Pressemitteilung -
Erleben des Geistigen durch die Form >>> Zeitschrift ‹Stil› analysiert Rudolf Steiners Umgang mit Sprache und Form
Goetheanum, Dornach, Schweiz, 26. Januar 2025
Wie man Geistiges erleben kann, zeigen sechs Autorinnen und Autoren anhand der sprachlich-gestalterischen Darstellungsmittel Rudolf Steiners. Seine Bücher weisen je nach Inhalt, Struktur und Stil verschiedene Zugänge zum Geistigen auf. Dabei geht es nicht ohne das eigene aktive Denken.
«Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens ist die Grundmaxime der freien Menschen.» Solch eine Sentenz vermittelt ihre Aussage über den Sinn ihrer Wörter hinaus beispielsweise durch den Satzrhythmus. Wie Rudolf Steiner das Potenzial der Sprache nutzt, um geistige Inhalte darzustellen und das Geistige – zumindest anfänglich – erlebbar zu machen, macht die Analyse von sechs seiner Bücher in der Zeitschrift ‹Stil› deutlich.
Dass Sprache Einfluss auf Physiologie und Hirnaktivität des Menschen hat, darauf weist Ariane Eichenberg hin: «Neurologische Scans beim Lesen von Shakespeare-Versen zeigen zum Beispiel eine signifikant höhere Hirnaktivität und Bildung von Synapsenverschaltungen auf als beim Lesen einfacher Zeitungstexte.» Sie beruft sich dabei auf die Forschung des Centre for Research into Reading, Literature and Society der Universität Liverpool. ‹Tote› Schriftzeichen führen zu einer komplexen Erlebenswelt, wie sich Musiknoten zu einer kraftvoll-gewaltigen Sinfonie entfalten können. Das geht nicht ohne vorheriges Üben – hier des Instruments, dort des denkerischen Umgangs mit Inhalten.
Ausgangspunkt sind Stil, Bilder, Vergleiche, Wortschöpfungen und das rhythmisch-lautliche Inventar einer Sprache. Hinzukommt das bewusste Einsetzen verschiedener Bedeutungsnuancen eines Wortes, das Schaffen womöglich ungewohnter Zusammenhänge und (scheinbarer) Widersprüche, um das Denken anzuregen, vergleichbar mit den Erlebnissen beim Erraten eines Rätsels: Zunächst ist es unverständlich, um die Lösung wird gerungen, bis sie dann evident vor einem steht.
Renatus Ziegler entwickelt, wie schon der Nachvollzug einer Gliederung – also der Aufbau eines Gedankenkomplexes – zu einer «selbst erarbeiteten Erfahrung» wird und so zu einem «Weg, sich die als Erkenntnisergebnisse dargestellten Sachverhalte in der ‹Theosophie› auf eigenständige Weise zu erarbeiten». Eckart Förster macht anhand des Buches ‹Die Rätsel der Philosophie› darauf aufmerksam, dass es für diese Weise des Erschließens eine andere Erkenntnisart brauche, «einen Übergang vom Gedanken zum Erleben». Das vollziehe sich nicht mal eben bei erstmaliger Lektüre, sondern dafür sei unter Umständen «ein ganzes Leben nötig».
Jaap Sijmons fühlt sich bei Rudolf Steiners Buch ‹Das Christentum als mystische Tatsache› an das Aufführen eines ‹Dramas› erinnert. Die ‹Theosophie› beansprucht, geistige Forschungsergebnisse darzustellen, in «trockener, mathematischer Stilweise», wie es Rudolf Steiner selbst charakterisiert. Dies erfordere eine «erhöhte Willensaktivität», wodurch eine «eigene geistige Wahrnehmungsfähigkeit, zumindest in den allerersten Anfängen», erweckt werde, wie Christiane Haid schreibt. Auch sie wählt die Analogie eines Theaterstücks: Es gehe «um Erlebnisse, um innere Spannungen und Lösungen, die in der Seele im Lesen» durchgemacht werden sollen – durch aktiv ergriffenes Denken. Die Folge davon ist, so Christiane Haid, dass sich das Ich «nun seinerseits das Gefäß für die Offenbarung des Geistes bildet».
Anna-Katharina Dehmelt weist zur ‹Geheimwissenschaft im Umriss› verschiedene Darstellungsqualitäten nach: Definitionen, das Miteinander-in-Bewegung-Bringen von Grundbegriffen und ihre Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven sowie das Umstülpen: «[…] und was man als Selbst erlebt hat, ist um einen herum ausgebreitet». Mit anderen Worten: «Was innerlich erarbeitet worden ist, das wird nun Welt.» Und damit ist man, wenn man Rudolf Steiner folgt, bereits im Erleben des Geistigen.
(3804 Zeichen/Sebastian Jüngel)
Zeitschrift ‹Stil› Rudolf Steiner lesen und verstehen, 96 Seiten, 20 Franken, Sektion für Schöne Wissenschaften Web
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