Pressemitteilung —
Hephata-MVZ: Große Resonanz auf Parkinson-Seminar
„Parkinson ist nicht heilbar. Aber es ist eine der am besten behandelbaren neurologischen Erkrankungen, bei kaum einer anderen wirken Medikamente so deutlich“. Mit diesen Worten eröffnete Dr. Sirous Javidi, Facharzt für Neurologie, Schlafmedizin und Epileptologie, das Ärzt*innen-Patient*innen-Seminar des Hephata-MVZ Treysa am vergangenen Dienstag.
Ein vollbesetzter Vortragsraum, 64 Betroffene aus Schwalmstadt und der Region, zwei Kurzvorträge, jede Menge Raum für persönliche Fragen und ein kleiner Imbiss – das waren die Eckdaten für das Seminar zum Thema: „Parkinson ist mehr als Zittern – moderne Therapien und mehr Lebensqualität im Alltag.“ Während sich Dr. Javidi den Aspekten „Die Krankheit verstehen“, „Symptome und Diagnose“ sowie „Leben mit Parkinson“ widmete, übernahm seine Kollegin Olga Pugach, Fachärztin für Neurologie, den Aspekt „Therapien“.
Die Krankheit verstehen
Der Welt-Parkinson-Tag ist der 11. April – der Geburtstag von James Parkinson. Er beschrieb 1817 in London erstmals sechs Fälle einer Schüttellähmung, die sich durch Zittern, gebeugte Haltung und kleine Schritte beim Gehen zeigte. „Zwischen dieser ersten Beschreibung und dem Verständnis der Ursachen liegen fast 150 Jahre“ so Javidi. „Der Botenstoff Dopamin und der Dopaminmangel im Gehirn von Parkinson-Verstorbenen werden in den Jahren 1957 bis 1960 entdeckt. Von dieser Entdeckung bis zur wirksamen Tablette vergingen nur sieben Jahre – das war eine der schnellsten Übersetzungen von Grundlagenforschung in Therapie in der Geschichte der Neurologie.“ Der Wirkstof Levodopa sei erstmals 1961 in Wien am Menschen erprobt worden und bis heute das Standardmedikament.
Mittlerweile wisse man, dass bei Parkinson ein Absterben von Nervenzellen, die Dopamin produzieren, vorliege. „Dopamin müssen Sie sich wie das Öl in einem Getriebe vorstellen. Fehlt es, läuft die Mechanik noch, aber sie läuft schwer und stockend. Bei den ersten Beschwerden ist bereits mehr als die Hälfte dieser Zellen verloren. Warum das passiert, ist nicht geklärt“, so Javidi. Frühe Symptome wie Riechverlust, Verstopfung und das Ausleben von Träumen, zeigten, dass Parkinson nicht im Kopf beginne: „Nach dem heute gängigen Modell beginnt die Veränderung in der Riechbahn und im Nervensystem des Darms.“
Schätzungen gehen von bis zu 400.000 Betroffenen in Deutschland aus. Etwa 95 Prozent der Betroffenen sind 60 Jahre oder älter. Die Krankheit ist nach Alzheimer die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung. Bei etwa fünf bis zehn von 100 Betroffenen läge eine einzelne krankheitsverursachende Genveränderung vor. Einen Ausbruch zu verhindern oder die Krankheit zu heilen, ist nicht möglich. Javidi: „Die Zahl der Betroffenen wird weltweit deutlich steigen – vor allem, weil wir älter werden.“ Weitere Risikofaktoren könnten Pestizide, chlorierte Lösungsmittel oder auch Kopfverletzungen sein.
Symptome und Diagnose
„Das Zittern ist das bekannteste Symptom, aber für viele Betroffene ist es nicht das schlimmste. Es muss auch gar nicht auftreten“, so Javidi. Stattdessen beeinträchtigten Symptome wie Verlangsamung, Schlaf- und Verdauungsprobleme oder Stimmungsschwankungen die Lebensqualität oft mehr. „Das Pflichtsymptom ist die Bewegungsverlangsamung mit kleiner werdenden Schritten, kleinerer Handschrift, weniger Mimik, leiserer Stimme und einem verminderten Armschwung. Dann die Steifigkeit, die sich zunächst oft mit Schmerzen in Schulter, Nacken oder Rücken zeigt. Typisch kann auch das Zittern der Hand sein, wenn diese entspannt ist. Im Verlauf entwickeln 80 Prozent eine Schluckstörung. Unsicherheit und Sturzneigung, Demenz oder Halluzinationen gehören zum späteren Krankheitsbild.“
Die meisten Parkinson-Patient*innen hätten acht Begleitsymptome gleichzeitig: Beispielsweise rochen 75 Prozent schlechter, 58 Prozent litten unter Erschöpfung, 50 Prozent unter Verstopfung, 40 Prozent unter Schlafstörungen und 37 Prozent entwickelten eine Depression. „Schlaf, Stimmung, Verdauung, Sexualität: Fast alle Betroffenen haben solche Beschwerden, sie sind neurologisch und die meisten gut behandelbar.“ Wichtig sei jedoch, dass nicht jedes Parkinson-Syndrom auch die Parkinson-Krankheit bedeute. Zum Beispiel könnten Durchblutungsstörungen im Gehirn Parkinson-Symptome verursachen.
Aus diesem Grund sei eine gründlich Diagnosestellung wichtig. Diese erfolge primär mit dem Erfassen der Krankengeschichte und körperlichen neurologischen Untersuchungen. „Ein MRT des Kopfes gehört auch zur Abgrenzung anderer Ursachen dazu. Außerdem stützt eine deutliche Besserung der Symptome durch Levodopa die Diagnose. Einen Parkinson-Bluttest gibt es jedoch nicht.“ Stehe die Diagnose, sei wichtig, welcher von drei Verlaufstypen vorliege: „Der Typ hilft, Schwerpunkte zu setzen: mehr Medikament, mehr Bewegungstherapie oder beides.“
Therapien
„Bewegung ist Therapie. Kein Medikament ersetzt regelmäßiges, ausreichend anstrengendes Training. Es ist der Teil der Behandlung, den Sie selbst in der Hand haben“, so Javidi. Seine Kollegin Olga Pugach riet: „Die Sportart ist zweitrangig. Zwei- bis dreimal pro Woche 45 bis 60 Minuten Ausdauertraining, dazu Kraft- und Gleichgewichtsübungen. Lieber täglich 20 Minuten als einmal im Monat zwei Stunden. Dass Sport den Krankheitsverlauf im Gehirn bremst, ist nicht bewiesen. Dass er Beweglichkeit, Stimmung, Schlaf und Sturzrisiko verbessert, ist es. Und die Wirkung endet, wenn das Training endet.“ Zudem empfahl Olga Pugach Ergotherapie - für Hand, Haushalt und Hilfsmittel - sowie Logopädie - für Stimme und Schlucken. „Bei fortgeschrittenem Parkinson gilt ein langfristiger Heilmittelbedarf. Verordnungen sind dann außerhalb der üblichen Mengenbegrenzung möglich und werden dem Heilmittelvolumen der Praxis nicht hinzugerechnet. Das Budget-Argument entfällt also, fragen Sie danach!“
Zudem ging Olga Pugach insbesondere auf medikamentöse Therapien ein, vor allem auf Levodopa, das mit Medikamentenpumpen als Gel über eine Sonde oder unter die Haut verabreicht wird. „Wir ersetzen den fehlenden Botenstoff. Das lindert die Symptome sehr wirksam, hält aber den Verlauf nicht auf. Unser Ziel ist es, die Beweglichkeit und Lebensqualität zu stärken“, so Olga Pugach. Dabei werde das Medikament mit einem Zusatzstoff kombiniert, der den Abbau im Körper bremse und Übelkeit verhindere. Die frühere Regel, dass Levodopa nicht zu Beginn der Diagnose gegeben werden solle, sei inzwischen überholt. Behandelt werde, wenn die Beschwerden den Alltag beeinträchtigten.
Dabei sei es wichtig, auf den Zeitraum der Einnahme zu achten: „30 bis 60 Minuten vor oder 60 bis 90 Minuten nach eiweißreichen Mahlzeiten. Fettreiches Essen verzögert die Aufnahme zusätzlich. Eisenpräparate sollten mit Abstand eingenommen werden.“ Daraus ergab sich auch ein Tipp im Falle eines Krankenhausaufenthaltes: „Wenn die Tabletten statt um 6, 10, 14 und 18 Uhr zu den Stationszeiten kommen, verlieren Betroffene innerhalb von zwei Tagen ihre Beweglichkeit und kommen manchmal nicht mehr auf das vorherige Niveau zurück. Sagen Sie bei der Aufnahme: Diese Medikamente sind zeitkritisch.“
Zusätzlich oder statt Levodopa nannte Olga Pugach weitere Bausteine der medikamentösen Therapie, wie Dopaminagonisten, COMT- oder MAO-B-Hemmer. Wichtig sei hier, mögliche Nebenwirkungen zu kennen: „Unter Dopaminagonisten entwickeln 17 von 100 Betroffenen ein zwanghaftes Verhalten: Kaufen, Glücksspiel, Essattacken, gesteigertes sexuelles Verlangen. Das ist kein Charakterwandel, keine Willensschwäche und der Neurologe sollte davon erfahren.“ Eine weitere Therapie sei die Tiefe Hirnstimulation, bei der ein Schrittmacher im Gehirn implantiert wird und die für einen Teil der Betroffenen in Frage käme.
Leben mit Parkinson
Sirous Javidi ging zum Ende des Vortrags auf die Ernährung bei Parkinson ein: „Das Eiweiß nicht streichen, sondern verschieben: Sinnvoll ist der zeitliche Abstand und, wenn nötig, die Hauptmenge Eiweiß am Abend. Wer Eiweiß weglässt, baut Muskeln ab. Und: Wer wegen Blutarmut Eisen nimmt, verliert bis zur Hälfte der Levodopa-Wirkung, wenn beides zusammen eingenommen wird. Zwei Stunden Abstand lösen das Problem.“ Ergänzend empfahl er „ausreichend trinken, Bewegung und Ballaststoffe. Ein träger Darm verschlechtert auch die Medikamentenwirkung“. Der zweite wichtige Punkt für den Alltag waren Sexualität und Partnerschaft: „Sexuelle Probleme können sogar zu den Frühzeichen zählen. Sie gehören ins Gespräch mit dem Behandlungsteam, auch wenn niemand danach fragt.“ Die Ursachen könnten vielfältig sein: Beweglichkeit und Schmerzen, das gestörte autonome Nervensystem, Medikamente, gedrückte Stimmung oder auch veränderte Rollen in der Partnerschaft.
Doch nicht nur dieser Aspekt war auch für die zahlreichen Angehörigen im Raum interessant. Javidi riet: „Ihre Belastung ist messbar und sie kommt vor allem von den nicht-motorischen Symptomen. Holen Sie sich Unterstützung, bevor Sie selbst krank werden: Pflegegrad, Entlastungsleistungen, Kurzzeitpflege, Angehörigengruppe. Die Regionalgruppe im Schwalm-Eder-Kreis ist im Aufbau, aktuelle Kontakte bekommen Sie am besten über den Landesverband Hessen.“ Bevor die Fragerunde startete, richtete sich Javidi mit einem Appell an die Patient*innen selbst: „Sozialer Rückzug ist bei Parkinson häufig und er ist gefährlich, weil er Depression, Bewegungsmangel und Sturzrisiko verstärkt. Ich bitte niemanden, tapfer zu sein, aber darum, dabeizubleiben. Sie sind mit dieser Erkrankung nicht allein - nicht in Deutschland mit mehreren Hunderttausend Betroffenen und nicht hier in der Region.“
- Das nächste Seminar findet im Frühjahr 2027 zum Thema „Schlafstörungen, zentrale Risikofaktoren für systemische Erkrankungen sowie moderne Therapieansätze“ im großen Vortragsraum im Erdgeschoss der Hephata-Klinik statt.
- Nähere Informationen gibt es im MVZ unter Tel.: 06691 18-2003 und E-Mail: anmeldung-schwalmstadt@mvz.hephata.com
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