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Der Fachrat Politik überreichte Prof. Dr. Karl-Heinz Breier während seiner letzten Vorlesung - mit vielen Überraschungsgästen und -beiträgen - einen "Hannah-Arendt-Pullover"

Pressemitteilung -

Prof. Dr. Karl-Heinz Breier im "Ruhegang"

Knapp zwei Jahrzehnte war Prof. Dr. Karl-Heinz Breier an der heutigen Universität Vechta aktiv, seit 2009 als Universitätsprofessor für Politische Bildung. In dieser Zeit – er hat mehr als 200 Politiklehrerinnen und -lehrer ausgebildet – hat er stets die klassischen Politikdenker ins akademische Gespräch miteinbezogen. Nur so könnten sich die Studierenden ihre „innere Republik aufbauen“. Mit dem Tod seines Amtskollegen Prof. Dr. Peter Nitschke war plötzlich alles auf den Kopf gestellt – sowohl emotional als auch ganz praktisch im nun außeralltäglichen „Alltag“. Doch die großartige Zusammenarbeit mit dem verbleibenden Team und auch die Unterstützung durch die Studierenden sind ihm in bleibender Erinnerung. Nun hat er sich in den „Ruhegang“ verabschiedet. Im Interview spricht er über seine erlebnisreiche Zeit in Vechta.

Ihre Denomination lautet „Universitätsprofessor für Politische Bildung“. Um was handelt es sich dabei und was reizt Sie persönlich daran?

Politische Bildung habe ich immer als Bürgerbildung verstanden. Unsere Bundesrepublik ist ja keine verfassungslose Tyrannei, Despotie oder gar totale Herrschaft. Sie ist als Republik die Institution der Institutionen. So stehen wir als Bürgerinnen und Bürger ja zum Glück unter dem Schutz unseres Grundgesetzes, und diese so kostbare äußere Verfassung muss doch auch von unserer inneren Verfassung gestützt und am Leben erhalten werden. Insofern gehören Ethik, dass nämlich wir Erwachsenen in unserer Freiheitsordnung in guter Verfassung sind, und Politik immer zusammen.

Diese innere Verfassung nun in Bildungsprozessen sich eben auch einzubilden, ist eigentlich die Aufgabe von uns allen, aber in besonderem Maße doch von Politiklehrerinnen und -lehrern. So habe ich hier seit 2009 neben der Lehre in der Vechtaer Politikwissenschaft ca. 200 Politiklehrkräfte für unser Bundesland ausgebildet und mit ihnen daran gearbeitet, ihre innere Republik stark zu machen. Denn als zukünftige Amtsinhaber sind sie doch in ihrem Lehramt die maßgeblichen Erwachsenen, denen wir schließlich unsere Heranwachsenden anvertrauen. Das ist kein bloßer Job!

Inwieweit ist Politische Theorie / sind „die Klassiker“ essentiell für Orientierung und Urteilskraft?

Ohne einen festen Stand in der Politischen Theorie zu haben, ist politische Bildung wohl nur sehr oberflächlich möglich. Es sind doch die klassischen Meisterdenker des Politischen, denen wir Lehrlinge die mustergültigen Fragen verdanken, die mit unserer menschlichen Existenz verbunden sind. Als ich im Jahr 1988 die großartige Gelegenheit hatte, in einem Forschungsaufenthalt Hannah Arendts Nachlass in der Library of Congress in Washington einzusehen und zu studieren, ist mir dies, na ja, bewusst geworden.

Hannah Arendt, unsere geradezu exemplarische Anwältin des Politischen, spricht zurecht von erweiterter Urteilskraft, wenn es um unser Weltverstehen im Allgemeinen und um Politik im Besonderen geht. Was liegt da näher, als unseren großen europäischen „Schatz des Politischen“ (Arendt) heranzuziehen und sich die Kategorien unseres gewachsenen Verstehens und geistigen Einordnens zu eigen zu machen?

Um die Bedeutung, dass wir Menschen nicht nur private, sondern auch politische Wesen sind, einsichtig zu machen, können uns doch die Meister des politischen Denkens die Augen öffnen. Sie haben schon alles durchdekliniert, und mit ihren politischen Kategorien etwa zu Freiheit, Gerechtigkeit, Republik, Demokratie, Macht, Herrschaft usw. können sie unserem politischen Denken nicht nur Orientierung geben, sondern sie können unsere politische Stimme bestenfalls mit einem republikfreundlichen Vokabular bereichern.

Klassiker des politischen Denkens sind somit ausgezeichnete politische Bildner. Sie nehmen die Errungenschaft des Politischen ernst und die Herausforderungen einer freien Lebensweise in den Blick. In meinem neuesten Buch Hannah Arendt im Gepäck. Sieben Wege zum Politischen habe ich von daher den Versuch unternommen, vom politischen Bildner Sokrates – Auf der Suche – bis zu Hannah Arendt – Wir sind die Republik – sieben Zugangsweisen zum Politischen vorzustellen. Dies bin ich allerdings eher essayhaft und weniger akademisch angegangen. Denn es richtet sich nicht an die Fachcommunity, sondern an uns alle in unserer Bürgerexistenz.

Wenn Sie an die gesamte Zeit Ihrer Karriere in Vechta denken, was sind für Sie persönlich die wichtigsten Wegmarken/Meilensteine gewesen und wieso?

Das dauerhaft Schönste in all der Zeit waren die Seminarveranstaltungen mit den Studierenden, die Schulbesuche in der Praxisphase und, ja, meine beiden Freitagvorlesungen im Wintersemester. Das einmalig Unvergessliche waren zwei mich wirklich völlig überraschende Ereignisse: Zu meinem 65. Geburtstag wurde ich vollkommen Ahnungsloser mit einer feinen Festschrift beehrt, und zu meiner letzten Univorlesung hier am 30. Januar haben mich akademische Freunde, frühere Weggefährten uuund viele, viele Studierende im B1 Hörsaal überrascht – mit Geschenken, Videobotschaften von verhinderten Auswärtigen und zwei herzerwärmenden Reden von Alexander Gantschow und Ole Weber. Was für ein Tag, der danach sogar noch im Konferenzzimmer mit Speis und Trank ausgeklungen ist! Besser als jede Sitzung, die ich dort erlebt habe …

Und das mit Abstand Traurigste und Erschütterndste war der Tod meines jüngeren, so sehr geschätzten, Kollegen Peter Nitschke! Wir hatten uns immer geschworen, dass keiner von uns beiden – bei über 300 Studierenden in drei Studiengängen – ernsthaft krank werden darf. Und plötzlich, am 17. Juli 2024, kam alles viel, viel schlimmer. Seither, und dazu gesellte sich das zweite universitären Unglück, nämlich das Moratorium, war ich der einzige professorale Fachvertreter, und die Kollegen sagten, nun müsse ich für zwei arbeiten. Doch dies stimmte nicht. Ich musste es für drei tun, denn Peter hatte schon immer für zwei gearbeitet. Ja, und diese beiden letzten Dienstjahre haben mir alles abverlangt, manchmal sogar zu viel. Das merke ich heute, wenn die res privata angesichts der so fordernden res publica des Öfteren zu kurz gekommen ist.

Aber, jetzt mal nach vorn geschaut: Der Begriff „Ruhestand“ ist schon sehr eigentümlich, ist unser Leben doch ein Tätigsein. Ruhegang finde ich angemessener, und bei allem Schonenden, was da auch mitklingt, bin ich neugierig, was meine vita activa noch für mich bereithält. So danke ich allen mir stets wohlgesonnenen universitären Weggefährten, und ganz besonders wünsche ich den beiden neuen Professurverwaltern in der Politikwissenschaft alles, alles Gute!

In der Aula der Universität Vechta hielt Prof. Dr. Karl-Heinz Breier viele Vorlesungen: Hier bei der Verabschiedung durch Interimspräsident Prof. Dr. Thomas Bals.

Seine letzte Vorlesung hielt viele Überraschungen für Prof. Dr. Karl-Heinz Breier bereit.






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