Blog-Eintrag —
Pablo Hagemeyer im Interview
Herr Hagemeyer, viele kennen Sie als den “Narzissmus-Doc”. Wie schwer war es, in Ihrem neuen Buch Ihren Patienten die Bühne zu überlassen und selbst in den Hintergrund zu treten?
Es war kein Verlust an Bühne, sondern ein Gewinn an Genauigkeit. Der Reflex, als Experte zu erklären, ist stark – und er ist nicht immer hilfreich. Wenn man Patienten wirklich zuhören will, muss man die eigene Deutungslust kontrollieren. Das Buch zwingt mich zu dieser Haltung: weniger sprechen, mehr vom Patienten zulassen, mehr sehen. Die Selbstrücknahme ist keine Bescheidenheit, sondern methodische Strenge. Selbst wenn die Katastrophe ihren Lauf nimmt, sie länger als der Patient aushalten und das Scheitern im Patienten zulassen. Das ist ein kuratierter Veränderungsprozess. Denn die Krise des Patienten ist erlebnisbasierte Erfahrung die den Patienten wieder in die eigene Handlungskompetenz führt. Wenn der anfangs sehr kompetent erscheinende Therapeut im Laufe des Prozesses völlig inkompetent erscheint, endet die Therapie. Dann hat sich der Patient seine volle Kompetenz zurückgeholt, die er anfangs aus Hilflosigkeit und Not auf den Therapeuten mit den Worte »Helfen Sie mir!« übertrug.
Ohne zuviel zu verraten: Welcher Fall im Buch hat Ihr eigenes Weltbild am meisten ins Wanken gebracht?
Es sind selten die spektakulären Fälle. Es sind die, in denen man merkt, dass man selbst Teil der Dynamik geworden ist. Ein Patient, der meine eigenen Grenzen als Therapeut sichtbar gemacht hat, hat mehr verändert als jede dramatische Geschichte. Nicht, weil er „schwieriger“ war – sondern weil er mich gezwungen hat, meine eigene Rolle neu zu verstehen. Tatsächlich hatte ich mein persönliches »Oh-shit!« Erfahrung als es um einen Ausflug in die Analyse der deutschen Gesellschaft ging. Denn offensichtlich sind wir als Gesellschaft trotz vielen Maßnahmen psychisch genauso krank und werden kränker. Dieses Behandlungs-Prävalenz-Paradoxon ist für alle Profis ein Rätsel. Meine Antwort ist, wir haben ein tiefes, strukturelles Problem, das wir uns als Gesellschaft noch nicht trauen, anzuschauen: Wie wir als Menschen tatsächlich miteinander umgehen ist erkrankt. Statt wahres Interesse am anderen zu zeigen, ob wir gesund, gut und freundlich miteinander sind, handeln wir interessengeleitet und dabei gehts nur um kurzfristige Rendite auf Kosten von Mensch und Maus. Das ist hochgradig selbstbeschädigend, wenn es nur noch um diese Art der Rendite geht.
Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser Ihres Buches aus dem Buch mitnehmen?
Dass Verhalten selten das ist, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. Dass psychische Prozesse widersprüchlich und oft unbewusst gesteuert sind. Und dass Veränderung möglich ist – aber nicht ohne Ambivalenz und Reibung. Das Prinzip der Verlangsamung und das Prinzip des Raumgebens. Wenn Leser am Ende weniger schnell urteilen und ein wenig genauer hinschauen – bei anderen und bei sich selbst –, dann hat das Buch seinen Zweck erfüllt.