Pressemitteilung —
Hephata-Jugendhilfe: „Wir bleiben, auch wenn es schwierig wird.“
„Da, wo Du jetzt bist, bleibst Du und musst nicht wieder weg.“ Mit diesem Versprechen startete die Jugendhilfe-Nord im Februar ein neues Angebot der Einzelbetreuung für einen siebenjährigen Jungen. Villa Blickwinkel heißt das neue Angebot, entstanden aus einer absoluten Notsituation, befristet bis Ende 2026 und ein bemerkenswerter Erfolg.
„Wir haben ein individuell zugeschnittenes Konzept für einen jungen Menschen, Schritt bei Schritt, learning by doing, entwickelt. Wir sind ins kalte Wasser gesprungen, weil es keine andere Möglichkeit mehr gegeben hat“, sagt Daniela Seidemann-Schawer, Regionalleitung der Hephata-Jugendhilfe Nord.
Der Junge hatte zuvor bei verschiedenen Trägern verschiedene ambulante und stationäre Hilfen bekommen: Wohngruppen, Intensivbetreuungen, Erlebnispädagogik, zum Teil auch mit Security-Begleitung. Nach vier bis sechs Wochen war jeweils Schluss und das Ergebnis das gleiche: „Du kannst hier nicht bleiben.“ Warum? „Wir wissen selbst nicht genau, was alles vorgefallen ist. Kinder haben Biografien, die sie prägen. Sie wünschen sich dann eine Bezugsperson, die bleibt, Liebe und Halt gibt. Diesen Wunsch drücken sie unter anderem durch aggressives Verhalten aus“, sagt Seidemann-Schawer.
Zusammen durch alle Höhen und Tiefen
„Wir haben uns vorgenommen: Wir gehen zusammen mit ihm durch alle Höhen und Tiefen. Wir lassen uns nicht abschrecken. Wir geben Sicherheit und Verlässlichkeit“, so Seidemann-Schawer. Das bedeutete ganz praktisch, zunächst ein Team aus fünf Mitarbeitenden zu finden, das sich im Wechsel und rund um die Uhr um den Jungen in einer separaten Wohngruppe kümmert. Dafür konnte ein leerstehendes Haus der Jugendhilfe im Werra-Meißner-Kreis genutzt werden. Dann das Team an sich: Fünf neue Mitarbeitende, die projektbezogen angestellt wurden und von jetzt auf gleich eines der herausforderndsten Betreuungsmodelle der Jugendhilfe umsetzten – ohne Vorerfahrungen, ohne ausgearbeitetes Konzept und ohne Hephata-Einarbeitung. „Das war für die Jugendhilfe Hephatas das erste Mal, dass wir so ein Angebot machen. Das Jugendamt wusste nicht mehr, wohin. Es war eine absolute Ausnahmesituation und musste schnell gehen.“
Die intensive und unerschütterliche Arbeit mit dem Siebenjährigen zeigt Wirkung: Zu Beginn besuchte er nicht regelmäßig eine Förderschule, der Fahrdienst wollte ihn nicht mehr fahren. Mittlerweile hat er eine Klasse übersprungen und besucht eine Regelgrundschule. „Am Anfang hat ein Mitarbeiter neben ihm gesessen, heute sitzt der vor der Tür und muss nur noch sehr selten assistieren. Die Schule war bereit, den Schritt mitzugehen, viele Abstimmungen und Gespräche waren nötig, jetzt läuft es gut“, so Seidemann-Schawer. „Er ist sehr schlau und wissbegierig, hinterfragt alles und fordert Erklärungen ein. Und er sagt heute, dass er selbst unter den Aussetzern gelitten hat und diese gar nicht wollte, aber nicht ändern konnte.“
Neue Hobbys und Freunde gefunden
Neben der Schule geht der Junge heute mit Mitarbeitern schwimmen oder auf die Halfpipe der Stadt. „Er hat vorher nie die Chance gehabt, ein Hobby zu entdecken, jetzt merkt er, dass er eine Begabung für Roller-, Skateboard- und BMX-Rad-Fahren hat.“ Mittlerweile klingeln auch Kinder aus seiner Klasse, um ihn zum Spielen abzuholen. Die Psychopharmaka, die er bei einem Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie bekommen hat, hat das Team abgesetzt. „Wir müssen schauen, wie es sich auf Dauer entwickelt. Aktuell funktioniert das sehr gut.“
Wie es Ende des Jahres genau weitergeht, steht noch nicht fest. „Auf jeden Fall bleibt er in unserer Betreuung. Wir wussten damals selbst nicht, wo die Reise hingehen würde. Jetzt, wo sich alles so positiv entwickelt, können wir überlegen, welche Settings zu ihm passen könnten.“ Denkbar wäre zum Beispiel, ein weiteres Kind in die Villa Blickwinkel aufzunehmen. Oder auch ein weiteres 1:1-Angebot zu eröffnen. Die Nachfrage danach ist groß.
Eine Chance geben
„Wir sehen schon länger, dass die Zahl der Kinder, die individuelle Bedarfe haben und eine intensive Betreuung benötigen, höher geworden ist.“ Zeitgleich sinkt das Eintrittsalter von Kindern in Angebote der Jugendhilfe. „Viele Kinder bringen so großen Ballast und so individuelle Themen mit, dass es schwerer wird, sie in einer Wohngruppe zusammenzuführen. Und zeitgleich habe ich den Eindruck, dass unsere Gesellschaft es immer weniger aushalten kann, wenn Menschen sich anders verhalten, und fragen sich Kostenträger immer öfter, ob sich unser System solche Hilfen leisten kann“, sagt Daniela Seidemann-Schawer. „Dabei ist diese Geschichte der beste Beweis dafür, dass die reine Ausrichtung der Angebote von Jugend- und Eingliederungshilfe nach Kostenaspekten und nicht nach individuellem Hilfebedarf der falsche Weg ist. Solch ein Vorgehen schadet nicht nur den Kindern, sondern verursacht mittel- und langfristig auch viel höhere Kosten für das Gesamtsystem.“
Aus der Sicht von Daniela Seidemann-Schawer braucht es mehr Menschen, die „nicht nur die ganzen Baustellen und Probleme sehen, sondern helfen möchten, Kindern, die das System abgeschrieben hat, eine Chance zu geben. Es ist beeindruckend, was geht, wenn man die Chance bekommt“.
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Hephata engagiert sich als diakonisches Unternehmen seit 1901 in der Rechtsform eines gemeinnützigen Vereins für Menschen, die Unterstützung brauchen, gleich welchen Alters, Glaubens oder welcher Nationalität. Wir sind Mitglied im Diakonischen Werk. Hinter unserem Unternehmensnamen steht ein biblisches Hoffnungsbild: während Jesus einen Mann heilt, der taub und stumm ist, spricht er das Wort „Hephata“. (Markus 7, 32-37)
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