Pressemitteilung —
Energiewende aus der Wasserleitung: Pilotanlage in Lüneburg erschließt neue Wärmequelle
- Avacon startet in Lüneburg eines der ersten Pilotprojekte Deutschlands zur Wärmegewinnung aus Trinkwasser.
- Die Anlage untersucht unter Praxisbedingungen das Potenzial der Technologie für eine klimaneutrale Wärmeversorgung.
- Die Wärme wird gewonnen, ohne die Trinkwasserqualität oder den Komfort der Verbraucherinnen und Verbraucher zu beeinträchtigen.
- Die Projektergebnisse sollen die Grundlage für eine mögliche Anpassung der regulatorischen Rahmenbedingungen schaffen und den Weg für einen breiteren Einsatz der Technologie ebnen.
In Lüneburg ist eine der ersten deutschen Pilotanlagen zur Wärmegewinnung aus Trinkwasser in Betrieb gegangen. Das von Avacon initiierte und vom Bund geförderte Projekt untersucht erstmals unter realen Betriebsbedingungen, ob sich die im Trinkwasser enthaltene Wärme sicher und effizient für die Wärmeversorgung nutzen lässt. Das wissenschaftlich begleitete Vorhaben soll wichtige Erkenntnisse für die zukünftige Nutzung dieser bislang weitgehend unerschlossenen Energiequelle liefern.
Gemeinsam mit Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, sowie Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch nahm Avacon-CEO Matthias Boxberger die Anlage offiziell in Betrieb. Insgesamt investiert Avacon rund eine halbe Million Euro in das auf drei Jahre angelegte Pilotprojekt.
Wärmegewinnung ohne Auswirkungen auf die Trinkwasserqualität
Technisch basiert die Anlage auf einem einfachen und sicheren Prinzip: Ein Teil des Trinkwassers wird über einen Bypass durch einen Wärmetauscher geführt, der dem Wasser einen geringen Teil seiner Wärmeenergie entzieht. Über einen separaten Zwischenkreislauf wird diese Energie an eine Wärmepumpe übertragen und auf ein für Heizung und Warmwasser nutzbares Temperaturniveau angehoben. Anschließend wird das abgekühlte Trinkwasser wieder in das Versorgungsnetz zurückgeführt.
Die Temperaturveränderung bleibt für Verbraucherinnen und Verbraucher praktisch nicht wahrnehmbar. Zudem sorgen geschlossene Kreisläufe, mehrstufige Sicherheitsmechanismen und eine kontinuierliche Überwachung dafür, dass die Trinkwasserqualität jederzeit vollständig geschützt bleibt.
Großes Potenzial für die Wärmewende
Das Besondere an dem Ansatz: Die Energie wird dort gewonnen, wo sie bereits vorhanden ist – im bestehenden Trinkwassersystem. Anders als bei vielen anderen Wärmequellen sind keine zusätzlichen Flächen, keine tiefen Eingriffe in den Untergrund und keine aufwendigen Neubauten erforderlich. Dadurch kann vorhandene Infrastruktur doppelt genutzt und bislang ungenutzte Energie für die Wärmeversorgung erschlossen werden.
Die Pilotanlage dient zunächst der Eigenversorgung des Wasserwerks. Ziel ist es, belastbare Daten zur technischen Machbarkeit, Energieeffizienz und Betriebssicherheit zu gewinnen.
Das Potenzial der Technologie ist erheblich: Würde bundesweit rund ein Drittel des Trinkwassers für die Wärmegewinnung genutzt und dabei um vier Grad Celsius abgekühlt, ließen sich jährlich etwa 7,3 Terawattstunden Wärmeenergie erschließen. Das entspricht rund 14 Prozent der heutigen Fernwärmenutzung privater Haushalte in Deutschland. Für die Hansestadt Lüneburg könnte die Technologie perspektivisch bis zu 25 Prozent des aktuellen Wärmebedarfs der zentralen Wärmeversorgung decken.
Erkenntnisse für zukünftige Rahmenbedingungen
Derzeit erlaubt die geltende Gesetzgebung den Regelbetrieb vergleichbarer Anlagen in Deutschland nicht. Die im Rahmen des Pilotprojekts gewonnenen Erkenntnisse sollen deshalb auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen leisten. Erfahrungen auch mit großen Anlagen aus Ländern wie Dänemark, der Schweiz und den Niederlanden zeigen bereits, dass die Wärmegewinnung aus Trinkwasser technisch umsetzbar und hygienisch sicher betrieben werden kann. Dort kommt die Technologie teilweise bereits zur Versorgung ganzer Wärmenetze zum Einsatz.
„Mit der Pilotanlage in Lüneburg leisten wir echte Pionierarbeit für die Wärmewende, erklärt Matthias Boxberger, CEO der Avacon AG. „Wir zeigen, wie sich vorhandene Infrastruktur durch innovative Technologien intelligent doppelt nutzen lässt, ohne dass die Trinkwasserqualität beeinträchtigt wird. Bestätigen sich die erhofften Ergebnisse, wäre dies eine weitere Option für eine nachhaltige und ressourcenschonende Wärmeversorgung in Städten und Gemeinden. Gleichzeitig können die wissenschaftlichen Erkenntnisse wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der regulatorischen Rahmenbedingungen liefern und den Weg für den breiten Einsatz dieser Technologie ebnen.“
Auch aus landespolitischer Sicht hat das Projekt Signalwirkung: „Die Wärmewende ist ein wichtiger Bestandteil einer klimaneutralen Energieversorgung. Dafür brauchen wir innovative und zugleich sichere Lösungsansätze wie die kommunale Wärmeplanung oder effiziente Wärmebereitstellung durch Solar- und Geothermie oder eben die „Wärme aus Trinkwasser“. Dieses wegweisende Projekt zeigt, wie neue Potenziale erschlossen werden können, ohne Kompromisse beim Schutz unseres Trinkwassers einzugehen“, betont der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz, Christian Meyer.
„Die Pilotanlage ist ein starkes Signal für eine nachhaltige Stadtentwicklung“, sagt Lüneburgs Oberbürgermeisterin Claudia Kalisch. „Sie zeigt, wie wir vorhandene Ressourcen vor Ort nutzen können, um unsere Wärmeversorgung zukunftsfähig und klimafreundlich zu gestalten.“
Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der IWW Institut für Wasserforschung GmbH, der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften sowie der swb Services GmbH. Das Vorhaben wird im Rahmen des achten Energieforschungsprogramms „Forschungsmissionen für die Energiewende“ durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) gefördert und vom Projektträger Jülich (PtJ) betreut.
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