Pressemitteilung -
So beeinflusst unsere Kultur, wie Kinder andere verstehen lernen | Studie in Japan & Deutschland: Soziales Verstehen entwickelt sich unterschiedlich
Kinder müssen früh lernen zu erkennen, was andere Menschen denken, wissen oder beabsichtigen. Diese Fähigkeit gilt als zentrale Grundlage für soziale Beziehungen und erfolgreiches Zusammenleben.
Eine Studie hat nun erstmals die sozial-kognitive Entwicklung von Grundschulkindern in Japan und Deutschland verglichen. Die Studie zeigt: Soziales Verstehen folgt einer universellen Struktur. Gleichzeitig entwickelt es sich aberkulturell unterschiedlich schnell. Die Studie wurde jetzt in der renommierten Fachzeitschrift Child Development veröffentlicht.
Den vollständigen Beitrag zur Studie mit Hintergründen zu den Forschenden, dem Link zur Studie sowie Ausblick auf die nächsten Untersuchungen zur psychologischen Entwicklung von Kindern finden Sie auf Wissenschaft-im-Norden.de, dem Wissenschaftsportal der Universität Vechta.
Komplexes soziales Verstehen entwickelt sich in der Grundschule
Für ein funktionierendes Zusammenleben müssen Kinder früh lernen zu erkennen, was andere wissen, denken oder beabsichtigen. Diese Fähigkeit wird in der Entwicklungspsychologie als „Theory of Mind“ bezeichnet. Während einfache Formen davon bereits im Vorschulalter entstehen, entwickeln sich komplexere Aspekte noch weit in der Grundschulzeit und darüber hinaus.
Die neue Studie untersuchte genau diese weiterführenden Fähigkeiten des sozialen Verstehens bei Kindern in Japan und in Deutschland. Insgesamt nahmen mehr als 800 Schüler*innen im Alter von acht bis zwölf Jahren an verschiedenen Aufgaben teil. Sie sollten zum Beispiel beurteilen, was Personen in sozialen Situationen denken, ob jemand unabsichtlich einen sozialen Fehler gemacht hat oder wie sich mehrdeutige Situationen interpretieren lassen.
Universelle Grundlagen, kulturelle Unterschiede
Die Studie wurde federführend von Prof. Dr. Christopher Osterhaus von der Universität Vechta in Zusammenarbeit mit den Forschenden Shingo Uchinokura und Hiromi Tsuji in Japan durchgeführt. Sie fanden heraus: Trotz kultureller Unterschiede folgt die Entwicklung komplexer sozialer Fähigkeiten offenbar einer gemeinsamen Grundstruktur. In beiden Ländern lassen sich drei zentrale Bausteine sozialen Verstehens unterscheiden.
1. Das explizite Nachdenken über die Gedanken anderer Menschen
2. Das Erkennen sozialer Regelverletzungen
3. Der Umgang mit mehrdeutigen Situationen
Darüber hinaus zeigte sich, dass die Entwicklung dieser Fähigkeiten je nach Kultur unterschiedlich verläuft. Deutsche Kinder schnitten besonders gut bei Aufgaben ab, bei denen sie verschachtelte Gedanken nachvollziehen mussten, etwa wenn eine Person darüber nachdenkt, was eine andere Person glaubt. Japanische Kinder entwickelten diese Fähigkeiten eher schrittweise über einen längeren Zeitraum über mehrere Schuljahre hinweg.
„Unsere Ergebnisse belegen, dass Kinder überall lernen, andere Menschen zu verstehen. Aber Kultur beeinflusst, wann und wie bestimmte Aspekte dieser Fähigkeit besonders deutlich hervortreten“, erläutert Entwicklungspsychologe Prof. Dr. Christopher Osterhaus.
Die Unterschiede könnten mit verschiedenen Kommunikationsstilen zusammenhängen, vermuten die Forschenden. In vielen westlichen Kontexten werde im Alltag offen darüber gesprochen, was Menschen denken, glauben oder fühlen. In Japan dagegen wird häufiger erwartet, dass Kinder soziale Situationen aus dem Kontext heraus verstehen und unausgesprochene Hinweise wahrnehmen – ein Prinzip, das dort als kuuki o yomu bezeichnet wird, also „die Atmosphäre lesen“.
Unterschiedliche Perspektiven würden daher seltener ausdrücklich diskutiert, auch um Konflikte zu vermeiden. „Wenn Kinder weniger darüber sprechen, was Menschen denken oder glauben, haben sie auch weniger Gelegenheit, genau diese Art von Denken zu üben“, erklärt Christopher Osterhaus. „Das könnte erklären, warum sich komplexe Perspektivübernahme in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlich entwickelt.“
Bedeutung der Studie für Bildungseinrichtungen und Eltern
Die Ergebnisse zeigen zugleich, dass Gespräche über Gedanken, Gefühle und Perspektiven eine wichtige Rolle für die soziale Entwicklung von Kindern spielen – unabhängig vom kulturellen Kontext. Auch in Deutschland kann es deshalb hilfreich sein, solche Gespräche bewusst zu fördern, empfiehlt Prof. Osterhaus.
„Wenn Eltern oder Lehrkräfte mit Kindern gezielt darüber sprechen, warum Menschen etwas glauben, warum Missverständnisse entstehen oder wie unterschiedliche Perspektiven zustande kommen, trainieren Kinder genau die Fähigkeiten, die für komplexe Perspektivübernahme wichtig sind“, sagt Osterhaus.
Die Studie zeigt damit, dass die Fähigkeit, andere zu verstehen, auf gemeinsamen kognitiven Grundlagen beruht, sich ihre Entwicklung jedoch im Zusammenspiel mit kulturellen Lernumwelten entfaltet. Kinder überall auf der Welt lernen, Gedanken und Perspektiven anderer zu verstehen. Doch wie schnell und auf welche Weise sie diese Fähigkeiten entwickeln, wird auch durch die sozialen Erfahrungen geprägt, die sie im Alltag machen.