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Marktkommentar: Angriffe auf die US-Notenbank Fed - ein Risiko, das Investoren nicht ignorieren sollten
Die Personalie Jerome Powell macht in diesen Tagen vor allem eines sichtbar: Die Unabhängigkeit der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) gerät zunehmend zum politischen und damit zum Marktrisiko. Dr. Björn Ohl, Ökonom der apoBank, teilt dazu mit:
Am 15. Mai endet die zweite Amtszeit von Jerome Powell als Fed-Chairman. Entgegen der historischen Praxis verlässt Powell das Fed-Board jedoch nicht vollständig, sondern wechselt als einfaches Mitglied in den Board of Governors.
Das ist rechtlich nicht zu beanstanden, aber institutionell und politisch ungewöhnlich. Nahezu alle bekannten Fed-Vorsitzenden der jüngeren Vergangenheit wie Yellen, Bernanke, Greenspan oder auch Volcker haben das Board vollständig verlassen, als ihre Amtszeit als Fed-Chairman endete.
Auf der jüngsten Pressekonferenz nach dem Fed-Zinsentscheid am 29. April machte Powell deutlich, dass er so lange Mitglied des Board of Governors bleiben will, bis er zweifelsfrei überzeugt ist, dass die diversen juristischen Angriffe von Seiten der Trump-Regierung auf Mitglieder der Fed vollständig eingestellt werden. Das könnte bedeuten, dass Powell noch bis zum Auslaufen seines Mandats im Januar 2028 Board-Mitglied bleibt.
Es geht in dieser Auseinandersetzung zwischen dem Weißen Haus und der Fed um nichts weniger als die Unabhängigkeit der wichtigsten und mächtigsten Zentralbank der Welt.
In seiner zweiten Amtszeit hat Trump bereits zahlreiche Institutionen, die eigentlich das System der ‚checks and balances‘ schützen sollen, massiv attackiert – und dabei auch die US-Notenbank nicht verschont. Beispiele sind die juristischen Frontalangriffe auf Fed-Gouverneurin Lisa Cook sowie auf Chairman Powell, denen im einen Fall Betrug beim Immobilienkauf und im anderen Fall Missmanagement bei der Renovierung eines Fed-Gebäudes vorgeworfen wird.
Die Angriffe der Trump-Administration auf die US-Notenbank sollten Investoren zu denken geben. Denn es besteht der begründete Verdacht, dass Trump mehr politischen Einfluss auf die Fed gewinnen möchte, um erstens seine Vorstellungen vom US-Dollar in die Tat umzusetzen und zweitens die Mithilfe der Notenbank bei der Bewältigung der angespannten Haushalts- und Schuldenlage der USA zu erzwingen.
Die Risiken, die sich aus einer politisch kontrollierten Fed und einem Vertrauensverlust in die US-Geldpolitik für die Finanzmärkte ergeben, lassen sich nur ansatzweise erahnen und sind letztlich unkalkulierbar.
Ganz offensichtlich gerät die Unabhängigkeit der US-Notenbank nicht nur aufgrund populistischer Einflussnahme zunehmend unter Druck, sondern auch wegen fiskalischer Aspekte. So ist nicht auszuschließen, dass infolge einer zu lockeren Geldpolitik unter einer weniger konservativen Führung der Fed die Inflation strukturell höher ausfällt und ein Überschießen der Zielinflation von zwei Prozent zum Regelfall wird. Dies würde die schleichende Erosion des Werts der US-Staatsschulden begünstigen.
Neben den Gefahren der populistischen Beeinflussung und der fiskalischen Dominanz droht zudem die erneute Lockerung regulatorischer Vorschriften für Finanzinstitute in den USA, die Handlungsfreiheit der Notenbank einzuschränken. Auf diesen wichtigen und häufig übersehenen Aspekt hat auch das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, Isabel Schnabel, in ihrer jüngsten Rede in London hingewiesen.
Denn im Zuge des Aufstiegs der nicht als Banken geltenden Finanzintermediäre in den vergangenen Jahren nehmen die Sorgen vor einer neuen Finanzkrise erkennbar zu. Im Ernstfall würde – wie so häufig in der Vergangenheit – der Ruf nach den Zentralbanken als ‚lender of last resort‘ laut. Die Währungshüter gerieten dann in eine Rolle, in der sie zur Stabilisierung des Finanzsystems Maßnahmen ergreifen müssten, die de facto im Konflikt mit ihrem Mandat stehen.