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Die dritte "vechtaer trust lecture" fand pandemiebedingt online statt. Zu Gast waren Charlotte Knobloch und Vanessa Eisenhardt.
Die dritte "vechtaer trust lecture" fand pandemiebedingt online statt. Zu Gast waren Charlotte Knobloch und Vanessa Eisenhardt.

Pressemitteilung -

„vechtaer trust lectures no.3“ – Vertrauen und Misstrauen im Kontext von Antisemitismus

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, und die in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit aktive Vanessa Eisenhardt waren bei der dritten Ausgabe der „vechtaer trust lecture“ zu Gast. Dabei sprachen und diskutierten sie online zum Thema „Vertrauen und Misstrauen im Kontext von Antisemitismus“.

„Bereits seit Jahren zeigen uns einschlägige Studien sehr eindrücklich, dass der Antisemitismus in unserer Gesellschaft zugenommen hat“, sagt Prof. Dr. Martin K.W. Schweer, Leiter des Zentrums für Vertrauensforschung an der Universität Vechta, nach Begrüßung durch Präsident Prof. Dr. Burghart Schmidt. „Hierbei erreicht das Corona-Jahr 2020 einen traurigen Höhepunkt: Die Polizei hat mit sechs judenfeindlichen Delikten täglich so viele antisemitische Straftaten festgestellt wie nie zuvor seit Beginn ihrer Zählung im Jahr 2001.“ Es seien aber nicht nur die meist rechtsextremistisch motivierten Straftaten, in denen sich Antisemitismus ausdrücke. Dieser sei – „und dieses ist in meinen Augen besonders bedenklich – auch in der Breite der Bevölkerung präsent“, sagt Prof. Dr. Martin K.W. Schweer. Ein zunehmendes Misstrauen in der Bevölkerung begünstige Antisemitismus.

Dem schließt sich Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, an und ergänzt, dass die wachsende Zahl antisemitischer Übergriffe das Vertrauen vor allem junger und gut ausgebildeter jüdischer Menschen in eine Zukunft in Deutschland zerstöre. Für den langfristigen Vertrauensverlust der jüdischen Gemeinschaft sei entscheidend, ob Staat und Gesellschaft den Eindruck vermittelten, sie könnten oder wollten dem Antisemitismus nicht klar entgegentreten. Die Politik habe das Problem erkannt; auf lange Sicht müsse aber mehr passieren, um dem Antisemitismus entgegenzutreten.

Eindrücklich erzählt Charlotte Knobloch von ihrem Leben. 1932 geboren, erlebte die Jüdin die Herrschaft der Nationalsozialisten als Kind mit: Bezugspersonen verschwanden, Krieg, Verstecken unter falschem Namen. Es habe lange gedauert, bis sie wieder Vertrauen in die Gesellschaft gefunden habe. Ähnliches beobachtet Vanessa Eisenhardt. Unter anderem engagiert sie sich im Verein „Zweitzeugen“. Über die persönlichen Erzählungen von Holocaust-Überlebenden will das Projekt Geschichte nachfühlbar und begreifbarer machen; insbesondere für junge Menschen. Die Zeit nach 1945 rückt der Verein dabei immer wieder in den Mittelpunkt.

Viele Holocaust-Überlebende hätten Traumata, sagt Vanessa Eisenhardt. Traumata, die sie oft allein in ihren Nachkriegsalltag integrieren mussten. Diese Traumatisierung gehe sogar so weit, dass es ein breites Misstrauen in die Gesellschaft gebe, sagt das „Zweitzeugen“-Mitglied und pflichtet den weiteren Ausführungen von Charlotte Knobloch bei. Denn das Misstrauen herrsche nicht nur in der Generation der Holocaust-Überlebenden, sondern auch bei den jüngeren Religionsangehörigen. So höre die ehemalige Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland beispielsweise davon, dass Jüdinnen und Juden die Sicherheitslage in Deutschland als gut bezeichnen würden. Unsicherheit schwinge aber mit, wenn sie als Anhänger*innen der Religion erkannt werden würden. Steigende Übergriffszahlen würden ihr übriges tun. Allein schon die Tatsache, dass „Jude“ auf Schulhöfen auch als Schimpfwort benutz werde, trage dazu bei. Aber Charlotte Knobloch und Vanessa Eisenhardt sind sich einig: Wenn man vor einiger Zeit in Klassenräumen zum Holocaust noch die Frage „Was geht mich das eigentlich an?“ hörte, sind jüngere Generationen dem Thema gegenüber viel aufgeschlossener und interessierter. „Heute haben sie etwas damit zu tun“, schließt Charlotte Knobloch.

„vechtaer trust lectures“
Mit der im Sommersemester 2019 gestarteten Vortragsreihe „vechtaer trust lectures“ sucht das Zentrum für Vertrauensforschung der Universität Vechta gezielt den Dialog mit der breiten Öffentlichkeit, um den so wichtigen Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaft und Praxis voranzutreiben. Im Rahmen der Veranstaltung werden die Phänomene „Vertrauen“ und „Misstrauen“ aus diversen Blickwinkeln ausgewiesener Persönlichkeiten betrachtet: Während Weihbischof Theising als erster Gastredner einen persönlichen Einblick in sein Verständnis von Gottvertrauen gab, beleuchtete nachfolgend Dr. Henning Scherf das Phänomen „Vertrauen“ im Kontext einer alternden Gesellschaft. Die kommende „vechtaer trust lecture no.4“ wird am 24. November das Themenfeld „Vertrauen in das Gesundheitssystem“ aufgreifen. Eine Zusage des Wissenschaftsredakteurs und Mediziners Dr. Bernhard Albrecht liegt vor.

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