Pressemitteilung -
Aktion Mensch zum Internationalen Tag der Bildung: Stillstand bei der Inklusion verletzt Menschenrechte
- Sozialorganisation warnt: Die „Exklusionsquote“ an deutschen Schulen verharrt auf hohem Niveau
- Mangelnde Umsetzung von Inklusion ist ein Systemfehler, kein individuelles Versagen
- Lehrkräftemangel verschärft die Ausgrenzung von Kindern mit Behinderung
Bonn (22. Januar 2026) Anlässlich des Internationalen Tages der Bildung am 24. Januar warnt die Aktion Mensch vor gravierenden Versäumnissen beim Ausbau eines inklusiven Bildungssystems in Deutschland. Obwohl inklusive Bildung ein völkerrechtlich verankertes Menschenrecht ist, bleibt sie für viele Schüler*innen mit Behinderung weiterhin unerreichbar. Statt Barrieren abzubauen, verfestigt sich ein System der Separation aus Regel- und Förderschulen – abhängig vom Wohnort, der Personalsituation und strukturellen Rahmenbedingungen.
„Wenn drei von vier Förderschüler*innen die Schule ohne Abschluss verlassen, ist das kein individuelles Versagen, sondern ein Systemfehler, den wir uns als Gesellschaft nicht leisten können. In Folge bleibt vielen Schüler*innen der Weg in die Arbeitswelt verwehrt. Dabei wäre eine gute schulische Bildung der Schlüssel zu einem selbstbestimmten Berufsleben“, erklärt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch.
Trennung statt Teilhabe
Fast 17 Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention stagniert der Fortschritt. Die Exklusionsquote – also der Anteil der Kinder mit Förderbedarf, die in separaten Förderschulen unterrichtet werden – bleibt laut Bertelsmann Stiftung mit rund 4,2 Prozent bundesweit nahezu unverändert hoch. Gleichzeitig verlassen gemäß der Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung 73 Prozent der Jugendlichen an Förderschulen die Schule ohne mindestens einen ersten Schulabschluss, was ihre Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt massiv einschränkt.
Fachkräftemangel als Inklusionsbremse
Ein wesentlicher Grund für die mangelnde Umsetzung inklusiver Bildung ist der anhaltende Lehrkräftemangel. So wird Inklusion vielerorts als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, die knappen Kapazitäten häufig als Erstes zum Opfer fällt. Das zeigt sich aktuell auch in Sachsen-Anhalt, wo der Bildungsminister den Fokus auf den Ausbau von Förderschulen mit dem Lehrkräftemangel begründet. Die aktuelle INSIDE-Studie verdeutlicht zudem, dass strukturelle Rahmenbedingungen die Kooperation zwischen Regelschullehrkräften und Sonderpädagog*innen erschweren können.
Forderungen der Aktion Mensch zum Internationalen Tag der Bildung
- Umsetzung des Menschenrechts: Inklusive Bildung sollte durch bundesweite Standards und länderübergreifende Koordination konsequent umgesetzt werden. Sie stärkt die Demokratiebildung und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
- Inklusion als Standard: Die Ausbildung aller Lehrkräfte muss verpflichtende Module zu inklusiver Pädagogik und (digitaler) Barrierefreiheit enthalten.
- Ressourcenbündelung: Mittel für Schulbegleitung und Sonderpädagogik müssen verstetigt und unbürokratisch direkt an Schulen fließen.
Inklusion als wirksame Mobbing-Prävention
Wie inklusives Lernen das gesamte Schulklima positiv beeinflusst, zeigt die Marie-Kahle-Gesamtschule in Bonn. Dort wird Vielfalt als grundlegendes Qualitätsmerkmal verstanden und als wirksamer Schutz vor Ausgrenzung. „Inklusion wird oft mit weniger Lernfortschritt für alle gleichgesetzt – das Gegenteil ist der Fall: sie ist Merkmal erfolgreichen Unterrichts. Alle Schüler*innen kommen von ihrem individuellen Startpunkt aus voran. Es muss niemand auf die vermeintlich Langsamen warten. Wenn Kinder zudem von Anfang an erleben, dass Verschiedenheit der Normalfall ist, entziehen wir Ausgrenzung den Nährboden. Ein inklusives Lernumfeld ist damit die beste Mobbing-Prävention, denn wo Vielfalt wertgeschätzt wird, sinkt die Hemmschwelle zur Diskriminierung massiv“, berichtet Schulleiterin Sabine Kreutzer. Von Inklusion profitierten demnach alle Schüler*innen. Sie lernten nicht nur Mathe oder Englisch, sondern entwickelten auch soziale Resilienz und Empathie, die wir in unserer Gesellschaft dringend brauchten.
Die Aktion Mensch appelliert an Politik und Bildungsinstitutionen, Inklusion nicht länger als optionales Zusatzprojekt zu behandeln, sondern als grundlegende Voraussetzung für gerechte Bildungschancen und eine vielfältige demokratische Gesellschaft.
Bildmaterial steht Ihnen in unserem Pressezentrum unter www.aktion-mensch.de/presse zum Download zur Verfügung. Gerne vermitteln wir Ihnen ein Interview mit Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch.
Quellennachweise:
- Autor*innengruppe Bildungsberichterstattung (2024): Bildung in Deutschland 2024. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu beruflicher Bildung. https://doi.org/10.3278/6001820iw
- Bertelsmann Stiftung (2024): Inklusion an Deutschlands Schulen. https://doi.org/10.11586/2024068
- Ergebnisse aus der INSIDE-Studie (2025). https://www.inside-studie.de/Ergebnisse#Ergebnisbroschüren (siehe auch Sammelband INSIDE-Studie: Gresch, Cornelia et al. (Hrsg.) (2026): Inklusion in der Sekundarstufe I in Deutschland. Erfolgsfaktoren und Herausforderungen. https://doi.org/10.1007/978-3-658-48603-7.)
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Über die Aktion Mensch
Die Aktion Mensch ist die größte private Förderorganisation im sozialen Bereich in Deutschland. Seit ihrer Gründung im Jahr 1964 hat sie mehr als fünf Milliarden Euro an soziale Projekte weitergegeben. Ziel der Aktion Mensch ist, die Lebensbedingungen von Menschen mit Behinderung, Kindern und Jugendlichen zu verbessern und das selbstverständliche Miteinander in der Gesellschaft zu fördern. Mit den Einnahmen aus ihrer Lotterie unterstützt die Aktion Mensch jeden Monat bis zu 1.000 Projekte. Möglich machen dies rund vier Millionen Lotterieteilnehmer*innen. Zu den Mitgliedern gehören: ZDF, Arbeiterwohlfahrt, Caritas, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie, Paritätischer Gesamtverband und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland. Seit Anfang 2014 ist Rudi Cerne ehrenamtlicher Botschafter der Aktion Mensch www.aktion-mensch.de