Pressemitteilung —
Nicht geheilte Wunden können Angst und damit Hass schaffen >>> Goetheanum-Bühne zeigt ‹Der Besucher› von Éric-Emmanuel Schmitt in einer politisch gespannten Zeit
Goetheanum, Dornach, Switzerland, 3. September 2026
Wie sich unterschiedliche Auffassungen teilen und leben lassen, das stellt Éric-Emmanuel Schmitt in seinem Stück ‹Der Besucher› gegenüber: Während sich Sigmund Freud und der Unbekannte im Streitgespräch gegenseitig anerkennen, benutzt ein Gestapo-Hauptmann Sprache zur Demütigung Sigmund Freuds.
«Dieses Stück ist ein großer Dialog, in dem das Wort wirksam wird. Er gewinnt die Kraft, die den Menschen verwandeln kann.» Das sagt Regisseur Valerian Gorgoshidze. Dass er den ‹Besucher› für die Goetheanum-Bühne inszeniert, wurde zwar nicht von aktuellen politischen Ereignissen veranlasst. Doch ist es frappant, wie in diesem Stück ein produktiver Dialog zwischen Sigmund Freud und dem Unbekannten in den Kontext einer Gewaltbedrohung gestellt wird.
Zwar schenken sich die beiden Gesprächspartner nichts, aber sie anerkennen sich gegenseitig. Der Gestapo-Hauptmann dagegen tritt zwar gelegentlich charmant auf, übt aber unmissverständlich Macht aus: mittels Respektlosigkeit, Schikane und Willkür, um den anderen zu demütigen, ohne sich die Mühe zu machen, sich und seine Beweggründe zu erklären. Der Hauptmann besitzt keine eigene Autorität, er beruft sich auf eine institutionelle Macht im Hintergrund. Der Nationalist, so lässt sich ‹Der Besucher› lesen, schafft einen inhaltlich-menschlichen Leerraum, der sich mit Gewalt füllt, während Sigmund Freud und der Unbekannte einen gemeinsamen Raum im Ringen um Erkenntnis mit Inhalt und Sinn füllen.
Regisseur Valerian Gorgoshidze sieht im Stück einen psychologischen Aspekt: «Wenn eine Wunde nicht geheilt ist und man befürchtet, immer wieder verletzt zu werden, kann Angst die Folge sein, Angst vor den eigenen Schwächen.» Einer der Quellen des Bösen liege in der fehlenden Anerkennung von sich selbst. «Die Individualität des Menschen an sich dürfen wir für schöpferisch halten, ohne Angst, dass Gespenster der Vergangenheit sie überwältigen – denn sonst nähren wir die Gespenster. Der feste Glaube an die schöpferische Kraft des Menschen ist der Grundton des Stücks ‹Der Besucher›», ist Valerian Gorgoshdze überzeugt.
(2067 Zeichen/Sebastian Jüngel)
Aufführungen ‹Der Besucher› von Éric-Emmanuel Schmitt 5. September, 19 Uhr; 6. September 2026, 16.30 Uhr; 12. September 2026, 19 Uhr; 13. September 2026, 16.30 Uhr, Goetheanum Web
Ansprechpartnerin Katharina Hofmann
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