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Pressemitteilung

Pseudo-Diderot überführt

Denis Diderot war nicht wie bisher gedacht der Autor einiger wichtiger Schriften der Aufklärung. Der wahre Urheber kommt wohl aus Landau in der Pfalz.

Wesentliche Teile aus dem hochpolitischen Geschichtswerk L’histoire des deux Indes waren jahrzehntelang dem französischen Philosophen Denis Diderot zugeschrieben worden. Eine neue Untersuchung durch Historiker Prof. Dr. Damien Tricoire von der Universität Trier zeigt nun aber: Diderot hat die Beiträge wohl gar nicht verfasst. Eine Erkenntnis von einiger Tragweite. Denn genau diese Kapitel haben den im 20. Jahrhundert rund um den Aufklärer entstandenen Hype mitbegründet.

Falsche Fährte aus dem Archiv

Die bewussten Stellen richten sich nämlich gegen koloniale Eroberungszüge und Sklaverei oder verteidigen die amerikanische Revolution. Damit vertritt ihr Autor bereits in den 1770er-Jahren Ideen, die während der Französischen Revolution aufkamen. „Diderot war wohlgemerkt kein Befürworter von Sklaverei und gewaltsamer kolonialer Eroberung, aber diese Themen waren wohl für ihn nicht sehr wichtig“, benennt Damien Tricoire erste Widersprüche.

[L’histoire des deux Indes ist eine umfangreiche Geschichte der europäischen Kolonialexpansion und außereuropäischen Völker aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Sie wurde zum internationalen Bestseller und stieß völlig neue politische Debatten an. Die Redaktion lag bei Abbé Guillaume-Thomas Raynal. An den einzelnen Kapiteln arbeiteten viele Philosophen und Intellektuelle als Ghostwriter, was bereits während der Französischen Revolution bekannt wurde.]

Dass der 1784 verstorbene Diderot der Verfasser sein könnte, wurde erst 1949 bekannt. Zu dieser Zeit tauchte ein Archiv der Nachfahren Diderots auf. In diesem befanden sich Auszüge der Histoire des deux Indes, in denen Diderots Tochter und ihr Mann Notizen hinterlassen hatten.

„Diderots Tochter und ihr Mann haben während der Revolution rückblickend an verschiedenen Stellen markiert, welche Artikel ihrer Meinung nach von Diderot stammten. Das hat die Forschung dann so übernommen und Diderot wurde zum Star der Aufklärung verklärt“, beschreibt Tricoire wie der Irrtum entstand. Dabei weist alles daraufhin, dass tatsächlich nur kurze Passagen des Werks aus der Feder des großen Denkers stammen.

Digitale Methoden enthüllen wahren Autor

Tricoire ist sich sicher: „An der ersten Edition 1770 war Diderot gar nicht beteiligt, an der zweiten nur sehr wenig und widerwillig. Das können wir aus Briefen und anderen Quellen schließen.“ Eine neue digitale Schreibstil-Analyse des Textes bestätigt dies nun: Die von seiner Tochter und seinem Schwiegersohn markierten Passagen stimmen stilistisch nicht mit Diderots Werken überein.

Doch wer steckt dann hinter dem revolutionären Gedankengut? Tricoire und seiner Ko-Autorin Antonina Martynenko zufolge deutet alles auf einen Deutschen, Paul Henri Thiry d’Holbach, kurz: Baron d’Holbach, als Hauptautor hin.

Der 1723 nahe Landau im heutigen Rheinland-Pfalz geborene Holbach lebte in Paris und war ebenfalls Philosoph und Aufklärer. Er veröffentlichte diverse atheistische und anti-absolutistische Schriften, war aber bislang nicht als Gegner der Sklaverei und des Kolonialismus bekannt.

„Dabei wahrte er stets seine Anonymität und hielt sich im Hintergrund“, so Tricoire zu seinem ‚Verdächtigen‘. „Die stilistischen Vergleiche lassen wenig Zweifel daran, dass er die große Mehrheit der angeblichen Diderot-Texte geschrieben hat.“

Diderot bleibe ein herausragender Autor und Philosoph seiner Zeit. Aber den Helden-Mythos vom Begründer der Französischen Revolution, des Antikolonialismus und des Kampfs gegen die Sklaverei müsse man nun wohl beerdigen, schließt Tricoire.

Wer die Drahtzieher hinter der Revolution waren, erforscht der gebürtige Franzose seit 2021 dank des ERC Consolidator Grant der EU im Projekt „Pamphlets and Patrons“. In diesem Kontext war er auf den Fall Diderot gestoßen.

Die Studie ist in Digital Enlightment Studies erschienen: https://digitalenlightenmentstudies.org/article/id/28/

Kontakt

Prof. Dr. Damien Tricoire
Neuere Geschichte
Mail: tricoire@uni-trier.de
Tel. +49 651 201-2192

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