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„Die großen globalen Herausforderungen lassen sich nur durch intelligente chemische Lösungen meistern“

Blog-Eintrag   •   Okt 21, 2016 13:50 CEST

Foto: BASF

Chemie und Nachhaltigkeit sind keine Gegensätze. Vielmehr braucht es die Innovationen der Chemieindustrie, um die drängendsten Probleme unserer Zeit zu lösen. Dies erklärt Mark Meier, neuer Geschäftsführer von BASF in Nordeuropa und dem Baltikum, im Interview mit der Deutsch-Schwedischen Handelskammer.

Deutsch-Schwedische Handelskammer: BASF ist eines der weltgrößten Chemieunternehmen, als Marke allerdings der breiten Masse wenig bekannt. Wo in unserem Alltag finden wir überall Produkte und Lösungen Ihres Unternehmens?

Mark Meier: Wenn wir uns bei Kunden, auf Messen oder bei Terminen vorstellen, fragen viele auch heute noch: Sie haben doch einmal Kassettentapes hergestellt? Das stimmt, aber das machen wir schon seit Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr. BASF und die Produkte, die wir vermarkten, sind allerdings aus dem alltäglichen Leben praktisch nicht wegzudenken. Wir sitzen hier auf Stühlen, die vermutlich mit einem Polymer der BASF hergestellt worden sind. Wir machen unheimlich viel im Leichtbau von Fahrzeugen und im Bereich Isoliermaterialien – auch hier in Schweden. Zusätzlich sind wir in Schweden stark in Richtung der Papierindustrie ausgerichtet: Papier im grafischen Bereich, aber auch immer stärker bei Verpackungen. Wir sind außerdem einer der großen Lieferanten für Lacksysteme bei den großen schwedischen Autoherstellern. Das sind einige Beispiele – und die Liste ist wirklich lang. Wir sind sehr breit aufgestellt, aber selten als Firma, die dem Konsumenten im täglichen Leben irgendwo direkt ins Auge fällt.

Welche Ihrer Produkte werden in Schweden und Nordeuropa hergestellt?

Wir haben in Skandinavien, Finnland und dem Baltikum insgesamt sieben Produktionsstandorte. In Schweden gibt es lediglich einen in der Nähe von Stockholm, wo Betonzusatzstoffe kundenspezifisch hergestellt werden. Unsere größten Produktionsstandorte hier im Norden befinden sich in Norwegen und Dänemark. Dort ist man in den Bereichen Pharma und Nahrungsergänzungsmittel tätig. Die beiden Standorte sind sehr wichtig für die BASF global und auch stark in Sachen Forschung und Entwicklung unterwegs. Außerdem haben wir noch einen recht großen Produktionsstandort in Finnland, der sich schwerpunktmäßig auf die Papierindustrie konzentriert. Die meisten Produkte, die wir hier in der Region verkaufen, kommen aus Deutschland oder anderen Ländern in unserem weltweiten Produktionsnetzwerk.

Mit Ihrer Rolle als Großunternehmen geht auch eine große Verantwortung für Gesellschaft und Umwelt einher. Welche Maßnahmen ergreift BASF, um dieser Verantwortung gerecht zu werden?

Unsere Strategie ist einfach: We create chemistry for a sustainable future. Das ist nicht nur ein Slogan, sondern tief verwurzelt in der DNA des Unternehmens. Die BASF hat vor 151 Jahren an einem Produktionsstandort in Ludwigshafen begonnen, der inzwischen 350 Betriebe umfasst. Hier leben wir das Konzept von Verbund. Und Verbund bedeutet nichts anderes als die Verbindung sinnlogischer Produktionsbetriebe mit dem Ziel der maximalen Ausbeute und Effizienz. Das ist im Kern nachhaltiges Wirtschaften aus einer ökonomischen Perspektive. Nachhaltigkeit kann natürlich nicht nur ökonomischen Zielen folgen, aber auch nicht nur ökologischen oder nur sozialen, sondern es muss die Balance aus den dreien sein, die immer situativ unterschiedlich ist. Was in Kenia nachhaltig ist, muss in Schweden noch lange nicht nachhaltig sein, weil wir hier unterschiedliche Bedürfnisse in der Bevölkerung haben. Abgesehen davon sind wir davon überzeugt, dass sich die großen globalen Herausforderungen – neun Milliarden Menschen im Jahr 2050, stetige Urbanisierung, höhere Mobilität – nur durch intelligente chemische Lösungen meistern lassen. Und daran arbeiten wir für und mit unseren Kunden aktiv.

Wie sieht es dann im Detail mit unseren Produkten aus? Hier haben wir ein System entwickelt, was wir Sustainable Solution Steering nennen. Wir haben praktisch unser gesamtes Portfolio – über 60.000 Anwendungen – gescreent auf die Auswirkungen in Sachen Nachhaltigkeit. Nun stellen wir alles sehr offen und transparent dar: Wie viele Produkte haben einen positiven nachhaltigen Effekt? Das sind zum Beispiel Dämmmaterialien, die über ihren Lebenszyklus ein Vielfaches an Energieeinsparung generieren, als was über die Produktion in sie hereingesteckt wurde. Aber wir sind auch transparent dazu, welche Produkte in unserem Portfolio mittel- bis langfristig ersetzt werden müssen. Das sind so genannte Transitioning oder Challenged Products, zu denen wir selbst Substitutionen angehen müssen. Sie machen in unserem Portfolio aber nur einen sehr geringen Anteil aus.

Sie persönlich sind jetzt seit Jahresanfang Geschäftsführer von BASF in Nordeuropa und dem Baltikum. Welche Pläne und Ziele haben Sie konkret für den schwedischen Markt?

Schweden ist in der Region Nordic/Baltic, aufgrund der Bedeutung der verarbeitenden Industrie und in Sachen Umsatz, der mit Abstand wichtigste Markt für uns. Wir sind in traditionell wichtigen Branchen (Auto, Papier, Farben und Lacke, Bau) bereits stark aufgestellt, aber es gibt Bereiche, in denen wir aus meiner Sicht noch mehr machen können. Wir haben aber gerade auch über ein anderes wichtiges Thema gesprochen: die Wahrnehmung der Chemieindustrie. Das ist für mich ebenfalls ein Kernthema – hier mit unseren Partnern in der Gesetzgebung, in Verbänden, bei Kunden für ein positiveres Bild der Chemieindustrie zu werben, durch Fakten. Schweden und Dänemark sind im europäischen Konzert sehr wichtig, wenn es um technische Regulierungen und Themen geht. Hier wollen wir auch direkt vor Ort stärker mitwirken.

BASF ist ein Global Player. Wie wichtig ist der Austausch und Handel zwischen Deutschland und Schweden für Ihr Unternehmen?

Schweden ist ein signifikanter Absatzmarkt für uns. Deshalb ist der Austausch zwischen Schweden und Deutschland natürlich per se wichtig. Aber ich glaube, wir können in bestimmten Bereichen mehr machen. Und es ist auch meine Aufgabe als Deutscher in der Region – auch mit Unterstützung der Deutsch-Schwedischen Handelskammer – die Übersetzungsleistung in unsere Firma sicherzustellen. Aber Umsatz bedeutet nicht alles. Wir haben hier im Norden hochinnovative, zukunftsorientierte Industrien. Hier kann man Industrie reden, weil es ein verstandenes Konzept ist, dass verarbeitende Industrie wichtig ist. Das ist sehr eng mit dem deutschen Denken verbunden.

Wenn Sie einmal träumen – für welches Problem wünschen Sie sich bald eine Lösung von Ihren Ingenieuren und Chemikern?

Die Liste ist lang und sie kann für den geneigten Leser eher langweilig werden, weil sie sich sehr auf Details fokussiert. Aber mir fallen da drei wichtige Sachen ein: Das allererste ist für mich, dass wir noch schneller und struktureller den Anteil von Leichtbau-Komponenten im Automobilbau erhöhen. Das ist einfacher gesagt als getan. Aber mit strukturellen Leichtbau-Teilen können wir CO2-Reduzierungen realisieren und gleichzeitig die Fahreigenschaften verbessern. Das nächste sind Smart Grids und die Speicherung von Energie. Wie können wir eine kontinuierlichere Verteilung der vorhandenen Energiemasse erreichen? Wie können wir Strom aus Sonne und Wind speichern? Das ist ein Riesen-Thema für uns, wo wir auch in den letzten Jahren in unsere Innovationspipeline investiert haben. Und der dritte Bereich sind Isoliermaterialien: noch weiter an leistungsfähigen Dämmstoffen zu arbeiten, noch einmal die Dämm- und gleichzeitig die Anwendungseigenschaften zu verbessern. Das sind alles drei Beispiele, die universal gesellschaftsrelevant sind. Alle Themen bieten für uns Geschäftsmöglichkeiten, haben Innovationspotenziale und gleichzeitig sind sie wichtig in Sachen Nachhaltigkeit.

Das klingt so, als wäre BASF auch nah an Lösungen für alle drei Themen dran.

Ja, aber wir müssen auch vorsichtig sein. Wir sind im privaten Umfeld an Innovationszyklen von Apple gewohnt: alle 2-3 Jahre ein neues Iphone. Diese Innovationszyklen haben wir nicht. Bei uns kann es durchaus auch mal Jahrzehnte dauern. Wenn etwas heute technisch machbar ist, heißt das nicht, dass es kommerziell im Scale-Up in zwei oder drei Jahren möglich ist. Das muss man sich immer wieder verinnerlichen.

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