Pressemitteilung -
MIT Technology Review: Der designte Mensch
Gentests versprechen „optimierte“ Babys
Hannover, 13. Februar 2026 – US-Unternehmen bieten Eltern bei künstlicher Befruchtung an, für bis zu 25.000 Dollar unter ihren Embryonen die „besten“ auszuwählen – mit angeblich höherem IQ und gewünschten Eigenschaften. Führende Genetiker warnen in der neuesten Ausgabe der MIT Technology Review vor wissenschaftlich nicht belegbaren Versprechen und einem weitgehend unregulierten Markt.
Die Präimplantationsdiagnostik ermöglicht es, aus einer Blastozyste – einem nur sandkorngroßen Embryo – Zellen zu entnehmen und deren komplettes Erbgut zu analysieren. Bisher diente diese Methode hauptsächlich dazu, schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder Down-Syndrom auszuschließen. Neue Anbieter gehen nun deutlich weiter.
Das Unternehmen Nucleus etwa verspricht in seinem „IVF+“-Programm für 24.999 Dollar, bis zu 20 Embryonen auf mehr als 2.000 Merkmale zu testen – von Krankheitsrisiken über Intelligenz bis zu Charaktereigenschaften. Konkurrent Herasight behauptet, bei zehn verfügbaren Embryonen eine IQ-Spanne von etwa 15 Punkten zwischen dem „besten“ und „schlechtesten“ vorhersagen zu können.
„Diese rücksichtslosen, übertriebenen und oft geradezu manipulativen Anwendungen gefährden die Glaubwürdigkeit klinischer Instrumente“, warnt der Genetiker Sasha Gusev vom Dana-Farber Cancer Institute im Gespräch mit MIT Technology Review. Die Aussagekraft der Tests sei wissenschaftlich nicht belegt. Zu komplex seien die Wechselwirkungen zwischen Genen sowie der Einfluss von Ernährung, Bildung und anderen Umweltfaktoren.
Dennoch wächst der Markt rasant. Tech-Milliardäre wie Elon Musk investieren Millionen in Unternehmen wie Orchid, das bereits „hunderte Embryonen“ getestet haben will. Die Branche spricht von „genetischer Optimierung“ – Kritiker warnen vor einer Renaissance der Eugenik, der umstrittenen Idee einer genetischen „Verbesserung“ des Menschen.
Eine Bioethik-Studie von 2024 mit 1.627 US-Bürgern zeigt die gespaltene öffentliche Meinung: Während Tests auf Krankheiten breite Zustimmung finden, lehnen 40,5 Prozent Intelligenztests für Embryonen ab. In vielen Ländern, etwa Großbritannien, sind solche Tests verboten.
Experten fordern dringend mehr Regulierung und Langzeitstudien. Denn neben der fragwürdigen Wirksamkeit stellen sich grundsätzliche ethische Fragen: Welchen Einfluss haben Gene wirklich auf unsere Persönlichkeit? Und wollen wir eine Gesellschaft, in der sich wohlhabende Eltern „optimierte“ Kinder leisten können?
In der Fokus-Strecke „Der angepasste Mensch“ zeigt die Redaktion von MIT Technology Review, wie sich unser Körper unter dem Einfluss von Klimawandel, Technologie und globaler Mobilität verändert – und wie Forschung diese Prozesse heute präzise vermisst. Anpassung ist dabei längst mehr als Biologie: Sie wird zur Gestaltungsfrage an der Schnittstelle von Medizin, Technik, Politik und Ethik.
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Die MIT Technology Review ist die deutsche Lizenzausgabe der US-amerikanischen Zeitschrift, die seit 130 Jahren am weltberühmten Massachusetts Institute of Technology in Boston erscheint. Als unabhängiges wissenschaftsjournalistisches Medium hat es sich die Marke zur Aufgabe gemacht, wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Trends einem breiten Publikum zu vermitteln. MIT Technology Review gehört seit Januar 2024 zu yeebase media GmbH, einer Tochtergesellschaft von heise medien. Online-Artikel sind unter t3n zu lesen.
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