Blog-Eintrag —
Interview mit Sarah Desai
Gab es in deinem Leben einen ganz spezifischen Moment, in dem dir klar wurde: ‘Das ist kein persönliches Versagen, das ist ein psychologisches Phänomen’?
Es war kein einzelner Moment – es war ein Muster. Als meine Arbeit zum ersten Mal wirklich gesehen wurde. Als der Spiegel-Bestseller rauskam. Als ich die 10 Millionen Podcast-Streams geknackt habe. Jedes Mal hätte ich jubeln sollen – und jedes Mal kam stattdessen dieses Gefühl: Die irren sich. Ich kann doch eigentlich nichts. Irgendwann dachte ich: Das kann kein persönliches Versagen sein. Das ist etwas anderes.
Schleicht sich das Gefühl heute noch bei dir ein, und wie lautet dein erster Gedanke, um gegenzusteuern?
Ja. Aber es fühlt sich anders an. Früher hat mich das Gefühl überwältigt. Heute erkenne ich es – und mein erster Gedanke ist: „Ah, da bist du wieder." Ich muss ihm nicht glauben. Es darf mitfahren, aber auf der Rückbank. Hinterm Steuer sitze ich.
Ich bestimme, wo's langgeht.
Der Zweifel hält mich nicht mehr ab, bestimmt nicht mehr, wie ich mich fühle, nicht mehr, was ich tue. Er ist da – aber er hat das Steuer längst abgegeben.
Ein Buch über das Hochstapler-Syndrom zu schreiben, ist fast schon paradox. Hattest du während des Schreibens selbst mit der verunsichernden Stimme zu kämpfen?
Natürlich. Ich saß an Kapiteln über Selbstzweifel und dachte: „Wer bin ich, das zu schreiben?" Ganz zu Beginn habe ich mir einen Zettel an meinen Bildschirm geklebt. Darauf stand: Es muss nicht perfekt sein. Es muss nur ehrlich sein. Das hat mich durch das ganze Schreiben begleitet. Und ich habe gelernt: Dieses Gefühl ist kein Beweis dafür, dass ich die Falsche bin. Es ist der Beweis, dass ich weiß, wovon ich spreche.
Was würdest du jemandem raten, der sich mit den Anzeichen identifizieren kann und gerade das erste mal mit dem Phänomen des Imposter-Syndroms in Berührung kommt?
Das ist kein schwacher Moment – das ist ein mutiger. Denn die meisten Menschen tragen das still mit sich, Jahrzehnte lang. Und der erste Schritt ist nicht, es loszuwerden. Der erste Schritt ist, aufzuhören, es zu leugnen. Wir können nur mit dem arbeiten, was wir bereit sind zu sehen. Und wenn du es heute siehst – dann fängt da gerade etwas an. Etwas, das dich verändern kann. Etwas, das dein Leben leichter macht.