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Schlips war gestern: Geschäftskultur im Wandel

Blog-Eintrag   •   Mai 20, 2016 10:40 CEST

Ninni Löwgren Tischer, Christian Clemens, Martin Kauffner & Jörgen Kihlgren diskutierten deutsches und schwedisches Management.

Den eigenen Chef duzen? Niemals! Ohne Krawatte im Büro? Ein No-go für Führungskräfte in Deutschland. Über viele Jahrzehnte hinweg war dies der Normalfall. Mit der fortschreitenden Globalisierung und Digitalisierung scheint sich die deutsche Geschäftskultur jedoch langsam zu verändern. Dies wurde auf einer Podiumsdiskussion mit deutschen und schwedischen Führungskräften am 12. Mai deutlich.

Geografische Nähe ist nicht alles. Es gibt doch einige kulturelle Unterschiede zwischen Schweden und Deutschland, über die man Bescheid wissen sollte, um erfolgreich Geschäfte abwickeln zu können. In einer Podiumsdiskussion, die die Deutsch-Schwedische Handelskammer in Zusammenarbeit mit der schwedischen Führungskräfteorganisation Ledarna arrangierte, diskutierten am 12. Mai vier Experten, davon zwei Manager und zwei Coaches, den deutschen und den schwedischen Führungsstil sowie die Entwicklung der jeweiligen Geschäftskulturen.

Ein wichtiger Unterschied liegt in Strukturen und Hierarchien. In Deutschland ist man es gewohnt, dass Unternehmen in zum Teil weit mehr als drei Hierarchiestufen strukturiert sind. In Schweden hat man jedoch ein Führungssystem mit flachen Hierarchien. Christian Clemens war als schwedischer Chef in Deutschland und versuchte als Vorsitzender der Geschäftsführung, die TUI Deutschland GmbH mit den schwedischen Strukturen zu inspirieren.

„Ich agierte viel durch symbolische Handlungen. Zum Beispiel ließ ich die Tür zu meinem Büro offen, um zu zeigen, dass ich offen für einen Dialog mit meinen Mitarbeitern bin. Wenn meine Mitarbeiter Kundentermine hatten, habe ich sie danach gefragt, wie es gelaufen ist. Ich habe mir nie eine Krawatte umgebunden und wäre am liebsten sogar in T-Shirt und Turnschuhen zur Arbeit gegangen“, sagte Christian Clemens.

Kaffeepause ist nicht gleich Kaffeepause

Die deutsche Geschäftskultur wird als sehr professionell und korrekt angesehen. Man ist es gewohnt, Arbeitsleben und Freizeit strikt zu trennen. Dies spiegelt sich wiederum deutlich in den jeweiligen Besprechungskulturen wider. In Schweden werden Meetings mehr durch allgemeine Diskussionen gesteuert und eine gemeinsame Fika (das schwedische Pendant zur Kaffeepause) wird als sehr wichtig angesehen. Die Schweden deswegen aber als weniger professionell oder strukturiert anzusehen, wäre falsch. Sie haben einfach eine andere Philosophie.

”In Schweden haben wir Fika und in Deutschland Kaffeepause, aber die beiden Begriffe haben unterschiedliche Bedeutungen. Die deutsche Kaffeepause ist eine reine Pause, was bedeutet, dass man dann nicht arbeitet, nicht produktiv ist. Deswegen ist es nicht legitim, sie länger als nötig zu haben. Die Fika in Schweden ist mehr als eine Pause. Sie dient als informeller Informationsaustausch und ist ein Bestandteil der Arbeitszeit“, berichtete Martin Kauffner, Deutscher und CFO von Lidl in Schweden.

Die deutsche Geschäftskultur im Wandel

In der letzten Zeit kann man in Deutschland einen Trend hin zu einer eher informelleren Geschäftskultur beobachten. Oft geschieht dies durch Initiativen der Führungskräfte selbst, die ihren Mitarbeitern näher sein wollen. Beide Geschäftskulturen beeinflussen sich dabei gegenseitig.

„Der schwedische Führungsstil hat in den letzten Jahren mit all den erfolgreichen Startups in beiden Ländern eine Renaissance erlebt“, sagte Jörgen Kihlgren, Führungskräfte-Coach bei Schwedens größtem Chefverband Ledarna.

„Es gibt Unternehmen, die ihre eigene Geschäftskultur bei der Expansion in ein anderes Land bewusst mitnehmen, weil sie sich davon Vorteile versprechen. Ikea hat zum Beispiel schon immer seine Kunden und Mitarbeiter bewusst geduzt und damit dem Unternehmen ein jugendliches und unkompliziertes Image gegeben“, sagte Ninni Löwgren Tischer, Abteilungsleiterin Market Entry & Business Development bei der Deutsch-Schwedischen Handelskammer, Buchautorin und Expertin rund um das Thema deutsch-schwedische Interkulturalität.

Die junge Generation stellt inzwischen ganz andere Anforderungen und die Führungskräfte wollen sicherstellen, dass sich die Angestellten wohlfühlen. Als Christian Clemens zu seiner Zeit als schwedischer Chef in Deutschland ohne Schlips zur Arbeit erschien, machte er als Rebell Schlagzeilen in der deutschen Wirtschaftspresse. Heute würde er mit seinem lässigen Kleidungsstil am Arbeitsplatz als Trendsetter gelten. Was bereits in jungen Unternehmen und Startups völlig normal ist, wird nun auch in immer mehr größeren deutschen Unternehmen zum Trend.

Kulturwandel 4.0

Diesem Wandel der Geschäftskultur folgen immer mehr große deutsche Unternehmen – man spricht sogar von einem ”Kulturwandel 4.0”. Das Unternehmen Lidl entschied sich bereits vor zwei Monaten, dass sich alle Mitarbeiter innerhalb des Unternehmens in ganz Europa nur noch duzen sollen. Dies könne das Wir-Gefühl im Unternehmen stärken, motivierend sein und den Arbeitsplatz persönlicher machen.

„Die junge Generation der Deutschen ist grundlegend anders als die ältere Managergeneration. Es wird nicht mehr so viel Wert auf Hierarchien und Formalitäten gelegt. Die Digitalisierung stellt ihrerseits gesteigerte Anforderungen an die Unternehmen. Zusammen mit der Internationalisierung zwingen diese Tendenzen die Unternehmen dazu, anders zu denken“, so Christian Clemens.

Auf dem Weg in eine globalisierte Geschäftskultur?

Die neusten Veränderungen in der deutschen Geschäftskultur mögen als klein angesehen werden, doch sie zeigen, dass Unternehmen umdenken und sich langsam Geschäftskulturen anderer Länder, wie beispielsweise Schweden oder englischsprachigen Ländern, anpassen. Wenn die Globalisierung ihr derzeitiges Tempo beibehält, werden kulturelle Unterschiede im Geschäftsleben mit der Zeit noch stärker abnehmen.

”Man hat es heutzutage verstärkt mit global aktiven Unternehmen zu tun. Alle nähern sich einander an und werden letztendlich eine Art europäischen Führungsstil annehmen“, meinte Martin Kauffner von Lidl.

„Guter Führungsstil kennt keine Nationalität. Die Landesgrenzen werden immer mehr verschwinden, weswegen Unternehmen auf andere Kompetenzen bei ihren Mitarbeitern setzen müssen als bisher. Interkulturelle Kompetenz wird ein wichtigeres Kriterium bei der Rekrutierung von Personal sein“, sagte Jörgen Kihlgren.

Der perfekte Mix aus deutschem und schwedischem Führungsstil

Bereits die nächste Generation von Managern kann eine zunehmend globalisierte Geschäftskultur erwarten. Immer mehr junge Menschen studieren im Ausland und entscheiden sich dazu, außerhalb ihres Heimatlandes zu arbeiten. Hier kommen sie in Kontakt mit anderen Arbeitsmentalitäten und entwickeln diesen gegenüber eine gesteigerte Toleranz. Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion der Deutsch-Schwedischen Handelskammer waren sich einig, dass eine Kombination der deutschen Struktur mit der schwedischen Kultur den perfekten Führungsstilmix ergäbe.

”Kulturen sind nicht statisch, sondern entwickeln sich ständig weiter. Auch die schwedische Kultur ist nicht mehr so, wie vor 20 Jahren. Manchmal kann es jedoch sein, dass ein Unternehmen mit einer Veränderung zu früh dran ist und dann lassen sich die Mitarbeiter noch nicht darauf ein. Es gilt eine Balance im Kulturmix zu finden, sodass sich alle Involvierten wohlfühlen“, fasste Ninni Löwgren Tischer die Diskussion zusammen.

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