine an. Zudem werden das Wissen der Welt und sogar die Künstliche Intelligenz über das Internet der Dinge demokratisiert. Die Interfaces dafür hören derzeit auf die Namen Alexa, Cortana oder Siri. Da es ja so ist, dass die Privatnutzer bei digitalen Innovationen oft schneller und fitter sind als Unternehmer und Manager, habe ich mir angewöhnt, in meine Vorträge eine kleine Demonstration einzubauen:

Das hört sich dann mitunter wie folgt an:

Hey Alexa, wer bist du?
Ich bin Alexa und ich bin rund um deine Stimme konzipiert. Ich kann zum Beispiel Informationen und Nachrichten liefern oder das Wetter vorhersagen.

Alexa, warum ist der Himmel blau?
Der Himmel ist blau, weil die Moleküle der Atmosphäre das blaue Licht stärker reflektieren als die anderen Farben. Je weiter du deinen Blick von der Sonne entfernst, desto mehr Blau trifft auf deine Augen.

Alexa, bitte setze zwei Pakete Spaghetti und ein Pfund Tomaten auf die Einkaufsliste.
Ich habe zwei Pakete Spaghetti und ein Pfund Tomaten auf deine Einkaufsliste gesetzt.

Alexa, wie viel ist 1.336 mal 2.756?
1336 mal 2.726 ist 3.682.016.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser Eintritt ins Internet der Dinge die Art und Weise, wie Menschen mit Informationen umgehen, wie sie einkaufen, wie sie Informationen erlangen oder wie sie Musik genießen in Zukunft dramatisch verändern. Studien gehen davon aus, dass weltweit schon in wenigen Jahren 1,8 Milliarden Menschen digitale Sprachassistenten nutzen werden. Wenn man bedenkt, dass schon heute 25 Prozent der Alexa-Kunden bestellen auch schon regelmäßig über Alexa, zeigt sich das Ausmaß der Veränderung.

Fazit

Schöne neue Welt. Eine Welt voller Chancen. Wir erleben die vierte Stufe der digitalen Revolution. Sie wird unsere Lebensbedingungen dramatischer beeinflussen, als dass die ersten drei Revolutionen in den letzten 300 Jahren getan haben. In unserem Umfeld finden sich mehr und mehr cyberphysische Systeme, die einmal in der realen Welt fußten und nun untrennbar über das Internet der Dinge und die Cloud miteinander verbunden sind. Es entsteht eine Weltmaschine. Entweder man wird ein Teil von ihr und profitiert, oder man hält sich fern und steuert wirtschaftlich ins Abseits.

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