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Die Neuverteilung der Welt, Teil III: Grundeinkommen und eine Welt ohne Arbeit

Blog-Eintrag   •   Jan 19, 2017 09:12 CET

aus: Tichys Einblick, 2/2017

Teil III der Analyse "Die Neuverteilung der Welt" von Karl-Heinz Land, Digital Evangelist und CEO der Digital- und Transformationsberatung neuland, erschienen in "Tichys Einblick" 2/2017. 

(...)

Der Tragweite dieses Phänomens sind sich Parteien und Politiker nicht bewusst. Sie denken zu kurz, sehen den exponentiellen Sprung und auch die dramatischen Auswirkungen der Dematerialisierung nicht. Fehleinschätzungen, wie sie sich Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) kürzlich im Interview mit dem „Tagesspiegel“ leistete, sind die Regel. Angesprochen auf Prognosen, die im Zuge der Digitalisierung den Verlust von bis zu 50 Prozent für möglich halten, sprach sie lapidar von „Horrorszenarien“. Doch weit gefehlt: Die entsprechenden Studien sind realistisch, denn sie beziehen die Digitale Transformation in ihrer ganzen Wucht mit ein.



Jeder zweite Job steht im Risiko

Die Mutter aller Untersuchungen zu diesem Thema ist die Studie „The Future of Employment – How suspectable are Jobs to computerisation?" von der Oxford University. Als die Forscher Carl Benedikt Frey and Michael A. Osborne ihre Untersuchung zu den Folgen der Digitalisierung für den Arbeitsmarkt 2013 veröffentlichten, machten sie das Ausmaß der Veränderung sichtbar: Danach besteht bei 47 Prozent der Jobs in der US-amerikanischen Wirtschaft die Gefahr, in einem Zeitraum von zehn, zwanzig Jahren durch digitale Lösungen oder Roboter ersetzt zu werden. Die Unternehmensberatung A.T. Kearney hat die Ergebnisse von Frey und Osborne auf Deutschland übertragen und hält hierzulande 45 Prozent aller Arbeitsplätze für bedroht. Die Liste der betroffenen Berufsgruppen reicht von Büro- und Sekretariatsarbeiten über Verkauf und Service in Handel und Gastronomie bis hin zu Buchhaltung und Betriebswirtschaft. Insgesamt sieht A.T. Kearney bei 318 und damit bei einem Viertel aller in Deutschland existierenden Jobprofile ein hohes Potenzial, dass die Arbeit künftig von den Kollegen Roboter und Computer besser und ökonomischer erledigt wird.

Ergo: Wir steuern auf eine Welt zu, in der es strukturell vielleicht nur noch für jeden zweiten Menschen im erwerbstätigen Alter tatsächlich Arbeit geben wird. Mit dieser wahrscheinlichen Folge von Automatisierung, Vernetzung Dematerialisierung müsste sich das Land längst auseinandersetzen. Aber die Diskussion darüber bleibt weiter aus. Vielleicht, weil es angesichts der hohen Beschäftigungsrate und glänzender Wirtschaftsdaten unvorstellbar erscheint, dass diese Struktur in sich zusammenfallen könnte. Doch das wird sie, und wenn es soweit ist, werden all die bisherigen Verteilungsdebatten über Arbeit und Einkommen, über soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe wie Sandkastenspiele wirken. Deutschland braucht eine neue Idee, eine Vision für das digitale Zeitalter.

Wie denken wir Deutschland 4.0?

Denn es ist nicht die Apokalypse, die da in Form von Bits und Bytes über das Land hineinbricht. Wie in allen grundlegenden Veränderungen steckt in der Digitalisierung das Risiko und die Chance zugleich. Deshalb benötigen wir einen politischen und gesellschaftlichen Diskurs, in dem neue, weiterreichende Fragen gestellt werden. Wie wollen wir zusammenleben, wenn Arbeit als sinnstiftendes Element für viele Menschen wegfällt? Wie stellen wir sicher, dass diese Menschen ihre Leistungskraft und Kreativität trotzdem in die Gesellschaft einbringen können? Wie denken wir Deutschland 4.0? Welche Infrastruktur sichert eine Zukunft, in der Software und Services für die Unternehmen wichtiger werden als Physische Güter? Wie funktionieren die Sozialversicherungen künftig? Wie gestalten wir ein Gesundheitswesen, das den technologischen Fortschritt der Digitalisierung für möglichst viele Menschen verfügbar macht? Wie funktioniert Bildung in der digitalen Zeit?

Eine entscheidende Frage, die sich notwendigerweise in diesem Kontext stellt, lautet: Woher wird das Geld kommen? Bislang basieren Steuern und Abgaben für die Sozialkassen weitgehend auf Arbeitsleistung. Doch hier droht mangels Arbeit der Systemausfall. Deshalb müssen Lösungsvorschläge auf den Tisch, deshalb gehören eine Maschinensteuer und vor allem das bedingungslose Grundeinkommen auf die politische Agenda. In Finnland wird es bereits von staatlicher Seite getestet, und die Schweizer haben in 2016 über die Einführung abgestimmt. Sie haben zwar „Nein“ gesagt, doch damit ist das Thema nicht erledigt. Die Mehrheit der Eidgenossen stimmt bereits heute der These zu, dass „neue Modelle der Lebensgestaltung“ gefunden werden müssen, da in der Digitalisierung viele klassische Arbeiten überflüssig werden. Kürzlich äußerte sich der Gründer der E-Mobil-Marke Tesla, die dezediert auf Elektroantrieb, autonomes Fahren und damit auf eine im Internet der Dinge vernetzte Welt setzt, im Gespräch mit dem Fernsehsender CNBC. „Es gibt eine ziemlich gute Chance, dass wir aufgrund der Automatisierung am Ende bei einem universellen Grundeinkommen oder etwas Ähnlichem herauskommen“, sagte Elon Musk, „ich wüsste nicht, was man sonst tun könnte. Ich denke, das wird kommen.“ Und der Wirtschaftsforscher Charles Murray vom American Enterprise Institute schrieb im Juni im „Wall Street Journal“: „Es muss binnen weniger Jahrzehnte möglich sein, auch ohne einen traditionell definierten Job ein gutes Leben zu führen. Ein universelles Grundeinkommen wird ein wesentlicher Teil des Übergangs in diese noch nie da gewesene Welt.“

Bedingungsloses Grundeinkommen

Als Totschlagargument gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen wird häufig angeführt, den Menschen fehle der Antrieb, es mangele ihnen an Eigenverantwortung, um mit dem so gewonnen Freiraum verantwortungsvoll umzugehen. Das glaube ich nicht. Heute haftet vielen Beziehern von Transferleistungen das Stigma des Versagens an, von der gesellschaftlichen Teilhabe sind sie tendenziell eher ausgeschlossen und in der Folge wenig motiviert. Die Zukunft muss komplett anders aussehen. Wir benötigen einen Konsens darüber, dass es für die Gesellschaft wichtig und förderlich ist, eben nicht im klassischen Sinne zu arbeiten. Das mag für Deutschland mit seinem Arbeits- und Leistungsethos kaum vorstellbar sein, ist aber ein notwendiger Entwicklungsschritt. Ich bin mir sicher, dann werden sich die meisten Empfänger eines Grundeinkommens kreativ, engagiert und im Sinne des Gemeinwohls einsetzen und nicht auf die faule Haut legen.

Es bleibt nicht viel Zeit, um die Weichen für die digitale Zukunft Deutschlands und Europas zu stellen. Die Digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft damit einhergehend die Dematerialiserung von Produkten und Wertschöpfungsketten nehmen unablässig an Fahrt auf. Wir leben in einer Zeitschmelze. Niemand darf sich durch all die nützlichen oder spielerischen Apps und Gadgets täuschen lassen. Unter der funkelnden Oberfläche ist längst ein harter Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen und Wirtschaftsstandorten in vollem Gang. Es geht um nichts weniger als um die Neuverteilung der Welt. 

- Ende -

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