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Pressemitteilung -

Schmetterlingspädagogik landet im Oldenburger Münsterland

Vertretende der Universität Vechta und des Schulverbunds Vechta haben die Alemannenschule Wutöschingen besucht – eine Bildungseinrichtung, die statt klassischem Unterricht individualisiertes schulisches Lernen für alle Kinder realisiert. Auch einige Institutionen im Oldenburger Münsterland setzten im Austausch mit der Universität Vechta auf Umsetzungen der Schmetterlingspädagogik. Interessierte Bildungseinrichtungen aus der Region, die hier ebenfalls partizipieren wollen, können sich an das Kompetenzzentrum für regionale Lehrkräftefortbildung Vechta wenden – Kontakt: https://www.uni-vechta.de/lehrkraeftefortbildung

Um sich das Lernkonzept vor Ort anzusehen, waren Prof.in Dr.in Raphaela Porsch und Dr. Niels Logemann vom Kompetenzzentrum für regionale Lehrkräftefortbildung Vechta sowie Sarah Brinkmann aus der Mathematikdidaktik in Kooperation mit dem Schulverbund Vechta zu Gast an der Alemannenschule.

Schon vor der Anreise wurden erste Besonderheiten deutlich: Es gibt Besucherregeln wie Hausschuhpflicht, Flüsterton und Smartphone-Verbot. Entsprechend gestaltet sich die Lernatmosphäre. Ruhiges Arbeiten mit eigenem Lernmaterial und in Räumlichkeiten die z. T. einer Bibliothek oder einem gemütlich eingerichteten Großraumbüro gleichen.

Der ehemalige Schulleiter Stefan Ruppaner begrüßte – ganz im Sinne seiner späteren Aussage „Hierarchie ist der Tod jeder aufrichtigen Beziehung“ – bei seiner Ankunft nicht nur die Besuchenden, sondern auch die Kinder seiner Schule freundlich und persönlich. Selbst nach seinem offiziellen Austreten kennt er noch immer viele Kinder namentlich und gibt ihnen individuell ein High Five, ein „Fist-Bump“ oder auch eine Umarmung.

In der Alemannenschule finden sich keine klassischen Schulräume, sondern das Lernkonzept orientiert sich an bestimmten Funktionslogiken. So gibt es Lernateliers für das selbstorganisierte Lernen in Einzelarbeit, Marktplätze für die flexible Nutzung in Partner- und Gruppenarbeitssituationen, Räume mit größeren Stehtischen für Input-Phasen in Großgruppen, Coaching-Räume für die individuelle Lernbegleitung und Fach-Lounges, die spezielles Material für das jeweilige Fach bereithalten und in denen auch ausgebildete Fachlehrkräfte für Fragen zur Verfügung stehen. In Ruhe-Oasen können Kinder Ihrem Bedürfnis nach Entspannung nachgehen. Ein durchgängiges Gefühl von Transparenz gehört zum Konzept der Schule, das sich ebenfalls in der Gestaltung der Räume zeigt: Es gibt nur wenige Wände ohne Fenster, für den Rückzug gibt es aber an vielen Stellen die Möglichkeit Vorhänge zu nutzen.

Schulbücher gibt es keine. Die Dokumentation der Lernprozesse erfolgt über eine spezielle Plattform, die auch weitere Transparenz ermöglicht: Eltern sind immer willkommen, nehmen dieses Angebot aber selten wahr, weil sie durch die Plattform stets online in die aktuellen schulischen Belange ihrer Kinder Einsicht nehmen können. Die Stundenpläne der Lehrkräfte hängen aus. Planungen und Materialerstellung finden sichtbar in den Gemeinschaftsräumen statt, sodass die Schüler*innen auch das konzentrierte Arbeiten ihrer Lehrkräfte miterleben.
Statt Klassenarbeiten gibt es Gelingensnachweise, die mehrfach absolviert werden dürfen, und statt Noten gibt es individuelle Rückmeldungen. Die Schülerinnen und Schüler dürfen selbst entscheiden, wann sie sich in einem neuen Themenbereich so sicher fühlen, dass sie einen Gelingensnachweis ablegen möchten. Seine demokratische Grundidee fasst Ruppaner pointiert zusammen: „Mehr Regeln schaffen mehr Freiheit.“ Demnach ermöglichen erst die klaren Rahmenbedingungen das selbstbestimmte Handeln der Schülerinnen und Schüler.
Sein Schulkonzept sieht Ruppaner auch als Lösung für die künftigen Herausforderungen durch KI. Für die „Belehrung“ braucht es eigentlich kein Personal mehr, das könne auch die KI. Den Menschen sieht er in der Rolle des Lernbegleiters und im ganzheitlichen Coaching.
Lehrkräfte oder Lernbegleiter haben in Wutöschingen ein anderes Arbeitszeitmodell und arbeiten in kleinen Verantwortungsgemeinschaften zusammen, die so genannten Quadrigen. So entsteht deutlich mehr Zeit, die auch für Fortbildung genutzt werden kann. Ein grundlegender Unterschied zum niedersächsischen System, wie Niels Logemann sagt, in dem Lehrkräfte Fortbildung vielfach außerhalb der Unterrichtszeit und damit zusätzlich machen müssen.

Porsch: „Bereits vor dem Besuch hatte ich die grundlegende Überzeugung, dass die ‚alte Grammatik‘ der Schule nicht mehr zeitgerecht ist und Schule sich grundlegend verändern muss. Eine Orientierung an den unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder ist an allen Schulen notwendig. Die Alemannenschule hat dazu ein überzeugendes Konzept entwickelt.“ Diese Auffassung teilen alle Besucher, sehen aber auch die Notwendigkeit eine Kohärenz dieser neuen Konzepte mit der Lehrerbildung zu schaffen und Angebote der Lehrerfortbildung, bspw. für die Ausbildung zu Lerncoaches. Die Universität Vechta und das Kompetenzzentrum arbeiten dafür Vorschläge aus und wollen Schulen in der Region engagiert unterstützen, die sich für eine Veränderung ihrer Lehr-Lernkonzepte im Sinne der Alemannenschule entscheiden.

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