Pressemitteilung —
Das Geheimnis von „Emmis Pudding“: Ein Dessert für die Alltagskulturforschung der Universität Vechta
Das Geheimnis von „Emmis Pudding“: Ein Dessert für die Alltagskulturforschung der Universität Vechta
Beim „Erzählcafé“ im Alten Haarmeyer in Neuenkirchen standen wertvolle Erinnerungen, Dokumente und ein legendäres Rezept im Fokus. Sie helfen dem Team aus dem Fach Kulturwissenschaften der Universität Vechta, die schwindende Kultur ländlicher Saalbetriebe digital zu rekonstruieren.
Er war über die Grenzen von Neuenkirchen bei Bramsche hinaus bekannt, prägte jahrzehntelang die lokale Festkultur und Generationen von Hobbyköchen bissen sich beim Nachkochen an ihm die Zähne aus: „Emmis Pudding“. Die Rede ist von einem Vanillepudding mit Erdbeeren, kreiert von Emmi Briede, der langjährigen „guten Seele“ und Köchin des geschichtsträchtigen Saals Haarmeyer. Beim jüngsten „Erzählcafé“ im Alten Haarmeyer sind trotz extremer Sommerhitze Bürgerinnen und Bürger der Region zusammengekommen. Ihr Ziel: Ihre persönlichen Erinnerungen, Fotos und Dokumente mit dem Forschungsteam des Projekts „Alltagskultur in Niedersachsen digital: Saalbetriebe im ländlichen Raum“ zu teilen.
„Erzählcafés“ wie dieses öffnen die Türen geschlossener Säle für die Wissenschaft. Sie nutzen persönliche Erinnerungsstücke – von alten Speisekarten über Einladungen bis hin zu Fotografien –, um den historischen Alltag im ländlichen Raum zu rekonstruieren. Emmi Briede „machte richtig diesen gekochten Pudding mit Himbeeren und hat den hinterher noch mit Sahne aufgeschlagen“, verriet eine Teilnehmerin des Erzählcafés. Der cremige Nachtisch war so fest im kollektiven Gedächtnis verankert, dass ihm die einstige Chorleiterin und Dorfärztin Dr. Monika Sannig zum 70. Geburtstag von Emmi Briede sogar ein eigenes Gedicht widmete: „Emmis Pudding ist der Beste“.
Was auf den ersten Blick wie charmante Dorf-Anekdoten wirkt, besitzt für die Kulturwissenschaften einen hohen Stellenwert. Wie vielschichtig die Erinnerungen an die dörfliche Festkultur sind, zeigt sich an ganz alltäglichen Dingen – wie den Saalstühlen im Alten Haarmeyer. Im Zuge der aktuellen Renovierungsarbeiten wurden diese sorgsam gesichert, aufgearbeitet und sind nun wieder im Einsatz.
In den Interviews des Forschungsteams offenbarte sich jedoch eine amüsante Ambivalenz: So schön die restaurierten Stühle auch anzusehen sind – bequem, so berichteten die Befragten einhellig, waren sie eigentlich noch nie. Für die Alltagskulturforschung ist das ein wertvoller Befund: Er macht die Bedeutungsvielfalt einzelner Alltagsobjekte durch die persönliche Erzählung überhaupt erst sichtbar.
Ein Saal ist jedoch weit mehr als ein Ort des Essens und Sitzens – er ist ein Raum der Gemeinschaft und des Erlebens. Über Jahrzehnte hinweg war der Saal Haarmeyer die feste Heimat für Theaterproben und Aufführungen der Theatergruppe Neuenkirchen. Das Forschungsteam konnte dazu umfangreiches historisches Material sichern, darunter liebevoll gestaltete Programmhefte, Textbücher sowie seltene Fotografien von Proben und großen Auftritten. Diese Dokumente zeugen von der lebendigen Laienspieltradition, die das dörfliche Leben tief prägte.
„Das Essen und Trinken bei Feierlichkeiten zeigen paradigmatisch, wie individuelle Gestaltung und normative Setzungen bei aus dem Alltag herausgehobenen Anlässen ineinandergreifen. Die Quellenlage ist jedoch schwierig: Fotos dokumentieren das Speisenangebot meist nur beiläufig, da die Feiernden im Mittelpunkt stehen“, erklärt Professorin Dr. Lina Franken, Leiterin des Forschungsprojekts an der Universität Vechta. „Einladungen und Menükarten geben zwar Auskunft über die Komposition von Festmenüs, erlauben jedoch kaum Rückschlüsse darauf, was und wie tatsächlich verzehrt wurde. Dies wird erst durch Erinnerungen der Beteiligten nachvollziehbar, die jedoch meist allgemein bleiben, weil selbst bei besonderen Anlässen alltägliche Praktiken in biografischen Erzählungen nur selten konkretisiert werden.“
Am Beispiel von „Emmis Pudding“, den unbequemen Prachtstühlen oder den alten Theaterplakaten lässt sich somit rekonstruieren, welche kulturellen Mindeststandards, Erwartungen und Freizeitpraktiken im Osnabrücker Land galten – und wie eine Gemeinschaft die Identität einer ganzen Region prägte.
Das dahinterstehende Projekt
Im Rahmen des durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) geförderten Projektes „Alltagskulturen in Niedersachsen digital: Saalbetriebe im ländlichen Raum“ beforscht das Projektteam unter der Leitung von Professorin Dr. Lina Franken an der Universität Vechta von 2024 bis 2027 exemplarische Saalbetriebe im Landkreis Osnabrück. Neben der Ideengeberin und wissenschaftlichen Begleiterin Dr. Susanne Tauss sind die wissenschaftlichen Mitarbeitenden Lucia Sunder-Plassmann, Corinna Schirmer, Susanne Hochmann und Sabina Mollenhauer in unterschiedlichen Aspekten in die Forschung eingebunden (gewesen).
Das Vorhaben der Arbeitsgruppe Digital Humanities aus den Kulturwissenschaften der Universität Vechta untersucht seit mittlerweile zwei Jahren zusammen mit dem Landschaftsverband Osnabrücker Land die Transformationsprozesse von Saalbetrieben. Das Konzept des Projekts ist neu: In den Sälen zeugen vielfältige Objekte von ihrer aktuellen und früheren Nutzung. Diese werden nun nach wissenschaftlichen Kriterien erschlossen und in einer Datenbank gesammelt, aus der eine Online-Darstellung wächst. Nach internationalen Standards bearbeitet, können die Erzählungen und Erinnerungen aus den Sälen bald mit anderen Überlieferungen weltweit verbunden werden. Durch ausführliche Interviews mit Beteiligten werden die Dinge mit den entsprechenden Kontexten verknüpft und diese Erzählungen dokumentiert. Das niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur (MWK) stellt hierfür rund 250.000 Euro zur Verfügung.