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Digitalisierung bringt Energiewende voran

Blog-Eintrag   •   Mai 20, 2016 10:58 CEST

Andreas Kuhlmann, GF Dena, und Erik Brandsma, Generaldirektor schwed. Energiebehörde. Foto: Deutsch-Schwedische Handelskammer

Die Digitalisierung der Wirtschaft wird die Energiewende weiter vorantreiben. Deutschland und Schweden müssen künftig noch stärker auf Innovationen setzen, um ihre Führungsrolle im Energiebereich nicht zu verspielen. Dies betonten Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena), und Erik Brandsma, Generaldirektor der schwedischen Energiebehörde (Energimyndigheten), bei Tyskland i dialog am 17. Mai.

„Bei Industrie 4.0, der Digitalisierung der Wirtschaft, geht es hauptsächlich um die Optimierung verschiedener Prozesse in den Unternehmen. Hier ist Energieeffizienz ein ganz zentraler Punkt. Mithilfe der Digitalisierung wird man Energie effektiver nutzen können, was auch den Gesamtverbrauch senken kann. Dies ist einer der wichtigsten Hebel, über den wir die Ziele, die wir uns für die Energiewende gesetzt haben, erreichen können“, sagte Andreas Kuhlmann.

Der Vorsitzende der Geschäftsführung der Dena war diese Woche zu Besuch in der Deutsch-Schwedischen Handelskammer in Stockholm, um die Themen Energiewende und Digitalisierung zu diskutieren. Vor rund 70 Vertretern von schwedischen Unternehmen, Branchenverbänden, Behörden und Presse erklärte er, dass die deutsche Energiewende nunmehr in ihre zweite Phase eingetreten ist:

„Die erste Phase der Umstellung hatte zum Ziel, erneuerbare Energien aus der Nische zu führen und sie zu zentralen Säulen des Energiesystems zu machen. Dies hat man äußerst erfolgreich hinbekommen. Inzwischen stammt ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms aus erneuerbaren Quellen. Der Ausbau, vor allem von Windkraft und Solarzellen, muss weitergehen, bis die langfristigen Ziele erreicht sind. Aber in diesem Bereich sind nicht mehr sonderlich viele Innovationen zu erwarten. Nun geht es stattdessen darum, in die nächste Phase überzugehen und ein smartes Energiesystem zu erschaffen, in das alle verschiedenen Komponenten auf eine effektive Art und Weise integriert werden“, so Andreas Kuhlmann.

Mehr Flexibilität in intelligenten Netzen

Laut Kuhlmann werden in den kommenden 15 Jahren in zahlreichen Bereichen Innovationen benötigt: Da das Angebot an Wind- und Solarstrom je nach Wetter variiert, müssen konventionelle Kraftwerke flexibler werden, um auf die Schwankungen im System reagieren zu können. Speicherkapazitäten werden gebraucht, damit Stromüberschüsse aus Produktionsspitzen nicht ungenutzt verloren gehen. Der Verbrauch von Industrie und Haushalten könnte mehr an das jeweils aktuelle Energieangebot angepasst werden. Und um all dies Wirklichkeit werden zu lassen, braucht es intelligente Netze mit einer intelligenten Netzarchitektur.

Dass uns große Veränderungen bevorstehen, betonte auch der Generaldirektor der schwedischen Energiebehörde Erik Brandsma: „Wenn Edison noch leben und man ihn zum heutigen Energiesystem befragen würde, würde er vermutlich sagen, dass es in etwa so aussieht, wie er es sich vorgestellt hat. Seit seinen Lebzeiten ist da nicht allzu viel passiert. In den kommenden fünf Jahren wird sich der Energiesektor jedoch stärker verändern als er es in den gesamten letzten fünf Jahrzehnten getan hat.“

Schnellere Entwicklung als erwartet

Brandsma beklagte, dass vielen Akteuren noch immer das Bewusstsein dafür fehle, wie schnell die Veränderungen ablaufen würden. Seiner Ansicht nach haben Wirtschaft und Politik in Schweden erst vor Kurzem verstanden, wie wichtig und dringlich es ist, die offenen Fragen zum Thema Energie jetzt anzugehen.

Ein Problem für die Umsetzung der Energiewende ist die Krise, in der sich viele der großen traditionellen Energieversorger derzeit befinden. Sie litten unter den niedrigen Preisen auf dem Strommarkt, Altlasten aus immer weniger profitablen Geschäftsbereichen und einer internen Kultur, die den Anschluss an die aktuelle Entwicklung verpasst habe, meinte Andreas Kuhlmann. Er sieht bei den Großen der Branche jedoch noch immer einiges an Innovationspotenzial. Und Erik Brandsma fügte hinzu, dass die Krise eben auch Chancen für neue Akteure biete, in den Energiemarkt vorzustoßen und dort erfolgreich zu sein.

Regelungen auf der Höhe der Zeit

Damit sämtliche Veränderungen innerhalb eines vernünftigen Zeit- und Kostenrahmens durchführbar sind, müssen Gesetze und Verordnungen angepasst werden. Die beiden Diskussionsteilnehmer waren sich darin einig, dass die Politik im Umwandlungsprozess eine aktive Rolle spielen müsse, jedoch nicht alles bis ins kleinste Detail regeln sollte.

„Die erste Phase der Energiewende in Deutschland wurde vor allem durch neue gesetzliche Regelungen vorangetrieben. Aber die Bestimmungen werden jedes Jahr komplexer. Sie zu verstehen ist extrem kompliziert, besonders für jemanden, der aus dem Ausland kommt. Wenn die Politiker glauben, sie könnten alle Fragen durch Regulierung lösen, werden sie scheitern. Natürlich brauchen wir ein vernünftiges Rahmenwerk, aber Innovationen entstehen hauptsächlich in den Teilbereichen, wo es einen freien Markt gibt“, sagte Andreas Kuhlmann.

„Vergleicht man den Energiemarkt mit einem Fußballspiel, wird sofort deutlich, dass Regeln wichtig sind, diese aber nicht das Spiel an sich killen sollten. Dass es eine gute Partie wird, sollte hauptsächlich von den Spielern auf dem Rasen abhängen“, fügte Erik Brandsma hinzu.

Deutschland heisst Innovationen willkommen

Aktuell ist Deutschland eines der weltweit führenden Länder bei Innovationen im Energiesektor. Damit dies auch künftig so bleibt, fördert unter anderem die Dena neue Ideen mit finanziellen und weiteren Mitteln. Darüber hinaus sind aber auch Akteure aus dem Ausland eingeladen, mit ihren Lösungen zur Energiewende beizutragen oder mit deutschen Partnern zu kooperieren.

Hier kommt wiederum die schwedische Energiebehörde zum Zug. Zusammen mit der Deutsch-Schwedischen Handelskammer betreibt sie seit 2015 das sogenannte Deutschlandprogramm, welches innovativen schwedischen Unternehmen aus den Bereichen Energie- und Umwelttechnik den Einstieg in den deutschen Markt ermöglichen soll. Mehrere der aktuell am Deutschlandprogramm teilnehmenden Unternehmen waren bei der Veranstaltung in Stockholm vor Ort.

„Energiebehörden und -agenturen spielen eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die richtigen Knöpfe zu drücken, um Innovationen auf den Markt zu helfen. Allein wir hier in Schweden investieren jährlich zwischen 1,3 und 1,4 Milliarden Kronen (etwa 140-150 Millionen Euro) in die Innovationsförderung. Für einige Unternehmen ist es von entscheidender Bedeutung, zum Beispiel den Bau einer Demonstrationsanlage finanziert zu bekommen, um diese dann potenziellen Kunden vorführen zu können“, sagte Erik Brandsma.

Thema für alle Branchen

Die kommenden Jahre werden im Energiebereich also hoffentlich so einiges an Innovationen zu bieten haben. Andreas Kuhlmann nannte im Laufe des Tyskland i dialog-Seminars aber noch weitere Trends für die nahe Zukunft:

„Ich glaube, die Entwicklung hin zu einem immer mehr dezentralisierten Energiesystem ist unumkehrbar. Vor 5-6 Jahren hätte ich noch gesagt, dass mit einem solchen System das Risiko von weniger Netzstabilität einhergeht. Aber diese Gefahr sehe ich inzwischen nicht mehr. Die Energiewende wird zudem auch, ähnlich wie die Digitalisierung, mit der Zeit immer mehr Branchen und Wirtschaftsbereiche erfassen. Es geht nicht mehr nur um die Produktion und den Vertrieb von Strom. Alle werden sich mit dem Thema beschäftigen müssen, von der Autoindustrie bis zum Baugewerbe und dem Dienstleistungssektor“, schloss Andreas Kuhlmann ab.

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