Pressemitteilung -
Religion und Professionalität | (Neue) Herausforderungen für die Soziale Arbeit
Ein Bericht über die Jahrestagung der Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“ am 14.11.2025 in Hamburg von Walburga Hoff.
Lange Zeit ist man wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass Religion in der Moderne kontinuierlich zurückgeht. Der sogenannten Säkularisierungsthese stellen sich jedoch seit einigen Jahren konträre Phänomene entgegen: So spielt Religion für die private Lebensführung in der säkularen Welt nach wie vor eine Rolle, auch wenn die Bedeutung christlicher Kirchen merklich abnimmt. Darüber hinaus wird Religion in der Öffentlichkeit und Politik – u. a. bedingt durch Migrationsbewegungen und Religionskonflikte – zunehmend sichtbar. Einzelne Stimmen sprechen sogar von einer „Wiederkehr der Religion und des Religiösen“, die sich inmitten einer allgemeinen Pluralisierung der Weltanschauungen vollziehe. An die Stelle kollektiv geteilter und allgemein geltender Glaubensvorstellungen und Wertbindungen, die kaum mehr durch eine gemeinschaftliche Praxis legitimiert werden, treten dabei plurale Sinnkonzeptionen, die Menschen in ihrem Anspruch auf Selbstverwirklichung und eine authentische Lebensführung individuell entwerfen.
Die gegenwärtige Vervielfältigung des Religiösen, bei der sich Religion keinesfalls auflöst, sondern weiterhin präsent bleibt und deutlich pluraler wird, stellt Soziale Arbeit vor gänzlich neue Herausforderungen. Gilt es doch säkulare und religiöse Sinngebungsmuster als wesentliches Element individueller Lebenswelten zu verstehen. Zugleich schließt der Auftrag Sozialer Arbeit als stellvertretende Bewältigung sozialer Krisen der Lebenspraxis immer auch die Dimension der Sinnfrage mit ein.
Diesem Wandel der Erscheinungsform der Religion und des Religiösen widmete sich die Jahrestagung der Fachgruppe „Religion und Soziale Arbeit“, die am 14. November 2025 an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie in Hamburg stattgefunden hat. Im Mittelpunkt der Veranstaltung rückte das weitgehend ungeklärte Verhältnis von Religion und Professionalität, dem in einem Dialog von Wissenschaft und Praxis begegnet wurde. Ziel war es zu klären, wie einer religionssensiblen Sozialen Arbeit in der Praxis konkret Rechnung getragen werden kann. Ebenso galt es zu erörtern, ob und inwieweit Religion für die Entwicklung von Professionalität von Bedeutung ist.
Bei der Eröffnung der Tagung unterstrich Walburga Hoff zunächst die enge und äußerst spannungsreiche Verbindung, die zwischen Religion und Sozialer Arbeit bestehe. Bereits bei der einsetzenden Verberuflichung zu Beginn des 20. Jahrhundert habe sich Soziale Arbeit, deren Anfänge in den christlichen Kirchen verwurzelt sind, mehr oder minder erfolgreich von den „Rockschößen der Religion“ befreit. Diese Loslösung habe sich mit der Akademisierung in den 1970er Jahren vervollständigt, indem sich Soziale Arbeit seither grundsätzlich auf die Wissenschaft und die säkulare Vernunft beziehe. In diesem Zusammenhang erweise sich Religion für den Professionalisierungsprozess bislang als problematisch, da sie sich außerhalb dieses Diskurses bewege und Voraussetzungen ins Spiel bringe, auf die sich nur gläubige Menschen berufen könnten.
In anschließenden Vortrag, der sich dem Religionsbegriff widmete, beleuchtete Hans Joas die Beziehung von Religion und Moderne und unterzog die Säkularisierungsthese einer Kritik. Zugleich skizzierte er eine Definition von Religion, für die die „Erfahrung der Selbsttranszendenz“ bezeichnend ist. Selbsttranszendenz beinhalte in diesem Zusammenhang ein „Ergriffensein von etwas, das sich jenseits der eigenen Person“ befinde wie beispielsweise radikale Mitleidserfahrungen oder die Faszination für die Natur. Mit diesem Erklärungssatz stellte Joas eine Konzeption von Religion zur Verfügung, die dem religiösen Pluralismus Rechnung trägt und demnach für die Soziale Arbeit aufschlussreiche Perspektiven eröffnet. Dem Verhältnis von Religion und Professionalität näherte sich Roland Becker Lenz aus einer professionssoziologischen Betrachtungsweise, um die Wertbindungen professionellen Handelns zu untersuchen. Dazu diente ihm ein Vergleich, bei der er die berufsethischen Grundlagen Sozialer Arbeit als Profession im säkularen Kontext und jene von Pfarrer*innen als religiöser Profession kontrastierend gegenüberstellte. Auch wenn beide Berufsgruppen der Professionsethik als universaler Wertorientierung verpflichtet sind, erweitere sich diese beim Pfarramt durch eine partikulare religiöse Ethik der Lebensführung. Aus diesem Blickwinkel wird die Frage aufgeworfen, inwieweit säkulare und religiöse Sinndeutungsmuster auch eine Ressource professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit sein können.
Neben dem wissenschaftlichen Diskurs nahm der Austausch von Praxisvertreter*innen einen breiten Raum auf der Tagung ein: In thematisch unterschiedlichen Workshops wurde gezeigt, wie Religionssensibilität in der Praxis eine Umsetzung erfährt. Das Themenspektrum reichte von der Kultursensibilität an Schulen, der religionssensiblen Kulturgestaltung in karitativen Handlungsfeldern über Konzepte diakonischer Kulturförderung sowie der „Best-Practice-" und "Worst-Pratice-Beispiele" in der religions(un)sensiblen Sozialen Arbeit bis hin zur Religionssensibilität in der Telefonseelsorge. Ergänzt wurden diese Angebote durch zwei Forschungsworkshops, in denen laufende Forschungsprojekte vorgestellt wurden, die u. a. den Phänomenen, Folgen und Herausforderungen religiöser Pluralität in der Sozialen Arbeit nachgehen. Wesentliche Impulse für die Debatte lieferten auch die beiden Podiumsdiskussionen: Lehrende an katholischen und evangelischen Hochschulen sowie Vertreter*innen islamisch und jüdisch ausgerichteter Studiengänge Sozialer Arbeit diskutierten über die Integration von Religion in das Hochschulstudium sowie über sich damit öffnende Bildungschancen. Betont wurde dabei die Möglichkeit, nicht nur religiöse und säkulare Haltungen mit akademischem Wissen zu verbinden, sondern auch die Chance, einen Raum für einen interreligiösen Dialog an den Hochschulen zu schaffen. Daneben debattierten Vertreter*innen von Trägern und Wohlfahrtsverbänden über Formen und Ansätze einer religiös inspirierten Unternehmenskultur.
Insgesamt wurde mit der Tagung, die Matthias Nauerth (Hamburg), Walburga Hoff (Vechta) und Stefanie Duttweiler (Bern) organisiert hatten und bei der Axel Bohmeyer als Moderator mitwirkte, ein wichtiger Diskursraum eröffnet. Dieser hat wesentlich dazu beigetragen, die Kategorie der Religion, der bislang lediglich ein Nischenraum in der Sozialen Arbeit zugebilligt worden ist, als spezifischen Bezugspunkt der Disziplin und der Profession sichtbar zu machen. Mit einer solchen Bewusstwerdung geht zugleich die zukünftige Aufgabe einher, die religiöse Pluralisierung sowie den Umgang mit dieser Differenz als unverzichtbare Voraussetzung professionellen Handelns genauer in den Blick zu nehmen.