Blog-Eintrag —
„Was jetzt zählt“ Ein Plädoyer für die Demokratie von Wolf Iro
Wolf Iros Essay „Was jetzt zählt" (Wagenbach, 2026) erscheint in einem Moment, den der Autor selbst als Kipppunkt beschreibt. Dass die Demokratie unsere Normalität ist und bleiben sollte, scheint nicht mehr gesichert – aber noch, so Iros Überzeugung, ist nichts entschieden. Gegen diese offene Lage schreibt er an: gegen den alltäglich gewordenen Rechtsextremismus, gegen das resignierte „Ich will es nicht mehr wissen", gegen das ebenso bequeme wie gefährliche „Es wird schon wieder gut werden" und gegen den vorauseilenden Opportunismus, der sich mit dem Kommenden bereits arrangiert.
Der Kern des Buches ist eine präzise Analyse des Siegeszugs der Rechtsextremen – nicht nur in der Politik, sondern längst auch in Kultur, Medien und Gesellschaft. Iro benennt dabei unbequem die neuralgischen Fehler im Umgang mit der AfD und ihren Anhängern: das Verharmlosen ebenso wie das reflexhafte Ausgrenzen, das Wegsehen ebenso wie die hilflose Empörung. Vor allem aber bleibt er nicht bei der Diagnose stehen. Er schreibt auf, was getan werden muss – jetzt, sofort, überall und von uns allen. Denn, so seine schlichte wie triftige Pointe: Für eine Demokratie lässt sich leichter kämpfen, solange sie noch besteht.
Iro, der lange für das Goethe-Institut unter anderem in Moskau tätig war, bringt in dieses Buch echte Erfahrung ein – er hat den Umgang mit autoritären Verhältnissen nicht theoretisch studiert, sondern beobachtet. Das verleiht seinen Warnungen Gewicht. Sprachlich verzichtet er auf Effekthascherei; er argumentiert klar, ruhig und dennoch dringlich. Wo andere Zeitdiagnosen im Lamento verharren, sucht Iro den Ausweg im Konkreten: in Haltung, Verlässlichkeit und der Bereitschaft, sich einzumischen, bevor es zu spät ist.
So ist „Was jetzt zählt" weniger eine weitere Krisenbeschreibung als ein Aufruf zum Handeln – und eine unbequeme Frage an die Leser: Wie viel Duckmäusertum sind wir bereit hinzunehmen? Iro lässt keinen Zweifel daran, dass die Antwort über mehr entscheidet als über den Ausgang einer einzelnen Wahl.
Verlag: Wagenbach