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Psychopharmaka bei Delfinen - „Tiergartendirektor nach Höhenflug auf Parterre“

Pressemitteilung   •   Okt 26, 2015 14:19 CET

Nach den aktuellen Berichten des Magazin Stern und der TV-Sendung „Mario Barth deckt auf“ über die Ruhigstellung von Zootieren kritisiert das Hagener Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) insbesondere die fortlaufende Verabreichung von Beruhigungsmitteln an Delfine im Nürnberger Tiergarten. Nach einer neuesten Veröffentlichung des WDSF seien in den beiden Jahren 2013 und 2014 erneut sechs Delfine mit dem Psychopharmaka Diazepam (Valium) und dem Anti-Aggressionsmittel Serenin ruhiggestellt worden.

Das WDSF hatte aufgrund einer Akteneinsicht und einer fachbiologischen Analyse bereits im Jahr 2012 festgestellt und veröffentlicht, dass in einem Zeitraum von weniger als fünf Jahren im Tiergarten den Meeressäugern insgesamt über 10.000 Milligramm des Psychopharmaka Diazepam und das Mittel Serenin verabreicht wurden. 

Die angegebenen Gründe in den Akten des Tiergartens waren „Nervosität, Unruhe, schlechte Mitarbeit, schlechtes Fressverhalten, zur Beruhigung vor Untersuchungen und Transporten, Aggressionen und Streit, Nervosität wegen Baulärms und Unwohlsein.“ 

WDSF-Geschäftsführer Jürgen Ortmüller: „Dramatisch sind nicht nur die unglaublichen Mengen der Beruhigungsmitteln, sondern auch die Auswirkungen auf die Gesundheit der sensiblen Meeressäuger.“ Nach Herstellerangaben kann Diazepam bereits nach kurzer Zeit ein Suchtpotential verursachen. In der Humanmedizin wird es als chirurgisches Notfallmedikament und Antiepileptikum eingesetzt. In der Tiermedizin findet es bei akuten und chronischen Spannungs- und Erregungszuständen sowie Angststörungen zur Sedation Anwendung.

Bei Serenin handelt es sich ebenfalls um ein Beruhigungsmittel gegen Aggressionen und andere angstbedingte Verhaltensprobleme. Es ist ein Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung von Erregungs- und Angstzuständen, Depressionen, Schlaflosigkeit und chronischer Übermüdung.

Das WDSF hat ermittelt, dass in den Jahren 2013 und 2014 wiederum Diazepam an sechs Delfine mit insgesamt 845 mg an 94 Tagen verabreicht worden sei und das nicht nur wegen Appetitlosigkeit, wie Tiergartendirektor Dag Encke wiederholt behauptet hatte, sondern überwiegend wegen „sozialer Probleme, Aggressionen und zur Dämpfung von Angst“ laut Akteninhalten.


Der Tümmler Joker erhielt vom 07.10.2009 bis zum 25.06.2010 nahezu täglich Diazepam. Die berechnete Gesamtmenge für diesen Zeitraum liege bei ca. 4100 mg. Ab dem 07.06.2010 wurde dann teilweise ergänzend zum Diazepam auf Serenin umgestellt. Von Ende 2011 bis zu seiner Abgabe am 13.06.2013 an das Delfinarium in Harderwijk (Holland) habe Joker über 1.300 Kapseln Serenin verabreicht bekommen. Die gleichentags von Harderwijk nach Nürnberg transportierten Delfine Kai und Rocco erhielten im Jahr 2014 nach Aktenlage ebenfalls Diazepam, bei Kai weil er „Fisch spuckte und die Futteraufnahme verweigerte.“

Rocco musste wegen Unverträglichkeit mit den anderen Delfinen am 14.10.2014 nach Malaga transferiert werden und erhielt anlässlich des Transports zusätzlich 45 mg Diazepam.

Auch der Duisburger Zoodirektor Achim Winkler musste einräumen, dass die Delfine und andere Zootiere bereits Diazepam erhalten hätten. Das WDSF ermittelte in Duisburg noch über 20 andere Medikamente bei der Delfinhaltung, dabei überwiegend Antibiotika und Antiseptika.

Die Bundesregierung stellte Anfang dieses Jahres zur Psychopharmakagabe an Zootiere fest: "Ein dauerhafter und routinemäßiger Einsatz von "Psychopharmaka" - etwa Beruhigungsmittel - zur Kompensation ungeeigneter Haltungsbedingungen verstößt gegen die Vorgaben des Tierschutzgesetzes.“

Ortmüller: „Die Drogen-Behandlung der Delfine grenzt an Tierquälerei. Delfinarien sind Auslaufmodelle. Der kurze Höhenflug des Tiergartens Nürnberg ist seit der Eröffnung der Delfinlagune im Jahr 2011 mit rund 1,2 Millionen Besuchern mittlerweile der Realität gewichen. In den Jahren 2012 und 2013 waren es jeweils über 100.000 Besucher weniger. Die kalkulierte jährliche Besucherzahl von 1,18 Millionen zur Schuldentilgung des Lagunenbaus wurde bisher in keinem Jahr erreicht. Das haben nach den ganzen Skandalen mit den jetzt anstehenden Sanierungskosten der Delfinlagune von vermutlich mehreren Millionen aufgrund des umweltschädigenden Salzwasserunfalls nur der Tiergarten und der verantwortliche Bürgermeister Christian Vogel noch nicht begriffen. Encke steht nach der anfänglichen Euphorie inzwischen auf Parterre und wird als Verantwortlicher ebenso wie Bürgermeister Vogel wohl bald seinen Hut nehmen müssen nachdem über 30 Millionen Euro in den salzverseuchten Sand gesetzt wurden. Wir werden die neuesten ermittelten Verabreichungen von Psychopharmaka auch dem Bayerischen Staatsministerium als oberste Aufsichtbehörde vorlegen.“

WDSF-Homepage - Psychopharmaka Tiergarten Nürnberg:
http://www.wdsf.eu/index.php/delfinarien/delfinarium-nuernberg/psychopharmaka

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