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Im Interview: Autorin und Bloggerin Laura Gehlhaar

Blog-Eintrag   •   Okt 02, 2018 08:00 CEST

Laura Gehlhaar: Coach, Autorin, Bloggerin, Aktivistin - wie kommt man zu dieser Kombi?

Wenn es um klare Worte zum Thema Inklusion geht, ist die Autorin und Bloggerin Laura Gehlhaar nicht weit. Egal ob beim Female Future Force Day, oder in allen möglichen Fernsehformaten, die Frau im Rollstuhl macht klare Ansagen. Im Interview hat sie uns von ihrem beruflichen Weg erzählt, was sie motiviert, warum sie in Berlin ihr Auslandssemester gemacht hat und was sie jungen Studierenden und BerufsanfängerInnen rät.

Wie bist du zu deinem heutigen Beruf gekommen bzw. wolltest du schon immer Bloggerin sein?

Für mich war klar, dass ich nach dem Abi auf jeden Fall studieren werde, eine Ausbildung mache, oder irgendwie sowas. Während der Schulzeit habe ich dann ein Praktikum auf einem Internat für Gehörlose gemacht und wollte danach in die Richtung Sozialpädagogik/ Psychologie gehen. Tja, leider hatte ich den zweitschlechtesten Abischnitt (lacht) des Jahrgangs?. Deswegen bin ich für mein Sozialpädagogikstudium nach Holland gegangen. Als Sozialpädagogin habe ich dann auch vier Jahre gearbeitet.

Hast du dich an deiner Uni gut integriert gefühlt?

In Holland ist alles sehr inklusiv. Wir hatten ein brandneues Gebäude –das war ein hochmodernes Gerät mit Rolltreppen in jeder Etage. Allerdings habe ich die Holländer als nicht so offen und liberal empfunden. Eher das Gegenteil – krass rassistisch und auch mir gegenüber diskriminierend. Da mag ich das bürokratische und geregelte in Deutschland schon ganz gerne.

Hast du mal ein Auslandssemester gemacht?

Haha, ja. Mein Auslandssemester ging nach Berlin.

Auslandssemester in Berlin?!

Ja, mein damaliger Freund lebte in Berlin. So konnte ich dann zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – Auslandssemester und Freund besuchen. Jetzt lebe ich immer noch in Berlin. Die Stadt ist einfach weltoffener als andere. In Berlin ist es normal, sein individuelles Ding durchzuziehen – du bekommst viel kulturellen Input und kannst deine kreative Art entfalten.

Zurück zur beruflichen Laufbahn. Als Sozialpädagogin arbeitest du heute nicht mehr – zwischendrin warst du noch in einer Werbeagentur – wie kam es dazu?

Ich habe damals gemerkt, dass ich irgendwie noch was anderes machen, was anderes aus mir herausholen will. Da ich schon immer gerne geschrieben habe, habe ich dann bei einer Werbeagentur angefangen.

Das ist aber ganz schön mutig!

Ja, es ist ein unsicherer Schritt. Vor allem wenn man kein festes Einkommen hat. Aber ich habe von Anfang an viel Vertrauen in mich gehabt und das Gefühl, dass die Art, wie ich nach außen trete fruchten kann.

Und nach der Werbeagentur kam das Bloggen?

Bei Recherchearbeiten für die Werbeagentur bin ich auf den Berliner Verein Sozialhelden e.V. gestoßen. So kam ich dann zum Aktivismus und im Endeffekt zum Bloggen.

Wie hast du den Bewerbungsprozess damals erlebt?

Es ist frustrierend, eigentlich der Horror. Man muss sowieso schon fast das Glück haben zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden – ich muss zusätzlich gucken, ob alles barrierefrei ist. Es ist dadurch doppelt so schwierig, einen coolen Job zu finden. Die heutige Selbstständigkeit gibt mir die Freiheit, auf meine Bedürfnisse zu hören. Das ist meine Selbstverwirklichung und es hat mir vieles erleichtert.

Das heißt Selbstverwirklichung bedeutet für dich selbstständiges Arbeiten?

Individuell aus meiner Situation heraus bedeutet mir der Begriff sehr viel. Erstens, weil ich ein sehr freiheitsliebender Mensch bin und mir gerne selbst Gedanken über meinen Arbeitsalltag mache. Zweitens, weil ich aufgrund meiner Behinderung einfach flexibler sein muss und ich mir meine Ressourcen, die meine Behinderung in Anspruch nehmen, dadurch besser einteilen kann. Es ist eine krasse Erleichterung, weil ich auf die Warnsignale meines Körpers hören kann. Wenn nötig bleibe ich dann einfach Zuhause. Es ist generell ein Privileg, ein Luxus, wenn du deine eigene Chefin bist und du dadurch gut leben kannst. Jeden festen Arbeitgeber_in würde ich nur sehr enttäuschen.

Was würdest du jungen Studierenden und BerufseinsteigerInnen mitgeben?

Man muss sich – vor allem mit einer Behinderung – bewusst sein, was man mit seinem Studium anfangen kann, oder welchen Beruf man dadurch machen kann. Man sollte natürlich seinem Herzen folgen und seinen Talenten. Mit einer Behinderung ist aber immer ein Stückchen mehr Planung notwendig. Es ist daher umso wichtiger, sich über seine Stärken bewusst zu werden, um im Berufsleben durchzustarten.

Zusätzlich: Informiert euch über eure Rechte, über das, was euch zusteht. Seid nicht zu stolz und verlegen, um das auch einzufordern. Man bekommt oft das Gefühl „unfair“ zu sein, wenn man mehr Zeit für ´ne Hausarbeit oder andere Sachen zur Verfügung bekommt, obwohl man eine physische oder psychische Behinderung hat. Auch wenn die meisten Menschen Verständnis mitbringen, musste ich mir oft den Spruch „du bekommst ja hier ´ne extra Wurst“ anhören, dabei kann ich mit meiner rechten Hand einfach nicht so schnell schreiben, wie andere – es ist nun mal so. Wenn ich 15 Minuten länger bekomme, ist das gerechtfertigt.

Das braucht aber auch viel Kraft und Selbstbewusstsein. Woher holst du dir diesen Antrieb?

Mich motiviert auf jeden Fall die Bestätigung von außen. Dass mein Dasein, meine Präsenz nach außen hin wahrgenommen und überwiegend als positiv verstanden wird. Man kann sehen, dass sich die Gesellschaft verändert und dass man dazu einen kleinen Beitrag geleistet hat. Vor fünf bis zehn Jahren war vieles noch gar nicht denkbar. Durch das Internet und die sozialen Medien können Menschen nun frei wählen, wie sie sich und ihre Lebensrealität darstellen. Das gilt vor allem auch für Menschen mit Behinderung. Diese sichtbare Veränderung finde ich einfach mega motivierend.

Deine Wünsche für die Zukunft?

Ich würde mir wünschen, dass ich noch mehr Leute erreichen kann mit der Botschaft, dass Diversität eine Bereicherung für die Gesellschaft ist. Dass ich mit dieser Botschaft noch mehr nach außen in den Mainstream durchdringen kann. Und ich würde gerne mehr reisen. Je älter ich werde, desto mehr sehne ich mich danach, mit meinem Freund einfach nur zu zweit zu sein und alles andere um mich herum abzuschalten und mich mehr nur auf mich zu besinnen. Letztendlich bin ich auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dieses Bewusstsein ist gut und schlecht zugleich. Ich möchte mich auf im Alter aber mit gutem Gewissen mir gegenüber zurückziehen können. Vielleicht auch in ein anderes Land.

Vielen Dank Laura Gehlhaar, für das inspierenende Interview! Du willst noch mehr von und über Laura lesen? Hier geht´s zu ihrem Blog! 

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