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Pressemitteilung

Vielfalt wahrnehmen und begleiten, pauschale Raster verlassen | Aktionstage Inklusion beleuchten an der Universität Vechta strukturelle Barrieren in Schule und Gesellschaft

Wie lässt sich mit Vielfalt umgehen, ohne durch gut gemeinte Etikettierungen neue Ausgrenzung zu schaffen? Unter anderem diese Frage stand im Mittelpunkt der „Aktionstage Inklusion“, die das Vechtaer Institut für Inklusion (BERGVINK) auf dem Campus der Universität Vechta veranstaltet hat. Professorin Dr. Britta Baumert kehrte an ihre alte Wirkungsstätte zurück, um während ihrer Keynote die inhärenten Widersprüche der schulischen Inklusionspraxis zu hinterfragen.

Genau zehn Jahre zuvor hatte sie an der Universität Vechta als Juniorprofessorin für Religionspädagogik begonnen und das Institut BERGVINK als Gründungsmitglied mitgeprägt, bevor sie an die Universität Frankfurt berufen wurde. Während ein weites Inklusionsverständnis Vielfalt als Normalität begreife, fokussiere der schulische Heterogenitätsdiskurs meist auf die Abweichung von einer zuvor definierten Norm. „Hier ist häufig ein defizitorientierter Blick prägend, der darauf abzielt, die zu identifizierenden Defizite auszugleichen“, erklärte Baumert. Diese Normorientierung führe im staatlichen Schulsystem zu einem tiefen strukturellen Dilemma: Da Bundesländer personelle und finanzielle Ressourcen fast ausschließlich an offizielle Diagnosen koppeln würden, entstünde ein administrativer Anreiz zur Stigmatisierung. „Das System fordert an vielen Stellen das Anlegen dieser Kategorien“, so die Bildungswissenschaftlerin. Die Krux liege darin, dass Lehrkräfte durch diesen permanenten Vergabedruck so sehr an das Kategorisieren gewöhnt würden, dass sie diese Mechanismen („I-Kinder“) schleichend auf Bereiche wie Migration oder Religion übertragen, in denen es pädagogisch überhaupt nicht zwingend erforderlich sei.

Aus wissenschaftlicher Sicht lasse sich dieses Problem durch das sogenannte „trilemmatische Dreieck“ nach Professorin Dr. Mai-Ahn Boger erklären. Dieses besagt, dass Inklusionstheorien sich stets zwischen den Ansprüchen auf Empowerment, Normalisierung und Dekonstruktion bewegen – sich diese Ziele logisch jedoch teilweise ausschließen. Wer beispielsweise eine Gruppe selbstbefähigen will, muss sie zuerst benennen und läuft damit Gefahr, sie erneut zu katalogisieren. Die Lösung für die Praxis liege daher in einem permanenten, reflexiven „Pendeln“ zwischen den Perspektiven. Baumert erläuterte Parallelen zum – vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten und bereits abgeschlossenen – Uni-Vechta-Projekt „BRIDGES“ aus dem unter anderem auch das BERGVINK hervorging. Der permanente Prozesscharakter der schulischen Inklusion sei essentiell im Fokus zu halten. Man dürfe Inklusion nicht als statischen Zielzustand begreifen, sondern als fortlaufende Optimierung. Wie wichtig es ist, angehende Lehrkräfte frühzeitig für diese feinen Mechanismen zu sensibilisieren, unterstrichen Professorin Dr. Martina Döhrmann, Vizepräsidentin für Lehre und Studium, und der BERGVINK-Direktor Professor Dr. Michael Ewig. Sie verwiesen unter anderem auf die feste Verankerung entsprechender Module in den Curricula aller Lehramtsstudiengänge der Universität Vechta. Studierende müssten lernen, Lerngruppen in ihrer Vielfalt wahrzunehmen und Unterricht flexibel zu planen, statt starre Lehrpläne durchzusetzen.

Der Perspektivenwechsel sei dafür wichtig, zeigten auch die Teilnehmenden während der anschließenden Diskussion auf. Ein individueller Zugang zu den Schülerinnen und Schülern sei herausfordernd, aber wichtig. Da beispielsweise sogenannte und ebenfalls schon normorientierte „Spektrum-Störungen“ wie Autismus oder chronische Erkrankungen wie Rheuma bei jedem Kind völlig unterschiedliche Ausprägungen zeigen und sich von Tag zu Tag anders auswirken können, versage jedes pauschale Raster. Der Schlüssel liege im kontinuierlichen, direkten Dialog mit den betroffenen Kindern.

Neben den theoretischen Impulsen bildeten praxisnahe Konzepte das Fundament der Aktionstage. So stellten Lehrkräfte der Don-Bosco-Schule Steinfeld ihr Modell des selbstorganisierten Lernens in „Lernbüros“ als konkreten Weg zur schulischen Inklusion vor. Weitere Vorträge behandelten den Einsatz digitaler inklusiver Schulbücher in der Geografie sowie die Potenziale und die pädagogische Verantwortung von Künstlicher Intelligenz (KI) in inklusiven Settings. Ein interdisziplinärer Workshop widmete sich dem Konzept des „Universal Design for Learning“ (UDL) zur Gestaltung barrierearmer Lernumgebungen. Flankiert wurde die Woche durch studentische „Gallery Walks“, bei denen angehende Lehrkräfte digitale Werkzeuge für den Fremdsprachenunterricht sowie Inklusionskonzepte an biologischen Lernorten präsentierten.

Professorin Dr. Martina Döhrmann

Professor Dr. Michael Ewig

Mitorganisator Tim Bauermeister

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