Pressemitteilung —
Demokratie im Klassenzimmer: Wie Schulen das Grundgesetz lebendig machen
„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feierlich verkündet. Zum 77. Jahrestag der Verfassung rückt auch die Frage in den Fokus, wie demokratische Prinzipien an die nächste Generation vermittelt werden können. Dass Demokratiebildung weit über das Auswendiglernen von Gesetzestexten hinausgeht, zeigt aktuelle Forschung der Universität Vechta. Professorin Dr. Margit Stein der wissenschaftliche Mitarbeiter Benjamin Möbus untersuchen, wie Kinder und Jugendliche Partizipation in ihrer Lebenswirklichkeit erfahren und wo die schulische Praxis an Grenzen stößt.
„Demokratie beginnt nicht erst an der Wahlurne“, erklärt Stein, Professorin für Allgemeine Pädagogik an der Universität Vechta. „Wer das Grundgesetz ernst nimmt, muss Kinder und Jugendliche nicht nur über Demokratie informieren, sondern ihnen früh ermöglichen, demokratische Selbstwirksamkeit zu erfahren.“ Schule sei dafür der zentrale Ort, da sie junge Menschen unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder familiären Ressourcen erreicht. Ob Schülervertretungen (SV), Klassensprecherwahlen oder Kinderparlamente – entscheidend sei, ob diese Gremien als echte Mitgestaltung oder als bloßes pädagogisches Ritual erlebt werden. Im Fokus der Arbeit steht die Frage, wie Schülerinnen und Schüler in Schulen tatsächlich beteiligt werden – und warum zwischen dem Anspruch demokratischer Bildung und der schulischen Realität noch immer eine deutliche Lücke besteht.
Für ihre Untersuchungen nahmen die Forschenden in mehreren Projekten über sechzig Schulen aller Schulformen in den Blick. Das Team führte umfassende Beobachtungen durch, wertete standardisierte Fragebögen von Schülerinnen sowie Schülern, Lehrkräften sowie Eltern aus und vertiefte die Ergebnisse in qualitativen Interviews.
Die Daten zeigen Unterschiede in der Praxis. Im Primarbereich wird deutlich, dass bereits Grundschulkinder in der Lage sind, demokratische Verfahren zu verstehen, eigene Anliegen zu artikulieren und Verantwortung zu übernehmen. Damit Klassensprecherwahlen oder Kinderparlamente jedoch zu echten Lernorten werden, müssen sie didaktisch eingebettet sein. Kinder müssen genau wissen, worüber sie mitbestimmen dürfen und welche Konsequenzen ihre Entscheidungen haben. Andernfalls drohe die Gefahr von Scheinbeteiligungen, bei denen geäußerte Wünsche folgenlos bleiben.
Auch die Schülervertretungsarbeit an weiterführenden Schulen steht im Fokus. Die Forschung macht sichtbar, dass SVs zwar rechtlich verankert sind, ihre tatsächlichen Einflussmöglichkeiten aber sehr unterschiedlich ausfallen. Manche Schülervertretungen erleben sich als ernst genommene Akteure schulischer Entwicklung; andere berichten von fehlender Zeit, mangelnden Informationen, geringer Wertschätzung oder Entscheidungen, die letztlich doch von Erwachsenen getroffen werden. Eine betroffene Schülervertreterin brachte das Problem in einem Interview laut Stein prägnant zum Thema Weihnachtsfeier auf den Punkt: „Am Schluss durfte die Schülervertretung eigentlich nur noch darüber entscheiden, wie der Christbaum im Foyer geschmückt werden soll.“
Um echte Chancengleichheit zu gewährleisten, untersucht das Vechtaer Forschungsteam intensiv die Rolle der pädagogischen SV-Begleiter und -Begleiterinnen. Diese Fachkräfte fungieren als wichtige Brückenpersonen zwischen Schülerschaft, Kollegium und Schulleitung. Sie müssen Jugendliche unterstützen, ohne sie zu dominieren, und sie darin stärken, ihre Rechte selbstbewusst zu vertreten.
Damit demokratische Schulentwicklung gelingt, brauche es neben engagierten Jugendlichen vor allem qualifizierte Erwachsene, verlässliche Zeitbudgets, Räume und eine spürbare Wertschätzung durch die Schulleitungen, so Stein. Die Universität Vechta setzt hierbei zunehmend auf die Kooperation mit außerschulischen Partnern, wie etwa dem Verein „Schule ein Gesicht geben“.
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse fließen nicht nur in die universitäre Lehrkräftebildung ein, sondern münden gegenwärtig auch in die Publikation zweier Herausgeberbände sowie in mehrere Artikel für peer-reviewte Fachzeitschriften. Im Rahmen eines aktuellen Service-Learning-Projekts an der Universität Vechta setzen Studierende die Ergebnisse zudem gemeinsam mit Prof. Dr. Margit Stein in konkreten Workshops direkt mit und an den Schulen um.
Benjamin Möbus und Professorin Dr. Margit Stein