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Drei Fragen an: Mahmoud Solh

News   •   Mär 26, 2015 10:08 CET

1. Herr Solh, Sie sind letzte Woche in Berlin von der Bundesregierung in einem Festakt geehrt worden, weil Sie die weltweit einzigartige Saatgut- und Gendatenbank ICARDA in Aleppo vor der Zerstörung durch Rebellen gerettet haben. Wie geht es Ihnen und Ihren Mitarbeitern in Syrien und können Sie dort überhaupt noch arbeiten?

Wir leben in Zeiten der Zerstörung und Aleppo ist eine zweigeteilte Stadt, mit unterschiedlicher Sicherheitslage. Die Altstadt, ein Weltkulturerbe ist niedergebrannt. Aber meinen Mitarbeitern geht es den schwierigen Umständen entsprechend ganz gut. Ich telefoniere alle zwei Tage mit ihnen. In Syrien sind derzeit noch rund 50 Mitarbeiter. Ihnen gehört auch mein ganzer Dank, denn nur mit ihrem Einsatz konnten wir ein wichtiges Erbe der Menscheit retten. Wir haben rund 148 000 Exemplare von Wild- oder Kulturpflanzen in Aleppo gesammelt und erforscht - manche von ihnen blicken auf eine mehrtausendjährige Geschichte zurück und gehören zum Beginn der menschlichen Geschichte als Ackerbauern. Unsere Gebäude und die Labore stehen zwar noch; die Traktoren und unsere Fahrzeuge allerdings sowie die Geräte sind natürlich von Rebellen beschlagnahmt worden. Solange aber die Zerstörung nicht größer ist, haben wir Hoffung zurück zu kehren. Momentan aber arbeiten wir vom Libanon aus, wir haben Teile unserer Sammlung und Forschungslabore auch in der Türkei, in Jordanien, Marokko und in Spitzbergen in Europa.

2. Was macht denn die ICARDA Gendatenbank weltweit so einizgartig, und was genau macht ICARDA?

Einfach gesagt: Wir sind eine weltweite Organisation spezialisierter Pflanzenzüchter für die Trockenregionen. Dazu gehören weit über 40 Prozent der Erdoberfläche. Wir sind unterwegs von Mauretanien bis Äthiopien, in Indien und Pakistan, aber auch in Südeuropa und in den Trockengebieten von Mexiko und natürlich im gesamten Nahen Osten bis nach Afghanistan. Unsere Hauptaufgabe ist es, die Lebensbedingungen der kleinen Bauern und Viezüchtern nachhaltig zu verbessern. Das machen wir beispielsweise, in dem wir ihnen Zugang zu trockenresistenten und schädlingsresistenten Nutzpflanzen geben. Wir arbeiten mit ICARDA sozusagen im Hinterhof Europas. Die EU sollte darauf mehr auf diesen ländlichen Hinterhof achten, denn dort ist die Armutsrate und Arbeitslosigkeit enorm hoch und macht die Menschen anfällig für radikale Strömungen. Eine Verbesserung der ländlichen Lebensbedingungen ist natürlich eine Langzeit-Investition. Die muss man aber machen, wenn man vermehrte Migration und Radikalisierung verhindern will.

Was macht uns einzgartig? Ich habe es ja schon angedeutet, der Nahe Osten, auch bekannt als Fruchtbarer Halbmond ist die Wiege des menschlichen Ackerbaus. Wir sammeln dort Saaten von Wild- aber auch Kultupflanzen, wie Hartweizen, Brotweizen, Gerste, Faba-Bohnen, Erbsen oder Linsen. Viele Wildformen haben eine Geschichte so lange wie der Ackerbau. Diese Vielfalt zu erhalten und erforschen ist wichtig, um den Genpool groß zu halten und den Menschen mit verbessertem Saatgut zu helfen. Aber auch hier läuft uns die Zeit davon. So wird es immer schwieriger an alte Saaten zu kommen. Beispiel Afghanistan: Da sind ganze Berge, die früher voll bepflanzt mit Pistazienbäumen waren, abgeholzt worden, weil die Menschen in ihrer Not Feuerholz brauchten. Da ist viel verloren gegangen.

3. Wie konnten Sie denn diese Sammlung aus Aleppo heraus bringen und retten?

Wir waren immer schon auf Sicherheit bedacht, und haben Duplikate unserer Saatgutsammlung angefertigt, für den Fall dass es bei ICARDA mal brennen sollte, oder ICARDA durch ein Erdbeben zerstört wird. Als die Lage dann kritisch wurde, habe ich meine Mitarbeiter gefragt, wieviele Duplikate haben wir - und sie sagten, rund 84 Prozent. Also haben wir begonnen, noch die fehlenden 16 Prozent an Duplikaten anzufertigen und sie außer Landes zu bringen. Oft auf abenteuerlichen Wegen. So kann ich heute sagen, 99 Prozent unserer Sammlung sind sicher und außerhalb von Syrien. usere ganze Anstrengug richtet sich seit gut zwei Jahre darauf, wie können wir diese Vermächtnis der Menscheit retten, an dem wir seit 1972 arbeiten. Wir haben aber nicht nur einfach Duplikate gemacht und sie außer Landes gebracht. Die Situation in Syrien war uns eien große Lehre. Wir hatten bislang alles an einem Ort gesammelt, und haben nur mehrere Duplikate desselben Saatgutes an verschienden Orten der Welt. Wir sind jetzt dezentral aufgestellt. Das erhöht die Sicherheit. Aber: Wir haben Hoffung eines Tages zurück zu kehren.