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​Ökonomische Rationalität – ein einflussreicher Irrglaube?

Blog-Eintrag   •   Jan 28, 2016 15:30 CET

Viele Ökonomen sind sich ganz sicher: Der Mensch ist ein Homo oeconomicus. Er handelt gänzlich rational und will aus seiner Umwelt den maximalen Nutzen für sich herausholen. Seine Rationalität versetzt ihn in die Lage, in jeder Situation den jeweils besten Outcome für sich zu erkennen und seine Entscheidungen darauf hin auszurichten. Letztlich kann er die Realität vollständig verstehen, wenn er sich nur richtig Mühe gibt und alle möglichen Informationen einholt und auswertet.

Dieses Menschenbild wird von vielen kritisiert. Manche halten es für widerlegt oder weltfremd. An vielen Hochschulen ist der Homo oeconomicus aber weiterhin ein Leitbild der Wirtschaftswissenschaften. Auch andere Disziplinen nutzen es, zum Beispiel die Kriminologie. Alternative Verhaltenskonzepte konnten sich nicht so weiträumig durchsetzen.

Informationen für Halbgötter?

Was bedeutet es aber eigentlich, „vollständig“ informiert zu sein? Die Frage ist kaum zu beantworten, und das hat auch die Ökonomie früh erkannt. Schon in den 1930er Jahren schrieb der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Oskar Morgenstern, ein Mitbegründer der modernen Spieltheorie, dass der optimal handelnde Homo oeconomicus eigentlich ein „Halbgott“ sein muss. Der Mensch aber ist kein Halbgott, und sein Informationsstand ist immer unvollständig. Seiner Rationalität sind also Grenzen gesetzt, weshalb die Theorie des Homo oeconomicus in den 1950er Jahren modifiziert wurde.

So weit, so gut. Aber was bedeutet das? Auch wer von einem „Informationsdefizit“ spricht, setzt voraus, dass es irgendwo vollständige Informationen gibt. Wieviel Hintergrund- und Fachwissen benötige ich, um Informationen „vollständig“ einholen und verstehen zu können? Wer könnte diese Frage überhaupt beantworten? Hierzu gibt es aus keiner Forschungsdisziplin eine gesellschaftlich konsensfähige Antwort.

Gleichgewichte und Gleichungen

Obwohl das Konzept des Homo oeconomicus auf breiten Widerstand stößt: Viele seiner Gegner bezweifeln, dass der Mensch hauptsächlich egoistisch („eigennutzmaximierend“) handelt. Antwort der Wirtschaftswissenschaft: Der Homo oeconomicus sei eben ein hilfreiches theoretisches Verhaltenskonstrukt, nicht eine Erklärung für jede Handlung eines jeden einzelnen Menschen.

Woher kommt das Konzept eigentlich? Vor knapp 150 Jahren fragten sich die Wirtschaftswissenschaften, welche Gleichgewichte es in der Welt geben müsste, damit die Gesellschaft in den Genuss einer optimalen Entwicklung komme. Diese Gleichgewichte wurden definiert. Erst in einem zweiten Schritt wurde festgelegt, was der Mensch tun müsse, damit das Gleichgewicht erreicht wird. Und dieses Handeln wurde dann als rational, egoistisch und ökonomisch definiert. Es steckt bis heute hinter den meisten Konzepten individueller und sozialer Optimierung. Mechanik und Mathematik (Gleichgewichte und Gleichungen) prägen unser Verständnis individueller Handlungen und zwischenmenschlicher Beziehungen. Das kennen wir aus der Physik.

Eine Wirtschaftswissenschaft nach den Maßgaben der Physik muss zwangsweise ethische Aspekte vernachlässigen. Abweichungen von den optimalen Gleichgewichten werden als Verschlechterung gewertet und sind deshalb zu vermeiden. Die Interaktion zwischen diesem bestimmten Einzelnen und jenem bestimmten Einzelnen, die für die Ethik immer die zentrale Frage ist, stellt sich für die Physik und ihre Töchter nicht.

Ohne Theorie keine Praxis!

Wie wenig ein physikalisch begründetes Verständnis der Wirtschaft den (heutigen) Anforderungen gerecht wird, lässt sich leicht zeigen: Wirtschaft kommt erst zustande, wenn Menschen eine Vorstellung von grundlegenden Dingen wie Tausch, Handel, Wert und Geld haben. Zu diesen Prozessen und Verhältnissen müssen sie Vertrauen haben. Der Untersuchungsgegenstand (zum Beispiel der Geldmarkt) erwächst erst aus dem Wissen darüber – ich stelle mir so etwas wie „Geldmarkt“ vor, und folglich beschreibe ich ihn in einer gewissen Art und Weise. Hier gilt: Ohne Theorie keine Praxis!

Bei der Physik ist das anders. Hier existiert der Untersuchungsgegenstand auch ohne das Wissen des Menschen darüber. Kohlenstoff reagiert mit Sauerstoff, auch wenn kein Mensch das weiß.

Die Neuroökonomin und Ethikerin Tania Singer, Leiterin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Tochter des bekannten Neurowissenschaftlers Wolf Singer, will von einem physikalisch geprägten Wirtschaftsmodell weg. Sie sagt: Ein falscher, viel zu starrer, aber letztlich ideologischer Begriff von Optimierung wird zum Dogma – junge Menschen handelten eigennutzorientiert, weil sie glaubten, dass die Welt der Wirtschaft genau das vom Menschen verlange. Universitäten seien hier in der Pflicht, denn gerade politische und wirtschaftliche Eliten seien durch akademische Theorien geprägt. Wirtschaftspolitik beruhe besonders stark auf ökonomischen Lehrsätzen. Viele Absolventen wendeten im Studium erlernte Modelle in ihrem Berufsleben als Politiker, Juristen oder Unternehmen an und veränderten dadurch nachhaltig die gesellschaftliche Wirklichkeit. Eine vorgegebene Wirklichkeit, eine abgeschlossene Information aber gibt es gar nicht. Heute umso weniger.

Was mach ich mit dem Fremden?

Dass es keine vollständige Informationsmenge gibt, die man vorausberechnen kann, zeigt ein Blick auf eine einfache Situation: Ein neuer Nachbar zieht ins Nebenhaus, und ob ich mit ihm klar kommen werde, muss sich erst herausstellen. Ich kann viel spekulieren und mir auch einiges ausrechnen, aber wie sich das Verhältnis entwickeln wird, ist eine Frage der Praxis. Vielleicht bringt er auch etwas an mir zum Vorschein, was mir bisher verborgen geblieben ist.

Für jemanden, der sowohl ihn als auch mich kennt, ist die weitere Entwicklung dieser nachbarschaftlichen Beziehung vielleicht nicht überraschend. Er hätte es sich denken können. Aber das ändert nichts an der Sache. Denn wie der Nachbar auf mich wirkt, kann auch jene dritte Person nicht wissen und nicht in ihrem Kopf simulieren. Diese Wirkung ist überhaupt kein Gegenstand des Wissens. Wissen kann man teilen, einen Eindruck aber nicht. Denn Menschen sind nicht austauschbar. Eindrücke ergeben sich erst in der Praxis.

Im Großen gilt das ganz genauso. „Der Fremde“ ist auch nicht an sich fremd, sondern er ist mir in gewisser Weise fremd, wenn er mir begegnet oder wenn ich von ihm höre.

Wissen und Entscheidungen

Und genau das ist das Schöne an der Unvollkommenheit der Informationsmenge und an den Grenzen des Informationsaustauschs: Unvollkommenheit heißt Unabgeschlossenheit. Wenn wir alles schon vorher wissen könnten, müssten wir gar nichts mehr tun. Wir könnten auch gar nichts mehr tun. Aber Eindrücke können sich ändern, und wir können sie beeinflussen. Mit dem Wissen, das wir haben und das wir recherchieren und das wir dann im Rahmen unserer Möglichkeiten in der Praxis einsetzen. Die Macht des wissend Handelnden ist viel größer, als es das Gerede vom „Informationsdefizit“ des ökonomischen Menschen unterstellt. 

In einer dynamischen und komplexen Welt, die permanent Anpassungen erfordern wird, liefert ein Wissensdienstleister wie Nimirum Ihnen umfangreiches, spezialisiertes und erfahrungsbasiertes Expertenwissen, durch das aus Daten anwendbares Wissen wird. Das gibt Ihnen einen situativen Informationsvorsprung. Sie werden nicht zum ökonomischen „Halbgott“ – aber Sie können auf dieser Grundlage robuste, konkrete Entscheidungen treffen!

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