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Die Neuverteilung der Welt, Teil II: Die neue Infrastruktur des Wohlstands

Blog-Eintrag   •   Jan 19, 2017 09:11 CET

aus: Tichys Einblick, 2/2017

Teil II der Analyse "Die Neuverteilung der Welt" von Karl-Heinz Land, Digital Evangelist und CEO der Digital- und Transformationsberatung neuland, erschienen in "Tichys Einblick" 2/2017.

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Ein wenig Mathematik muss an dieser Stelle sein, um die Tragweite der Dematerialisierung und der Digitalen Transformation zu verstehen: Gordon Moore hat in den 1960er Jahren festgestellt, dass sich die Leistungsfähigkeit der Computerchips etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Dieser Turnus wird seither als Moores Gesetz bezeichnet. Mittlerweile wissen wir, dass es noch schneller geht, eher im Rhythmus von ungefähr 18 Monaten. Darauf kommt es aber gar nicht an. Entscheidend ist, dass man sich die Digitale Transformation wie eine Exponentialfunktion aus der Mathematik vorstellen muss: Lange passiert nicht viel. Der Graph für die Leistungsfähigkeit verläuft fast flach, nur mit einer ganz leichten Steigerung von Jahr zu Jahr. Dann schießt er plötzlich steil in die Höhe. Genau am Fuße dieses Knicks steht die Welt derzeit.

Kein Wunder, dass Erik Brynjolffson und Andrew McAfee vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in ihrem augenöffnenden Buch „The Second Machine Age“ vom „machtvollen Effekt der laufenden Verdopplung“ sprechen. Wer aufmerksam in die Welt schaut, sieht die exponentielle Kraft der IT an vielen Stellen am Werke. Plötzlich sind Machine Learning und Künstliche Intelligenz keine Themen mehr für vermeintlich spinnerte Nerds, sondern reale, verfügbare Technologien. IBM hat seine Künstliche Intelligenz Watson längst ins operative Geschäft überführt, analysiert medizinische Studien für die Medizin und die unstrukturierten Daten des Social Webs für Einzelhändler und Dienstleister. Googles „Alphago“ besiegte Anfang 2016 in einem spektakulären Match den weltbesten Go-Spieler. Im 3D-Druck und in der Robotik ist der Fortschritt gewaltig.

Neue Infrastruktur des Wohlstands

Gleichzeitig entsteht eine neue Infrastruktur des Wohlstands: das Internet der Dinge. Eine Weltmaschine. Sie basiert darauf, dass Dinge – seien es Geräte, Maschinen, Verpackungen, Produkte – miteinander kommunizieren können. Winzige Speicher, Sensoren und Sender machen es möglich. Prognosen gehen davon aus, dass bereits in wenigen Jahren zig-Milliarden „Dinge“ miteinander sprechen können. Optimistische Schätzungen erwarten für 2020 26 Milliarden vernetzte „Things“, wobei die Smartphones und Tablets noch gar nicht mitgerechnet sind. Darin liegen, so prognostiziert es das Marktforschungsinstitut Gartner, 1,9 Billionen Dollar an Wertschöpfung. Davon entfallen 80 Prozent – ganz im Trend der Dematerialisierung – auf Software und Services.

Das „Internet der Dinge“ ist ein sehr abstrakter Begriff. Aber man bekommt eine Vorstellung davon, wenn man einige Anwendungen durchspielt. Eine Lebensmittelverpackung ist dann in der Lage, ständig ihren Standort und Status zu kommunizieren, etwa, ob die Kühlkette unterbrochen ist oder eben nicht, ob ihr Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft oder wo ihr Lagerplatz ist. Sie kann Rezepte automatisch auf Tablets überspielen und den Ofen oder die Mikrowelle mit den richtigen Daten füttern. Transportverpackungen können ihren Weg durch die Logistikkette selber organisieren, sie melden sich automatisch an und ab, organisieren autark ihre Lagerung und im Verbund. Oder sie setzen, sobald sie in einer Fabrik ankommen, ganze Produktionsprozesse in Gang. Die Möglichkeiten erscheinen endlos. Autonom fahrende Autos, Busse und Lieferwagen werden letztlich ebenso Teil des Internets der Dinge sein wie Produkte für das „Smart Home“ oder all die Wearables für Fitness und Gesundheit.

Wie auf einem endlosen Möbiusband fließen die Daten in diesen Systemen und bilden die Grundlage für ganz neue Geschäftssysteme. So avanciert das Internet der Dinge zu dem, was einst die Kreuzungen großer Handelsstraßen oder die schiffbaren Flüsse waren. Dort bildeten sich die großen, erfolgreichen Städte, die Handelsplätze und die Zentren gesellschaftlicher Entwicklung. Auch deshalb ist es wichtig, dass der Breitbandausbau in Deutschland rasch vorankommt. Ohnehin strukturschwache Regionen drohen sonst den Anschluss vollends zu verlieren.

In allen Bereichen der Wirtschaft vollzieht sich derzeit der gleiche, machtvolle Dreisprung der Digitalen Transformation: Was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert. Was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Und was automatisiert werden kann, wird automatisiert. Dieser Prozess hat eine ökonomische Kraft, die durch Gesetze und Tarifabsprachen nur vorübergehend aufzuhalten ist. Denn betriebswirtschaftlich passiert im Hintergrund etwas, dass die Prinzipien der kapitalistischen Wertschöpfung auf den Kopf stellt: Die Grenzkosten sinken gegen null. Während ein Autokonzern viele tausend Euro aufwenden muss, um ein weiteres Auto zu produzieren, kostet es so gut wie gar nichts, ein digitales Produkt oder einen digitalen Service einem weiteren Kunden zur Verfügung zu stellen. Auch, weil keine Arbeitskräfte dazu benötigt werden.

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