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Blog-Eintrag

Silke Müller im Interview "Schule gegen Kinder"

Frau Müller, in Ihrem Buch „Schule gegen Kinder“ kritisieren Sie, dass wir an Strukturen festhalten, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und von denen wir wissen, dass sie dem Lernen und der psychischen Gesundheit der Kinder schaden. Warum tun wir das?

Wir halten daran fest, weil es für die Verwaltung bequem ist, nicht weil es pädagogisch sinnvoll wäre. Die 45-Minuten-Taktung wurde 1911 in Preußen eingeführt, um Schule an die Fabrikschichten anzupassen, nicht an den Biorhythmus von Kindern. Und dass wir heute noch die sechsstufige Notenskala nutzen, die 1938 von den Nationalsozialisten zur Selektion standardisiert wurde, ist ein Skandal, den wir verdrängen. Wir klammern uns an diese Raster, weil sie Vergleichbarkeit vorgaukeln. Aber wir müssen uns entscheiden: Wollen wir Kinder verwalten oder wollen wir sie bilden? Für mich ist die Antwort klar: Wir müssen diese Strukturen verlassen und neue Formen etablieren.

Laut dem IQB-Bildungstrend 2024 scheitert ein Drittel der Neuntklässler an den Mindeststandards in Mathematik, und bei PISA haben wir die schlechtesten Ergebnisse aller Zeiten eingefahren. Sie warnen davor, dass wir den einzigen Rohstoff verspielen, den Deutschland hat: kluge Köpfe. Warum steht Bildung nicht ganz oben auf der politischen Agenda?

Weil die Wahrheit wehtut. Wir führen Scheindebatten, um uns nicht eingestehen zu müssen, dass unser Bildungssystem bankrott ist. Wenn ein Drittel der Jugendlichen in der neunten Klasse an den Grundrechenarten scheitert, dann reden wir nicht über eine kleine Delle in der Statistik.
Wir reden darüber, dass diese jungen Menschen später keine Ausbildung im Handwerk oder in der Industrie schaffen werden. Wir produzieren Bildungsarmut mit Ansage.
Das Problem ist hausgemacht: Wir jagen Kinder durch überfrachtete Lehrpläne, die auf das‚ Bulimie-Lernen ‘ – also das kurzfristige Auswendiglernen und Wiedervergessen – ausgelegt sind, statt echtes Verständnis zu fördern. Wir prüfen Reproduktion, während die Welt da draußen Problemlösung verlangt. Wer Textaufgaben nicht versteht, scheitert später nicht nur in Mathe, sondern auch am Mietvertrag oder am Parteiprogramm. Das ist nicht nur eine wirtschaftliche Katastrophe für den Standort Deutschland, das ist Sprengstoff für unsere Demokratie. Wir brauchen eine Rückbesinnung auf die Basiskompetenzen – Lesen, Schreiben, Rechnen –, aber mit modernen Methoden, die jedem Kind gerecht werden, statt alle durch das gleiche Nadelöhr zu pressen.

Sie plädieren dafür, den Fächerkanon radikal zu entrümpeln und stattdessen ‚Leben‘ als Unterrichtsgegenstand einzuführen – mit Themen wie Verträge verstehen, Finanzen, oder digitale Selbstverteidigung. Was sagen Sie den Kritikern, die befürchten, dass dabei das klassische Wissen und die Leistung auf der Strecke bleiben?

Denen sage ich: Schauen Sie sich die Realität an. Was nützt es, wenn ein Kind eine Gedichtanalyse schreiben kann, aber an einem Mietvertrag scheitert oder auf Fake News hereinfällt? Leistung definiert sich im 21. Jahrhundert nicht mehr durch das Auswendiglernen von Fakten – das können Maschinen besser. Echte Leistung bedeutet heute Kreativität, kritisches Denken und Kollaboration. Wenn wir ‚Leben‘ als Fach einführen, senken wir das Niveau nicht, wir heben es auf eine relevante Ebene. Wir machen Kinder handlungsfähig für ihre Zukunft.

Ein zentrales Thema Ihres Buches ist die digitale Revolution. Wie haben KI und Social Media den Schulalltag verändert?

Wenn wir ehrlich sind, haben Social Media und Künstliche Intelligenz den Schulalltag nicht einfach nur verändert – sie haben die bisherige Logik von Schule ausgehebelt. Wir stehen in einem historischen Moment, in dem alles kippt.
Jugendliche verbringen wöchentlich über 70 Stunden online. Die Folgen der digitalen Dauerbeschallung spüren wir jeden Tag im Klassenzimmer: Konflikte enden nicht am Schultor, sondern werden digital verlängert und eskalieren durch Cybermobbing, das fast 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler betrifft.
KI ist noch drastischer als Social Media. Sie verändert unser Verständnis von Wissen und Wahrheit grundlegend. Kinder nutzen ChatGPT längst nicht mehr nur für Hausaufgaben – die dann in Sekunden erledigt sind, womit das klassische Hausaufgabensystem tot ist. Was mich aber am meisten schmerzt: Kinder wenden sich an Chatbots als emotionale Stütze, weil wir Erwachsene oft keine Zeit oder Kraft haben, zuzuhören. Wir treiben Kinder in eine digitale Einsamkeit.

Was bedeutet das konkret für die Schulen?

Wir brauchen eine radikale Neuausrichtung auf drei Ebenen:

1. Wir müssen Schule wieder zu einem Schutzraum machen. Konkret heißt das: Ein Smartphoneverbot in den Pausen ist kein Rückschritt, sondern Notwehr, damit Kinder wieder spielen und miteinander reden können, statt nebeneinander her zu swipen. Wir brauchen an jeder Schule eine „Social-Media-Sprechstunde“, damit Kinder einen vertrauensvollen Ort haben, um über das zu sprechen, was sie im Netz verstört.

2. Wir brauchen echte Kompetenz statt eine Stunde Medienkunde. Ich fordere einen festen Digitaltag pro Woche, an dem Programmieren, Quellenkritik und KI-Verständnis verbindlich gelehrt werden. Kinder müssen lernen, wie man gute Prompts schreibt, Ergebnisse kritisch prüft und KI als Werkzeug nutzt. Und natürlich müssen wir die Prüfungskultur ändern. Wenn eine KI jeden Aufsatz schreiben kann, müssen wir aufhören, das Endprodukt zu bewerten. Wir müssen den Prozess bewerten, mündliche Prüfungen stärken und Formate nutzen, die kritisches Denken erfordern.

3. KI ersetzt Wissen, aber nicht das Herz. Wenn Maschinen die Wissensvermittlung und Routineaufgaben übernehmen können, muss Schule der Ort werden, an dem Beziehungsarbeit, Empathie und Demokratieerziehung im Mittelpunkt stehen.

In Ihrer ‚Roadmap für ein besseres Schulsystem‘ fordern. Sie nichts Geringeres als das Ende des Bildungsföderalismus in seiner jetzigen Form. Glauben Sie wirklich, dass die Politik den Mut aufbringt, Kompetenzen an einen ‚Nationalen Bildungsrat‘ abzugeben und Bildung endlich zu entpolitisieren, um Kontinuität jenseits von Legislaturperioden zu schaffen?

Ob die Politik den Mut hat, weiß ich nicht – aber sie hat eigentlich keine Wahl mehr. Unser Föderalismus ist in seiner jetzigen Form ein‚ Katalog des Absurden‘ mit rund 180 verschiedenen Schularten. Es ist doch niemandem mehr erklärbar, warum Bildungschancen von der Postleitzahl abhängen. Ich fordere einen Nationalen Bildungsrat, der verbindliche Standards setzt und Bildung entpolitisiert, damit Reformen nicht nach jeder Legislaturperiode wieder einkassiert werden. Wir brauchen endlich Einheitlichkeit bei den großen Fragen.

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