Pressemitteilung -
Forschende der Universität Vechta entwickeln KI-gestützten Ansatz gegen Menschenhandel
Ein Fernbusfahrer fährt regelmäßig die Strecke Bukarest–Berlin. Immer wieder befördert er dieselbe Frau als Passagierin, jedes Mal mit anderen jungen Frauen an ihrer Seite. Ein ungutes Gefühl – aber kein Beweis. An wen kann er sich wenden? Dieses fiktive Szenario haben Professorin Dr. Yvette Völschow, Dr. Wiebke Janßen und Marlene Gadzala von der Universität Vechta auf dem Deutschen Präventionstag 2026 in Hannover als Ausgangspunkt präsnetiert, um ihr neu entwickeltes Konzept vorzustellen: Es setzt auf KI, um Zeuginnen und Zeugen aus der Bevölkerung, der Sozialen Arbeit und anderen Berufsgruppen niedrigschwellig ins Meldesystem einzubinden – und traf auf ausgesprochenes Interesse bei Polizei, IT-Fachleuten und der Sozialen Arbeit.
Die Zahlen des Bundeskriminalamts sind alarmierend: 576 Menschenhandelsfälle wurden in Deutschland im Jahr 2024 registriert – der höchste Stand seit Beginn der Erfassung. Gleichzeitig gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass das tatsächliche Ausmaß des Verbrechens um ein Vielfaches höher liegt. Täterinnen und Täter agieren zunehmend über digitale Kanäle: Scheinbar seriöse Stellenangebote im Netz locken Opfer an, der Transport läuft über reguläre Verkehrswege, die Kontrolle der Betroffenen erfolgt mittels Überwachungstechnologien.
Menschenhandel spielt sich oft im Verborgenen ab, verteilt über viele Akteure und Orte. Wer etwas bemerkt weiß oft nicht, wie und wo dieser Verdacht gemeldet werden kann, ohne formale Hürden zu nehmen oder sich selbst zu exponieren. „Genau hier liegt die Präventionslücke, die wir mit unserem Konzept schließen wollen“, sagt Professorin Dr. Völschow. „Wer Menschenhandel früh erkennen und stoppen will, muss alle Augen einbinden – nicht nur die der Polizei.“
Das Vechtaer Konzept aus dem Arbeitsbereich Sozial- und Erziehungswissenschaften sieht ein mehrstufiges System vor: Eine KI-gestützte Chatbot-Schnittstelle nimmt Hinweise anonym entgegen – ohne Registrierung oder ohne Behördensprache. Die eingehenden Meldungen werden mit weiteren verfügbaren Datenquellen abgeglichen und analysiert. Das Ergebnis ist keine automatische Strafanzeige, sondern eine Art intelligente Roadmap: ein maßgeschneiderter Handlungsleitfaden, der der meldenden Person oder der zuständigen Stelle zeigt, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Das Konzept richtet sich ausdrücklich nicht nur an Polizei und Soziale Arbeit, sondern an alle Berufsgruppen und Privatpersonen, die indirekt mit dem Phänomen in Berührung kommen könnten: beispielsweise Hotelangestellte, Mitarbeitende im öffentlichen Nahverkehr oder in Behörden. „Wir denken Prävention als Gemeinschaftsaufgabe“, sagt Dr. Wiebke Janßen. „Menschenhandel kann nur aufgedeckt werden, wenn viele Menschen wissen, worauf sie achten müssen – und wenn der Weg zur Meldung so einfach ist, wie eine Nachricht zu schicken.“
Das Konzept ist derzeit als wissenschaftlich durchdachtes Szenario ausgearbeitet – keine fertige App, sondern ein Forschungsrahmen, der die nächsten Entwicklungsschritte vorzeichnet. Dazu gehört die ehrliche Auseinandersetzung mit den Herausforderungen: Wie werden Daten gespeichert und geschützt? Wie verhindert das System, dass Fehlmeldungen zu Unrecht Verdacht säen? Wer trägt die Verantwortung für die Auswertung? Diese Fragen seien zentral, betont das Forschungsteam. „Der Einsatz von KI eröffnet im Bereich der Verbrechensprävention echte Möglichkeiten“, sagt Marlene Gadzala. „Aber er braucht klare ethische Leitplanken und eine technische Infrastruktur, die wir gemeinsam mit Expertinnen und Experten aus Recht, IT und Praxis entwickeln müssen.“
Langjährige Expertise: Von PRIMSA zum KI-Konzept
Der Arbeitsbereich Sozial- und Erziehungswissenschaften forschte bereits von 2014 bis 2017 im BMBF-geförderten Verbundprojekt PRIMSA (Prävention und Intervention bei Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung) zu diesem Phänomen. Das Projekt entwickelte damals berufsgruppenspezifische Schulungskonzepte und technische Unterstützungsinstrumente für Polizei, Soziale Arbeit und Justiz – und war damit eines der ersten multidisziplinären Forschungsvorhaben zu diesem Thema in Deutschland und Österreich. Das aktuelle KI-Konzept baut auf diesen Erkenntnissen auf und überträgt sie in die Möglichkeiten der heutigen digitalen Infrastruktur.