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Ausbilder:innen im Wandel: Ein Gespräch über neue Rollen, Kommunikation und Ausbildungsqualität
Ausbildung ist ein zentraler Hebel für die Fachkräftesicherung – insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen. Gleichzeitig stehen Ausbilder:innen vor wachsenden Herausforderungen: veränderte Erwartungen junger Menschen, steigende Anforderungen im Arbeitsalltag und der Wunsch nach zeitgemäßer, wertorientierter Ausbildung. Das Zukunftszentrum MV+ unterstützt Ausbilder:innen und Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern mit praxisnahen Weiterbildungen dabei, ihre Ausbildungsarbeit zukunftsfähig zu gestalten.
Ein zentraler Baustein dabei ist die Weiterbildung „Ausbilder:innen im Wandel – Impulse zur Kompetenzstärkung“. Wir haben mit Carola Riehl, Expertin für Aus- und Weiterbildung im Zukunftszentrum MV+, darüber gesprochen, warum Ausbilder:innen heute eine Schlüsselrolle einnehmen und wie sie gezielt gestärkt werden können.
Schön, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst! Die Weiterbildung richtet sich gezielt an Ausbilder:innen. Was hat dich persönlich dazu motiviert, dieses Angebot zu entwickeln?
Meine Motivation ist tatsächlich aus zwei Perspektiven entstanden. Zum einen habe ich Schüler:innen im Einzel- und Gruppencoaching in ihrer Berufs- und Studienorientierung begleitet. Dabei habe ich direkt erlebt, wie viel Potenzial, aber auch wie viel Unsicherheit und Orientierungsbedarf junge Menschen mitbringen. Gerade die Gen Z ist unglaublich reflektiert, sinnorientiert und anspruchsvoll – im positiven Sinne. Sie wollen verstehen, warum sie etwas tun, mitgestalten und ernst genommen werden.
Zum anderen kenne ich als Wirtschaftspädagogin mit Ausbilderschein auch die Perspektive der Ausbilder:innen sehr gut. Ich weiß, wie vielfältig ihre Rolle ist: Fachkraft, Führungsperson, Motivator:in, Konfliktlöser:in, manchmal auch Ersatz-Elternteil – und das alles neben dem Tagesgeschäft. Diese Rollenvielfalt ist spannend, aber auch herausfordernd.
Mich hat das Zusammenspiel dieser beiden Welten fasziniert – die Weiterbildung ist für mich deshalb eine Brücke. Ich sehe mich dabei weniger als „Wissensvermittlerin“, sondern als Lernprozessbegleiterin – sowohl für Auszubildende als auch für Ausbilder:innen.
Du hast gerade schon angesprochen, wie vielfältig die Rolle von Ausbilder:innen ist. Wenn du die Weiterbildung in drei Worten beschreiben müsstest – welche wären das?
Wertschätzend
In unserer Weiterbildung fangen wir nicht bei Null an – ganz im Gegenteil. Jede:r Ausbilder:in bringt einen enormen Erfahrungsschatz mit. Und ich nenne das ganz bewusst einen Schatz. Manchmal ist dieser Schatz nur etwas verschüttet vom Arbeitsalltag und darf wieder sichtbar werden.
Austausch
Wer in unserer Weiterbildung sitzt, wird vermutlich feststellen: Ich rede gar nicht so viel. Mir geht es nicht um lange Vorträge, sondern um echten Dialog, Perspektivwechsel und gemeinsame Ideenentwicklung.
Motivierend
Ich möchte Impulse setzen – manchmal neue, manchmal solche, die an etwas erinnern, das schon da war. Wenn am Ende wieder mehr Klarheit, Freude an der Rolle und neue Energie spürbar ist, dann haben wir unser Ziel erreicht.
Ausbildung wird oft als reine Wissensvermittlung verstanden. Warum greift dieses Verständnis heute zu kurz?
Spannende Frage – als Pädagogin denke ich dabei direkt an das Modell der vollständigen Handlung. Dabei geht es darum, Lernende nicht nur mit Informationen zu versorgen, sondern sie durch einen gesamten Lernprozess zu begleiten: informieren, planen, entscheiden, umsetzen, reflektieren.
Genau deshalb greift reine Wissensvermittlung heute zu kurz. Wissen allein reicht nicht aus, um sicher und selbstständig handeln zu können. In der Ausbildung geht es darum, Kompetenzen zu entwickeln – also Wissen anzuwenden, Verantwortung zu übernehmen, Zusammenhänge zu verstehen und das eigene Handeln zu hinterfragen.
Ich sehe Ausbildung daher nicht als „Erklären und Vormachen“, sondern als Gestalten von Lernprozessen. Auszubildende brauchen Raum, um Dinge selbst auszuprobieren, Entscheidungen zu treffen und aus Erfahrungen zu lernen. Erst dadurch entsteht echte Handlungskompetenz.
Welche Herausforderungen begegnen Ausbilder:innen aktuell besonders häufig?
Ausbilder:innen bewegen sich heute in einem sehr vielschichtigen Spannungsfeld. Sie vereinen unterschiedlichste Rollen – von Fachkraft über Führungsperson bis hin zur Lernbegleitung – und das oft parallel zum Tagesgeschäft.
Hinzu kommen Fragen rund um Motivation, sowohl die eigene als auch die der Auszubildenden, unterschiedliche Erwartungshaltungen zwischen Generationen sowie der Umgang mit sehr heterogenen Lernvoraussetzungen. Themen wie Ausbildungsabbrüche, Zeitdruck im Betrieb oder eine gelingende Feedback- und Kommunikationskultur spielen ebenfalls eine wichtige Rolle.
Gleichzeitig sehe ich darin weniger Probleme als vielmehr Entwicklungsfelder. Genau hier liegt enormes Potenzial, Ausbildung bewusst zu gestalten und als echten Lernraum zu verstehen.
Ein Schwerpunkt der Weiterbildung liegt auf Kommunikation und Feedback. Warum gerade diese Themen?
Kommunikation und Feedback sind keine „Zusatzthemen“ in der Ausbildung – sie sind die Grundlage für gelingende Zusammenarbeit. Und trotzdem erleben wir im Alltag, wie anspruchsvoll beides sein kann.
Kommunikation begleitet uns zwar ständig, aber sie passiert nicht automatisch klar und zielführend. Unterschiedliche Wahrnehmungen, Erwartungen oder auch das klassische Vier-Ohren-Modell zeigen, wie schnell Botschaften anders ankommen als beabsichtigt. Insbesondere in der Zusammenarbeit mit jungen Menschen, die eigene Werte, Kommunikationsgewohnheiten und Erwartungen mitbringen, braucht es deshalb ein bewusstes, reflektiertes Kommunikationsverhalten.
Feedback wiederum ist ein zentraler Motor für Lernen. Gleichzeitig ist Feedback mehr als nur Lob oder Kritik – es geht um eine Haltung und den Austausch auf Augenhöhe, der Wachstum überhaupt erst möglich macht. Für Ausbilder:innen bietet es wiederum die Chance, die eigene Rolle immer wieder zu reflektieren und weiterzuentwickeln.
Auch die Generation Z ist Teil der Weiterbildung. Was sollten Ausbilder:innen über junge Auszubildende heute wissen?
Erst einmal: Sätze wie „Früher war alles anders“ oder „Das hätte es früher nicht gegeben“ kennen wir vermutlich alle. Sie halten sich hartnäckig – sind aber kein besonders hilfreiches Mindset für die Zusammenarbeit mit der Gen Z.
Was Ausbilder:innen wissen sollten: Viele junge Menschen (nicht alle) legen großen Wert auf Individualität, Sinnhaftigkeit und soziale Verantwortung. Sie möchten verstehen, warum sie etwas tun, wollen beteiligt werden und ernst genommen werden. Gleichzeitig sind sie digital aufgewachsen – Kommunikation läuft oft schneller, direkter und selbstverständlich über das Smartphone.
Und wenn wir ehrlich sind: Begriffe wie Sinn, Verantwortung oder Mitgestaltung sprechen uns doch alle an.
Welche drei Tipps würdest du Ausbilder:innen mitgeben, die ihre Ausbildungsarbeit weiterentwickeln möchten?
Regelmäßig echte Gespräche führen
Nicht nur Feedback „zwischen Tür und Angel“, sondern bewusst gesetzte Gesprächsmomente für Reflexion und Feedback – das zeigt auch Wertschätzung!
Verantwortung schrittweise übergeben
Auszubildende wachsen mit ihren Aufgaben: Übertragt Verantwortung und gebt Vertrauen im Rahmen der Möglichkeiten des jeweiligen Berufsfeldes. Schafft dabei Transparenz, denn nicht alle Erwartungen an Aufgaben sind den Auszubildenden von Anfang an klar.
Bewusste Planung der Ausbildung
Nehmt euch die Zeit, die Ausbildung gezielt zu planen und vorzubereiten: Was soll gelernt werden? Welche Entwicklungsschritte erwartet ihr? Mit welchem Know-how sollen die Auszubildenden die Ausbildung beenden?
Und: Tauscht euch mit anderen Ausbilder:innen in eurem Unternehmen oder in einem Ausbilder:innen-Netzwerk (oder in unseren Weiterbildungen) aus, um neue Impulse zu erhalten.
Vielen Dank für das offene Gespräch und die praxisnahen Impulse! Das Interview zeigt: Ausbildung ist heute mehr als Wissensvermittlung. Sie lebt von Haltung, Kommunikation und der bewussten Gestaltung der Ausbilder:innenrolle. Wer sich diesen Themen widmet, stärkt nicht nur Auszubildende, sondern auch das eigene Unternehmen.
Wer tiefer einsteigen möchte, hat dazu bald Gelegenheit: Der nächste Workshop „Ausbilder:innen im Wandel – Impulse zur Kompetenzstärkung“ findet am 05.03.2025 von 09:00 bis 13:00 Uhr im TRIHOTEL Rostock (Tessiner Str. 103, 18055 Rostock) statt.