Pressemitteilung —
Bedrohte Autonomie | Internationale Konferenz an der Universität Vechta rückt weltweite Wissenschaftsfreiheit in den Fokus
Politische Einflussnahme, drastische Budgetkürzungen und gesellschaftliche Polarisierung setzen Universitäten weltweit unter Druck. Im Rahmen der ersten Internationalen Konferenz „Research+ in Dialogue“, die am Mittwoch, 10. Juni, als zentraler Bestandteil der Internationalen Woche der Universität Vechta stattfand, haben internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die zunehmende Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit diskutiert. Im Fokus stand dabei die Frage, wie sich finanzielle Kürzungen und ideologische Unterschiede auf die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre auswirken.
Zum Auftakt der Fachkonferenz betonte Prof. Dr. Christopher Osterhaus die fundamentale Bedeutung von Internationalisierung gerade für kleinere Standorte: Austausch über Ländergrenzen hinweg sei kein Luxus, sondern essenziell, um eigene Perspektiven zu hinterfragen, neue Kooperationen anzustoßen und „epistemische Fairness“ zu wahren – also den Zugang zu Wissen unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder sozialem Hintergrund zu garantieren. Angesichts wachsender politischer Spaltungen und intellektueller Blasen gewinne dieser offene Dialog zunehmend an Bedeutung, so der beauftragte Vizepräsident für Forschung, Nachwuchsförderung und Internationalisierung.
Unter der Moderation der Vechtaer Historikerin Professorin Dr. Christine Vogel sprach das Panel über „Wissenschaftsfreiheit in Zeiten globaler politischer Krisen“. Als empirische Grundlage diente der „Academic Freedom Index“ (AFI), der die Freiheit von Forschung und Lehre, den akademischen Austausch, die institutionelle Autonomie, die Integrität des Campus sowie die akademische Meinungsfreiheit weltweit misst. Die im März 2026 aktualisierten Daten des Index verdeutlichen das Ausmaß der globalen Krise: In den vergangenen zehn Jahren ist die Wissenschaftsfreiheit in 50 Ländern signifikant zurückgegangen, während nur 9 Länder Verbesserungen verzeichneten. Während der Rückgang im globalen Durchschnitt vermehrt auf individueller Ebene und im Bereich der Campus-Integrität spürbar wird, zeigen insbesondere (ehemalige) Demokratien erhebliche Verluste bei der institutionellen Autonomie von Hochschulen – mit den USA als einem besonders markanten Beispiel.
Wie sich diese Entwicklungen konkret auswirken, schilderte Daniel Ramiro Sanchez Fernandez, Ökonom und Vizerektor für akademische Angelegenheiten an der Katholischen Universität von Salta (Argentinien). Er berichtete von einem drastischen Einbruch des argentinischen AFI-Werts seit 2023, der primär auf massive staatliche Budgetkürzungen bei Professorengehältern sowie Mitteln für Wissenschaft und Technologie zurückzuführen sei. Da die rechtliche Autonomie unangetastet bleibe, liege das Problem auf der faktischen Ebene: „Es ist für Institutionen schwierig, ihre Autonomie zu bewahren, wenn das Geld fehlt.“ Universitäten liefen dann Gefahr, sich entweder politisch nach der Regierung oder finanziell nach privaten Sponsoren ausrichten zu müssen.
Ebenfalls ökonomische Warnsignale kämen aus Österreich, wo die Hochschullandschaft mit angekündigten Budgetkürzungen von 14 Prozent konfrontiert sei, was den Abbau jeder fünften Stelle nach sich ziehen könne, so Dr. Lena Oetzel, außerplanmäßige Professorin an der Universität Salzburg. Dies treffe primär prekär Beschäftigte auf Zeitverträgen und schränke die Rahmenbedingungen akademischer Arbeit indirekt massiv ein. Zudem verwies Oetzel auf die Verunsicherung durch rechtspopulistische Agenden wie jene der FPÖ, die in ihren Programmen gezielt die Streichung von Mitteln für Gender Studies, Postcolonial Studies oder die Klimaforschung fordern.
Für die Situation in Deutschland zeichnete Dr. Gabriele Dürbeck, Professorin für Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Vechta, ein differenziertes Bild. Zwar sei die rechtliche Absicherung stark, doch der wachsende Rechtspopulismus werfe Schatten voraus, wie parteipolitische Programme zur Streichung von Mitteln für bestimmte Forschungsfelder oder zur Einschränkung von Gleichstellungsmaßnahmen zeigten. Zudem würden gesellschaftliche Großkonflikte das Klima in Hochschulen direkt beeinflussen und gefährdeten das Sicherheitsempfinden von Studierenden. Dürbeck verwies auf Vorfälle an deutschen und internationalen Universitäten, betonte jedoch auch Positivbeispiele gelungener, analytischer Dialoge.
Eine dezidiert systeminterne Perspektive brachte PD Dr. Veith Selk, Verwalter der Universitätsprofessur „Wissenschaft von der Politik“, in die Debatte ein. Er gab zu bedenken, dass der AFI primär ein liberales Konzept von Freiheit messe, das auf den Schutz vor direkter staatlicher Intervention fokussiert sei. Dadurch würden subtilere, „weiche“ Faktoren innerhalb des Wissenschaftsbetriebs oft übersehen. Er machte darauf aufmerksam, dass Bedrohungen nicht nur von außen durch Regierungen entstehen, sondern auch durch Konformitätsdruck innerhalb des Wissenschaftssystems. Zudem warnte er vor einer zunehmenden „Überpolitisierung“ der Hochschulen durch die Verankerung politischer Agenden in universitären Leitbildern. Wenn Universitäten als politische Akteure auftreten, drohe dies das Vertrauen in die Objektivität der Wissenschaft zu untergraben: „Es wird dann schwierig, dem Vorwurf zu begegnen, man politisiere die Wissenschaft für eigene Zwecke“. In Anlehnung an Max Weber betonte er, dass Diversität kein Selbstzweck sein dürfe, sondern den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn real steigern müsse.
Internationale Woche und Konferenz
Vom 8. bis zum 12. Juni haben die „Internationale Woche“ und die „Erasmus+ Staff Week“ an der Universität Vechta stattgefunden. Die Veranstaltungsreihen brachten internationale Gäste, Lehrende sowie Studierende in vielfältigen Formaten zusammen. Die Internationalen Konferenz „Research+ in Dialogue“ bot dabei den Teilnehmenden verschiedener Fachrichtungen einen intensiven Tag voller Vorträge, Diskussionen, Poster-Sessions und Austausch über zentrale wissenschaftliche Themen der Internationalen Woche.