Pressemitteilung —
Für den Krisenfall vorsorgen: Wie Niedersachsen seine Ernährungssicherheit stärken kann
Pandemie, Energiekrise, geopolitische Konflikte und Extremwetter haben gezeigt, wie schnell sich die Rahmenbedingungen für die Agrar- und Ernährungswirtschaft verändern können. Was passiert, wenn Energie, Treibstoff oder wichtige Betriebsmittel nicht mehr zuverlässig verfügbar sind? Und wie können landwirtschaftliche Betriebe und regionale Wertschöpfungsketten auch dann handlungsfähig bleiben?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich rund 120 Teilnehmende bei der Fachtagung „Vorsorgen statt reagieren: Wege zur Ernährungssicherheit in Niedersachsen“ an der Universität Vechta. Veranstaltet wurde die Tagung vom Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) und dem Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen. Vertreterinnen und Vertretern aus landwirtschaftlicher Praxis, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Beratung diskutierten im Rahmen der Veranstaltung, wie kritische Abhängigkeiten verringert und die Agrar- und Ernährungssysteme in Niedersachsen langfristig widerstandsfähiger aufgestellt werden können. Im Mittelpunkt standen dabei nicht kurzfristige Maßnahmen für den Krisenfall, sondern konkrete Ansätze für eine vorausschauende Vorsorge – von Innovationen in der Landwirtschaft über regionale Wertschöpfungsstrukturen bis hin zu neuen Wegen im Umgang mit Energie und Ressourcen.
Neue Wege für mehr Krisenfestigkeit
„Resilienz ist kein Notfallkoffer, den man erst in der Krise öffnet. Sie beginnt mit Sensibilisierung, lebt von Kommunikation und belastbaren Netzwerken – und im Ernstfall auch davon, zu wissen, wen man anrufen kann. Besonders wirksam wird Vorsorge, wenn daraus Lösungen und Geschäftsmodelle entstehen, die Unternehmen wirtschaftlich stärken und zugleich ihre Handlungsfähigkeit in Krisen erhöhen“, betonte Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin von trafo:agrar.
Wie unterschiedlich solche Lösungen aussehen können, zeigten Start-ups, EIP-Projekte und Praxisbeispiele. Vorgestellt wurden unter anderem die Blaulicht-Desinfektion zur Reduzierung von Lebensmittelabfällen (BlaubaD), die Erzeugung von Omega-3-Fettsäuren direkt auf dem Hof (Algen-EPA), Gemüseanbau im Schweinestall (Stallgrün) sowie KI-gestützte Keimfähigkeitstests für eine präzisere Anbauplanung (Seedalive).
Auch regionale und dezentrale Ansätze standen im Fokus. Timo Hoffmann stellte mit Microfarming Farm Ammerland einen Ansatz für diversifizierte landwirtschaftliche Produktion vor. Thorsten Dralle von der RegioMotion Beratungs GmbH zeigte, wie digitale Ressourcenmarktplätze dazu beitragen können, vorhandene Kapazitäten und Ressourcen regional besser miteinander zu verknüpfen.
Es wurde dabei deutlich: Resilienz bedeutet nicht zwangsläufig, vollständig unabhängig von überregionalen Strukturen zu werden. Vielmehr geht es darum, Abhängigkeiten bewusst zu gestalten, Alternativen verfügbar zu halten und regionale Handlungsspielräume zu stärken.
AgriSecure: Kritische Abhängigkeiten frühzeitig erkennen
Einen weiteren Schwerpunkt legte die Fachtagung auf das Projekt AgriSecure, das vom Niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz gefördert wird. Das Projekt untersucht kritische Abhängigkeiten in den niedersächsischen Agrar- und Ernährungssystemen und entwickelt daraus konkrete Vorsorgestrategien.
Niedersachsens Verbraucherschutzministerin Miriam Staudtebetont: „Gerade mit Blick auf mögliche Krisen müssen wir heute wissen, wo kritische Abhängigkeiten bestehen und wie wir unsere Strukturen widerstandsfähiger machen können. Genau hier setzt AgriSecure an: Das Projekt schafft die Grundlage, um frühzeitig Vorsorge zu treffen und konkrete Handlungsmöglichkeiten für Niedersachsen zu entwickeln.“
Dr. Stefanie Retz von trafo:agrar stellte auf der Fachtagung erste Ansätze des Projekts vor. Im Vordergrund steht dabei nicht die kurzfristige Reaktion auf einen Krisenfall, sondern die Frage, wie Wertschöpfungsketten langfristig stabiler und anpassungsfähiger werden können.
Zusammenarbeit als Schlüssel für Ernährungssicherheit
Die Diskussionen der Fachtagung zeigten: Ernährungssicherheit ist eine gemeinsame Aufgabe.Landwirtschaftliche Betriebe, Unternehmen, Kommunen, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft müssen ihre jeweiligen Möglichkeiten zusammenbringen, um kritische Abhängigkeiten zu erkennen und tragfähige Lösungen zu entwickeln.
„Die Fachtagung hat gezeigt, wie viel Know-how und konkrete Ideen bereits vorhanden sind. Jetzt kommt es darauf an, diese Ansätze zusammenzuführen und daraus Lösungen für die Praxis zu entwickeln“, erklärte Fabian Storm, Leiter des Netzwerk EIP Agrar & Innovation Niedersachsen.
Mit dem trafo:nachwuchspreis 2026 richtete die Veranstaltung abschließend den Blick auf die nächste Generation: Sechs Nachwuchspreisträgerinnen und Nachwuchspreisträger präsentierten ihre Arbeiten und wurden für ihre Beiträge ausgezeichnet. Mit neuen Ideen und Perspektiven zeigen sie, wie die Agrar- und Ernährungswirtschaft auch in Zukunft weiterentwickelt werden kann.
Die Fachtagung zeigte vor allem eines: Ernährungssicherheit beginnt lange vor der Krise.Vorausschauende Vorsorge, resiliente Strukturen und Zusammenarbeit sind entscheidend, um die Agrar- und Ernährungssysteme in Niedersachsen langfristig krisenfester aufzustellen.
Kontakt:
Lena Möllers
Referentin für Wissenstransfer und Öffentlichkeitsarbeit trafo:agrar
E-Mail: lena.moellers@trafo-agrar.de
www.trafo-agrar.de
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Junge Forschende entwickeln Ideen für die Landwirtschaft von morgen
Was passiert, wenn auf einem Tierhaltungsbetrieb über längere Zeit der Strom ausfällt? Wie lässt sich der Einsatz von Antibiotika reduzieren? Und wie können Pflanzen frühzeitig erkennen lassen, dass ihnen Wasser fehlt? Mit ganz unterschiedlichen Fragen wie diesen beschäftigen sich sechs Nachwuchstalente aus Niedersachsen. Für ihre Arbeiten wurden sie am 24. September im Rahmen der Fachtagung „Vorsorgen statt reagieren: Wege zur Ernährungssicherheit in Niedersachsen“ an der Universität Vechta mit dem „trafo:nachwuchspreis 2026“ ausgezeichnet.
Der Preis richtet sich an die junge Generation aus Wissenschaft und Praxis, die mit ihren Abschlussarbeiten oder Arbeitsprojekten neue Impulse für die Agrar- und Ernährungswirtschaft setzen. Ausgezeichnet werden innovative Konzepte, praxisnahe Lösungen, neue Technologien und kreative Ansätze.
Gestiftet wurden die Preise in diesem Jahr von der EW GROUP mit 3.000 Euro, MIAVIT mit 2.000 Euro, der Goldschmaus Gruppe mit 1.000 Euro sowie der Stiftung Gewässerschutz mit 2.500 Euro und 1.000 Euro und trafo:agrar mit 500 €.
Von der Forschung in die Praxis
Den Auftakt der Verleihung bildete das Grußwort von Gerhard Schwetje, Kammerdirektor der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Er betonte die Bedeutung junger Talente für die Weiterentwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft:
„Die Fragen, vor denen die Landwirtschaft heute steht, sind komplex. Umso wichtiger sind junge Talente, die neue Perspektiven eröffnen und bestehende Ansätze hinterfragen. Der trafo:nachwuchspreis macht die Ideen des Nachwuchses sichtbar und würdigt ihren Beitrag zur Weiterentwicklung der Agrar- und Ernährungswirtschaft. Als Landwirtschaftskammer ist es uns ein besonderes Anliegen, den Nachwuchs zu fördern und neue Erkenntnisse für landwirtschaftliche Betriebe nutzbar zu machen.“
Daran knüpfte Prof. Dr. Paula Bögel von der Universität Vechta mit ihrem Vortrag an. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie junge Akteurinnen und Akteure mit etablierten Unternehmen und Einrichtungen ins Gespräch kommen und ihre Ideen in bestehende Strukturen einbringen können. „Frische Ideen verändern Strukturen nicht von allein. Damit junge Change Agents mit ihren Ideen von der Nische ins Regime gelangen, braucht es sogenannte Boundary Spanner sowie langfristige, belastbare Strukturen. Diese ermöglichen es, Ideen aus der Nische in etablierte Unternehmen, die Verwaltung und andere Institutionen zu tragen", so Prof. Dr. Paula Bögel. Damit richtete sich der Blick von der Entwicklung neuer Ansätze auf deren Weg in die Praxis – eine zentrale Voraussetzung für die erfolgreiche Gestaltung einer zukunftsfähigen Agrar- und Ernährungswirtschaft.
Sechs Arbeiten – sechs Antworten auf aktuelle Herausforderungen der Landwirtschaft
Wie vielfältig die Themen des Nachwuchses sind, wurde bei der Präsentation der ausgezeichneten Arbeiten im Pecha-Kucha-Formatdeutlich. In kurzen Beiträgen stellten die Preisträgerinnen und Preisträger ihre Forschung vor – von der Krisenvorsorge in der Tierhaltung über Antibiotikareduktion und Lebensmittelhygiene bis hin zu Boden, Wasser und dem Umgang mit den eigenen Ressourcen im landwirtschaftlichen Alltag.
Was tun, wenn im Stall der Strom ausfällt? Mit dieser Frage beschäftigt sich Emilia Wallbaum. Sie untersuchte die Resilienz von Tierhaltungsbetrieben bei längeren Stromausfällen und entwickelte einen Resilienzindex. Dieser macht sichtbar, in welchen Bereichen Betriebe besonders vorsorgen müssen – etwa bei der Wasserversorgung. Damit kann die Arbeit dazu beitragen, Schwachstellen frühzeitig zu erkennen und die Vorbereitung auf Krisensituationen zu verbessern.
Wie lässt sich Antibiotikaeinsatz bei der künstlichen Besamung reduzieren? Dieser Frage ging Florian Reckinger in seiner Forschung zur antibiotikafreien Lagerung von Ebersperma nach. Seine Ergebnisse zeigen, dass Ebersperma bei 5 °C bis zu sechs Tage gelagert werden kann. Damit eröffnet seine Arbeit einen Ansatz, um den Antibiotikaeinsatz in diesem Bereich zu reduzieren.
Kann blaues Licht Lebensmittel länger haltbar machen? Mit dieser Idee beschäftigt sich Yannick Meissner. Er entwickelte ein modulares System zur Desinfektion frischer Lebensmittel mit blauem Licht. Das Verfahren könnte eine chemiefreie Verlängerung der Haltbarkeit ermöglichen und damit dazu beitragen, Lebensmittelverluste zu verringern.
Weniger Bodenbearbeitung, weniger Verluste: Für ihre Arbeit zur reduzierten Bodenbearbeitungerhielt Anne Albrecht einen Sonderpreis. Ihre Ergebnisse zeigen Potenzial, Nährstoffverluste und Erosion zu verringern und gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit landwirtschaftlicher Systeme zu stärken.
Wann brauchen Pflanzen tatsächlich Wasser? Mit der frühzeitigen Erkennung von Trockenstress bei Rasengräsern beschäftigte sich Jan Lukas Eßer. Seine Messtechnik könnte künftig dabei helfen, Bewässerung gezielter am tatsächlichen Bedarf auszurichten – und damit Wasser, Energie und Kosten einzusparen. Für seine Arbeit erhielt er einen Sonderpreis.
Und wie bleibt die Landwirtschaft auch für die Menschen nachhaltig? Dieser Frage widmete sich Julia Dahl in ihrer Arbeit zur Selbstfürsorge im landwirtschaftlichen Betriebsalltag. Sie untersuchte, welche persönlichen und betrieblichen Faktoren Selbstfürsorge unterstützen. Ihre Forschung zeigt damit auch: Nachhaltigkeit betrifft nicht nur Böden, Tiere, Wasser und Ressourcen, sondern ebenso die Menschen, die landwirtschaftliche Betriebe führen und dort arbeiten.
Nachwuchs fördern, Ideen sichtbar machen
Mit dem trafo:nachwuchspreis sollen junge Talente nicht nur für ihre Arbeiten ausgezeichnet werden. Der Preis schafft auch Raum für Austausch und Vernetzung: Die Nachwuchskräfte können ihre Forschung einem fachübergreifenden Publikum vorstellen und mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Praxis ins Gespräch kommen.
„Junge Menschen bringen neue Perspektiven und oft auch unkonventionelle Ideen mit. Genau diesen Blick wollen wir mit dem trafo:nachwuchspreis stärken und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Themen weiterzuentwickeln und in den Austausch mit Akteurinnen und Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft und Praxis zu gehen. Denn aus guten Ideen können dann konkrete Impulse für die Zukunft der Agrar- und Ernährungswirtschaft entstehen“, so Dr. Barbara Grabkowsky, Leiterin von trafo:agrar.
Auch im kommenden Jahr wird der Nachwuchspreis wieder ausgeschrieben. Nachwuchskräfte und Nachwuchswissenschaftlerinnen und – wissenschaftler aus Niedersachsen sind eingeladen, ihre Ideen und Arbeiten einzureichen und damit die Zukunft der Agrar- und Ernährungswirtschaft mitzugestalten.
Weitere Informationen zum trafo:nachwuchspreis: