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Schwarzer Peter im Portfolio

News   •   Nov 22, 2016 13:17 CET

Wie die Kesselflicker haben sich die Vertreter verschiedener Bundesministerien in den vergangenen Tagen um den Klimaschutzplan 2050 gestritten und gerade noch einen Kompromiss gefunden, mit dem die Bundesumweltministerin zur Klimakonferenz nach Marrakesch fliegen konnte. Einer der Hauptstreitpunkte: Die Zukunft der Kohle. Während die Politik hier noch streitet, schaffen viele Investoren bereits Fakten und ziehen ihr Kapital aus Kohleunternehmen ab.

Unter der Überschrift Divestment hat sich in den vergangenen Monaten weltweit eine steigende Zahl von privaten und institutionellen Investoren freiwillig dazu verpflichtet, die Aktien und Anleihen von Unternehmen zu verkaufen, die ihr Geld mit der Förderung oder Nutzung von Kohle, Öl und Gas verdienen. Zu den gern zitierten Flaggschiffen der Divestment-Bewegung zählen u. a. die Rockefeller Stiftung aus den USA und der milliardenschwere Norwegische Pensionsfonds. Auch in Deutschland haben sich verschiedene institutionelle Anleger der Divestment-Bewegung angeschlossen, u. a. die Städte Berlin und Stuttgart und die Allianz-Versicherung.

Neben gesellschaftspolitischen Motiven spielen dabei auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle, wobei insbesondere die Kohlenstoffblase (Carbon Bubble) ein gewichtiges Ausstiegsargument liefert. Unter dieser Überschrift wird eine Überbewertung der Vorräte an fossilen Energieträgern in den Bilanzen der Kohle-, Öl- und Gasunternehmen diskutiert. Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist die Tatsache, dass nur noch eine begrenzte Menge von CO2 freigesetzt werden darf, wenn das zuletzt auf der Weltklimakonferenz in Paris bestätigte Ziel, den weltweiten Temperaturanstiegs auf max. 2 °C zu begrenzen, erreicht werden soll. Experten geben diese Menge mir rund 565 Gt CO2 an. Die bestätigten Reserven, die sich in der Hand von privaten und staatlichen Unternehmen sowie Staaten befinden, umfassen umgerechnet etwa 2.795 Gt CO2. Insgesamt sind damit, so der Carbon-Bubble-Ansatz, bis zu 80% der verfügbaren Reserven an fossilen Rohstoffen wertlos, da sie nicht verbrannt werden dürfen.

Dies führt zu einer Überbewertung der finanziellen Attraktivität und Bonität der fossilen Unternehmen. Für Investoren, die deren Aktien und Unternehmensanleihen halten, kann das zu einem Risiko werden. Die britische Bank HSBC schätzt, das fossile Unternehmen vor dem Hintergrund dieses Wertberichtigungsbedarfs sowie einer verschärften Klimagesetzgebung und eines veränderten Nachfrageverhaltens in den kommenden Jahren bis zu 60% ihres Marktwertes verlieren könnten.

Das Divestment hängt insbesondere bei Aktien davon ab, ob es einen Käufer für die Wertpapier gibt. Solange es funktioniert, gibt es also offensichtlich Anleger, die die Risiken des Klimawandels als weniger bedrohlich einstufen, im Hinblick auf den „richtigen“ Ausstiegszeitpunkt pokern oder die Risiken im schlechtesten Fall noch nicht erkannt haben. Wenn Divestment nicht mehr funktioniert, wird ein Investor auf den Aktien sitzen bleiben.